Gehabt, nun gut: 70 Dinge weniger

Seit 1. Januar trenne ich mich jeden Tag von (mindestens) einem Gegenstand. (Hier & deshalb.) Dies ist mein zweiter Zwischenbericht (Das ist der erste).

Letzte Woche habe ich beim Zähneputzen von meinem Badfenster aus beobachtet, wie die Bäume im Innenhof zurückgeschnitten wurden. Ich fand es sehr brutal zu sehen, wie sich die motorgetriebenen Ketten durch die Rinde der Äste bis ins Mark vorfressen und auf der anderen Seite wieder heraus. Es machte mich traurig zu sehen, wie die Äste knarzend zu Boden stürzen und die Zweige auf dem Pflaster brachen. Die zum Vorschein kommenden kreisrunden Flächen hellen Holzes sehen immer noch wie Wunden aus. Ich weiß, dass Bäume hin und wieder zurückgeschnitten werden müssen, wenn man ein halbherziges Wuchern in alle möglichen Richtungen verhindern will. Ich weiß sogar, dass Anfang März reichlich spät für den Baumschnitt ist. Und trotzdem konnte ich das nicht richtig finden. Wer hat den bitte zu entscheiden, welcher Ast wohin wuchern darf? Doch bitte der Baum, oder? Gehabt, nun gut: 70 Dinge weniger weiterlesen

Gehabt, nun gut. Mein Verhältnis zu den Dingen.

Ab morgen werde ich versuchen, jeden Tag einen Gegenstand wegzugeben. Ich werde diesen Gegenstand vorher fotografieren und ihm ein paar Zeilen widmen. Wer möchte, kann das auf gehabtnungut.tumblr.com mitverfolgen.

Oder ausführlicher: Das Verhältnis zwischen den Dingen und mir ist schwierig. Ich habe ziemlich jung ziemlich viel geerbt. Kein Geld zwar, aber Besitz. Nein, keine Ländereien, keine Immobilien, sondern einen Hausstand. Geschirr, Geschirrhandtücher, Handtücher, Tücher, Tischwäsche, Bettwäsche, Vasen, Sektgläser, Weingläser, Schnapsgläser, Biergläser, Saftgläser Gehabt, nun gut. Mein Verhältnis zu den Dingen. weiterlesen

Der #shelfie-Trugschluss oder: Über Ulysses

Eine der unzähligen Fabelhaftigkeiten an Twitter ist, dass einzelne Tweets innerhalb weniger Stunden beachtliche Wellen auslösen können, die Spannendes ans Licht bringen. Heute zum Beispiel: Menschen, die ihre Bücherregale fotografieren, um gemeinsam darüber nachzudenken, ob das auch eine Art Selbstporträt sein könnte. Der Hashtag dazu heißt #shelfie. Sarah hat einen tollen Text über das darin lauernde Missverständnis von Intellektualität geschrieben.

Darüber habe ich dieses Jahr einige Male nachgedacht. In meiner sehr kleinen Wohnung stehen zwei ziemlich große Bücherregale, randvoll. Keines der Bücher darin ist in den letzten Monaten von Bedeutung für mich gewesen. Der #shelfie-Trugschluss oder: Über Ulysses weiterlesen

Oxfam Trailwalker: Erinnerungen an die Generalprobe

Die im letzten Post anmoderierte 50 km-Wanderung liegt hinter mir. Ich bin erleichtert und glücklich. Die Strecke ist anspruchsvoll aber nicht „ganz schön knackig“, wie mir Joe Kelly in einem Trailwalker-Werbevideo einreden wollte (nur um mir Angst einzujagen und sich noch länger in der trügerischen Sicherheit wiegen zu können, dass er der Coolere von uns beiden sei).
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Der Gnom in der Abendsonne – eine Medienfolklore.

Gestern wurde mir ein Kalender geschenkt. Aus Papier. Ein halbes Kilo schwer. Groß wie ein Buch. Ein Werbegeschenk eines Geschäftspartners. Mir war das peinlich. Ich finde es immer peinlich, Werbegeschenke überreicht zu bekommen. Besonders, wenn sie mir – nun ja – gefallen. Der Gnom in der Abendsonne – eine Medienfolklore. weiterlesen

Liedeserklärung: Atoms for peace – Default

Ich finde es schwierig über Musik zu reden. Noch stärker als bei anderen Themen, riskiert man hier, die Blüten des eigenen Geschmacks mit objektiven Kriterien zu verwechseln. Darauf, was schlechte Musik ist, kann man sich einigen. Was aber ist gute Musik? Für alle, die sich vor Subjektivität nicht fürchten, gibts eine einfache Antwort: Gute Musik erkennst du daran, dass sie dich berührt.

Mich berührt zurzeit Default von Atoms For Peace. In meiner Jugend in den 90ern, war ich sehr fasziniert von dem Gedanken, einen Jahrtausendwechsel mitmachen zu dürfen. Millennium war am Ende auch nur ein Silvester, das musste ich einsehen. Keine Stromausfälle, keine kollabierten Bank-Systeme, nichtmal einen vernünftigen Rechnerabsturz zuhause gab es. Und dennoch barg das Jahr Zweitausend ein Versprechen von Zukunft, ja von Sci-Fi, das in Neunzehnhundertneunundneunzig niemals gepasst hätte. Oft habe ich mich gefragt, wie sich dieses neue Jahrtausend anfühlen würde. Und weil sich Lebensgefühl und Musik ja zueinander verhalten wie Wetter zu Kleidung, fand ich es ungeheuer spannend, mir vorzustellen, wie 2000plus wohl klingen wird. Nach 13 Jahren einundzwanigstem Jahrhundert hat die Menschheit verstanden, wie es klingen muss: Folgendermaßen.
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Was ist gute Kunst?

Zuweilen habe ich mich in meinem Kunststudium sehr gelangweilt. Insbesondere in Vorlesungen, in denen seelenlose Kunstwerke besprochen wurden. Anfangs habe ich mich dafür sehr geschämt. Wer bin denn ich, die Qualität eines Kunstwerkes zu beurteilen? Bitte was ist denn die Seele eines Kunstwerkes? Je mehr Arbeiten ich selbst produzierte, umso klarer wurde mir: Gute Kunst ist keine Frage des Geschmacks sondern eine Frage der  Qualität. Deshalb schreibe ich heute Texte. Und deshalb kann ich versuchen zu erklären, woran man gute Kunst erkennt. Ich verspreche: Es ist einfacher, als angenommen.
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10 Sätze zum Thema: Oldies

Ich erinnere mich, wie ich eines Abends vom Schluchzen meiner Mutter geweckt wurde. Zum ersten mal in meinem Leben war ich vorm Fernseher eingeschlafen, also einem Phänomen erlegen, das mir bis dato völlig rätselhaft gewesen war. Meiner Mutter rollten dicke Tränen über die Wangen. „Ach, das ist so schön!“, rief sie und meinte ein Duett von Frank Schöbel und Chris Doerk, das hinter hautfarbener 70er-Jahre-Patina über den Fernseher flimmerte. „Das ist total Panne!“, entgegnete ich laut prustend, nachdem ich die hölzerne Choreografie aufmerksam aber erfolglos auf Spuren von Schönheit geprüft hatte. „Das war meine Zeit.“, erklärte mir meine Mutter. „Zu diesem Lied habe ich zum ersten Mal mit deinem Vater getanzt.“ Heute, etwas mehr als 15 Jahre später hat mich der Zufallsalgoritmus meines Rechners mit Marushas „Somewhere over the rainbow“ konfrontiert, das offensichtlich bis heute in einer entlegenen Ecke meines digitalen Musikarchives auf diesen Tag gelauert haben muss. Dieses Lied lief, als ich zum ersten Mal ein Mädchen küsste. Ich schäme mich für meinen indiskutablen Musikgeschmak und das ignorante Verlachen der pompösen Sentimentalität meiner Mutter.

Mein Blog für 20 Euro? Geschenkt!

Wenn ich den wahnwitzigen Plan hätte, in sechs Monaten von den sprudelnden Erlösen meines Blogs leben zu wollen, müsste ich mich einigen unangenehmen Wahrheiten stellen. Unter anderem folgenden:

  1. Meinem Blog fehlt es an Farbe. Während andere Blogger – pardon: Mitbewerber – ihre Seite mit Anzeigen, Links, Fotos und schickem Grafikdesign aufpeppen ist die meinige zu allererst grau und ein schonungsloses Zeugnis meiner mangelhaften Programmierkenntnisse und -begeisterung.
  2. Meinem Blog fehlt es an Reichweite. “Zero Comments” wäre ein guter – weil für weit über 90% der Beiträge zutreffender – Untertitel. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht eine Katastrophe, phonetisch aber sehr hübsch: Kopfkompass – zero comments.
  3. Meinem Blog fehlt es an Regelmäßigkeit. Zwischen diesem Beitrag und dem letzen liegen 18 Tage Sendepause. Davor habe ich mindestens 3 Beiträge pro Woche geschrieben. Ein schallende Ohrfeige für die drei mir bekannten Stammleser. Vor allem weil es außer fehlender Muse und frappierender Faulheit keine überzeugend argumentierbaren Gründe dafür gibt.
  4. Meinem Blog fehlt es an Profil.  Je nach Mondphase schreibe ich mal über Rassismus, mal über Datensicherheit und wenn nötig auch über Homophobie. In sentimentalen Stunden schreibe ich sogar über meine Mutter. Nicht einmal ich weiß, worum es mir eigentlich geht. Wer käme da auf den Gedanken in meinem Blog eine Anzeige zu platzieren?

Bernd Jürgens. Der nämlich schrieb mir letzte Woche:

Hallo Herr Gerber,

ich habe eine Feuerwerk- und Pyrotechnik-Homepage.

Bei meiner Recherche habe ich dabei auch Ihre Homepage im Internet gefunden. Hätten Sie Interesse an einer Zusammenarbeit?

Wenn Sie das Wort -Silvesterparty- in Ihrem Blog-Beitrag http://kopfkompass.de/2009/11/23-november-1986/ mit meiner Homepage verlinken könnten, zahlen ich Ihnen unkompliziert 20,- EUR.

Hätten Sie daran Interesse?

Wenn ja, schicke ich Ihnen noch die genauen Daten meiner Website mit weiteren Informationen zu.

Ich freue mich auf Ihr Feedback.

Schönen Gruß, Bernd Jürgens

Der betreffende Beitrag kreiste um das Vergehen der Zeit, Sterben und Friedhöfe. Er hatte mit opulentem Feuerwerk ungefähr soviel zu tun wie ein Meter Feldweg mit der modernen Raumfahrt. Ich muss jedoch zugeben, dass ich das Wort “Silvesterparty” verwendet habe. Und das Wort “Silvester” auch.

Wer also ist Bernd Jürgens? Ein Kleingewerbetreibender der dringend einer umfassenden Mediaberatung bedarf? Ein großzügiger Förderer des öffentlichen Herumgestocheres verwirrter Blogger? Ein Abmahnanwalt inkognito, der mich vor den Kadi zerrt, wenn er beweisen kann, dass ich meinen Blog gewerblich nutze? Ich werde es nie herausfinden. Natürlich habe ich gefragt. Aber anstelle von Antworten kam lediglich der freundliche Hinweis, es mir doch bitte noch einmal zu überlegen.

Also gut, ich hab’s mir nochmal überlegt. Die Antwort ist: Nein. Ich kann das medienpolitisch, emotional gekränkt, oder erlösorientiert (Ich meine: ‘Nen Zwanni?!) begründen. Oder persönlich: Am 31. Dezember 1986 habe ich die faszinieren Funken eines Sternchenfeuers gestreichelt. Während die daumennagelgroße Brandwunde in meinem linken Handteller in den darauffolgenden Wochen eiternd abheilte, reifte in mir der Entschluss, Feuerwerk fortan nicht mehr zu mögen. Abgesehen davon muss mein Blog nicht meinen Lebensunterhalt finanzieren, weshalb ich mir die Arroganz leisten kann vor obigen Wahrheiten die Augen zu verschließen.

Für alle, denen es anders geht hätte ich da aber einen interessanten Link. Auf Nachfrage.

Andenken aus Stein

Ich habe heute mit meiner Schwester telefoniert. Es ging um den Totensonntag gestern. Nicht, dass wir nur ein einziges Wort davon gesprochen hätten. Aber mir war klar, dass sie am Grab unserer Mutter gewesen sein musste. Und ihr war klar, dass ich das Grab ein weiteres Mal nicht besucht hatte.

Wir hatten schon oft über diesen Ort gesprochen. So oft vielleicht, dass kein Wort übrig geblieben war, dass ich heute dazu hätte sagen können. Und wären da noch welche, hätte ich mir verboten, sie zu sagen. Ich will mich nicht mehr rechtfertigen. Meine Schwester mag mich sehr und will keinen Streit vom Zaun brechen. Aber sie hasst es, dass es überhaupt einen Zaun gibt zwischen uns. Wir kommen nicht zueinander.

Meine Schwester findet es wichtig, dass Andenken an unsere Mutter zu bewahren. Ich auch. Unsere Mutter war eine stolze, starke Frau. Meine Schwester glaubt, ein gepflegtes, geschmücktes Grab sei Ausdruck dieses Andenkens. Ich nicht. Ich glaube, ein gepflegtes, geschmücktes Grab ist Ausdruck von Verzweiflung. Besonders das meiner Mutter. Meine Mutter ist nicht an dort. Sie war noch nie da. Sie kannte diesen Ort nicht.

Wir haben den Ort ausgesucht, nahe am Wasser unter dem riesigen Rhododendron. Wir haben auch den Stein ausgesucht, sogar die Gravur, sogar die Worte der Gravur. Jetzt steht dieser Stein da – bald 10 Jahre – und bezeugt: Was eigentlich?

Dass es meine Mutter gegeben hat? Dass es mich gibt, der heute noch an sie denkt? Dass sie ein Denkmal wert war? Ich verstehe diesen Stein nicht. Ich bin für seine Existenz verantwortlich aber ich habe mich geirrt. Ich kann ihn nicht leiden. Weil er so tut, als könne er die Zeit anhalten. Weil er sich so ewigkeitsschwanger aufbläst und weil er behauptet, er – kalt und zentnerschwer – bewahre das Andenken meiner Mutter.

Meine Schwester sagt, dass sei ein wichtiger Ort für sie und ich respektiere das. Mehr noch: Ich freue mich darüber, dass sie ihn pflegt. Ich bin ihr dankbar.

Aber ich fühle mich schuldig, weil es diesen Ort gibt. Wenn ich nicht da bin, weil ich weiß, dass es Menschen gibt, die finden, dass ich da sein sollte. Weil man das macht, weil man da hingeht, wenigstens ab und an. Und wenn ich dort bin dafür, dass ich dann so nichts, so gar nichts empfinden kann.

Ich kann nicht einsehen, was Koniferen und Efeu jemals mit meiner Mutter zu tun haben sollen.