Partei ergreifen? Naja, wenigstens mal vorfühlen.

Heute Abend werde ich das Neumitglieder-Treffen einer Partei besuchen. Noch bin ich kein Mitglied. Aber aufgeregt. Und irritiert von mir selbst.

Seit ich wählen darf, wähle ich grün. Immer aus Überzeugung, nie aus Gewohnheit. Seit Jahren denke ich darüber nach, in die Partei einzutreten. Ich kann deshalb sehr kompakt argumentieren, warum das eine schlechte Idee ist. Partei ergreifen? Naja, wenigstens mal vorfühlen. weiterlesen

Jeden Furz bei Facebook reinstellen, aber über Prism schimpfen. Here’s why.

„Ich verstehe nicht, warum du dich über die NSA-Bespitzelung so aufregst, wo du doch alle möglichen privaten Informationen über dich bei Facebook breit trittst.“
„Das ist etwas völlig anderes.“
„Das ist das Allergleiche.“

Ist es nicht. Weil ich es in den letzten Wochen gefühlte 93 Mal erklärt habe, hier ein letztes Mal schriftlich in ein Offline-Gleichis verpackt: Jeden Furz bei Facebook reinstellen, aber über Prism schimpfen. Here’s why. weiterlesen

Wir sind rechtschaffende Leute, aber wir haben viel zu befürchten.

Ich erinnere mich gut an den Moment der Enttäuschung, als ich fünfjährig einsehen musste, dass mich meine Mutter auch dann sehen konnte, wenn ich mir die Augen zu hielt. Ich erinnere mich, an das Trauma eines Freundes, der im Alter von 12 Jahren anhand der Verletzung versteckter Plompen beweisen konnte, dass sein Vater sein Tagebuch las und an den Umzug der Schuberts in eine andere Stadt, nachdem sie ihre Stasi-Unterlagen gelesen hatten.

Festzustellen, dass man beobachtet wurde obwohl man sich in sicherem Umfeld wähnte, ist unerträglich. Meine Mutter hat ihrer Stasi-Akte niemals angefordert. Ihr war klar, dass daraus Spitzeleien im nächsten Umfeld offenbar würden, die Konsequenzen verlangten, vor denen sie sich noch mehr fürchtete als vor den seelischen Verletzungen durch den vielfach begangenen Verrat. Ich kann das verstehen. Aber ich halte das für falsch. Fakten wie diese muss man ansehen, finde ich.

Die Situation, der wir uns alle in den letzten Wochen häppchenweise gewahr werden, ist eine andere aber vielleicht doch vergleichbar. Wir sind rechtschaffende Leute, aber wir haben viel zu befürchten. weiterlesen

Prism: Wie erklären wir das unseren Kindern?

Ich bin gelähmt. Ich bin entsetzt. Ich schaudere. Ich fürchte mich. Ich bin wütend. Ich fühle mich manipuliert. Verarscht. Verraten. Beraubt. Ich fühle mich entwürdigt. Ich komme mir naiv vor, gutgläubig und dumm.

Ich hatte mir vorgenommen, zu warten, bis ich wieder klar sehe, bevor ich darüber schreibe. Aber ich beruhige mich nicht. Alles wird unüberschaubarer, ungeheuerlicher, bedrohlicher. Ich bin gut darin, meine Gefühle zu beschreiben, aber es geht nicht um mich. Ich bin gut darin, mich zu echauffieren, aber das wird nichts nützen. Ich kenne mich ein bisschen aus mit totalitären Systemen und Computern, aber auch das reicht nicht.

Ich sitze auf meinem Fensterbrett und schaue der Stadt beim Blinken zu. Ich muss über Begriffe wie Gesellschaft, System, Staat und Macht nachdenken. Immerzu. Ich versuche zu begreifen, was Freiheit ist und Demokratie. Ich frage mich, wie wir uns dieses Idealen annähern könnten. Ich frage mich, wer „wir“ ist. Prism: Wie erklären wir das unseren Kindern? weiterlesen

Brüderle – der unverstandene Stratege?

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle fabulierte gestern im ARD-Morgenmagazin darüber, dass man die Wahl des Bundesvorsitzenden von Ende Mai durchaus auf Ende Februar bzw. Anfang März vorziehen könnte, um rechtzeitig gestärkt in den Bundestagswahlkampf zu ziehen. Viele Parteikollegen und Journalisten kritisieren diesen Vorstoß als unüberlegt, kontraproduktiv und regelrecht tollpatschig.

Die leidige Personaldebatte, die sogar tapferen FDP-Ignoranten seit Monaten zum Hals heraus hängt, erhält so ein weiteres schlecht geschriebenes Kapitel. Der zum greifen nahe Wiedereinzug der FDP in den niedersächsischen Landtag könnte so zwei Tage vor der Wahl unnötig gefährdet sein.

Könnte. Genauso gut könnte es nämlich sein, dass Brüderles Aussage ziemlich clever war.
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10 Sätze über Nebeneinkünfte von Politikern

Der Versuch, Peer Steinbrück nach seiner Kür zum SPD-Kanzlerkandidaten wegen sehr üppiger Vortragshonorare zum käuflichen Jubelbarden seiner Auftraggeber zu degradieren, ist unanständig, populistisch und irreführend. Deutschen Politikern ist es ausdrücklich gestattet, sich Nebeneinkünfte in beliebiger Höhe zu organisieren, solange sie diese bestimmten Regeln folgend offenlegen – was Peer Steinbrück stets fristgemäß und einwandfrei getan hat. Das Problem ist also, dass Steinbrücks Verhalten eigentlich kein Problem ist.

Wie mir die Fabeln Gauselmann und die FDP, Gerhard Schröder und Gazprom oder auch Mario Draghi und Goldman Sachs lehrten, hat die Bezahlung von Politikern durch Unternehmen nämlich immer ein Geschmäckle, und zuweilen ein unerträglich fauliges.

Dabei ist es weniger kompliziert, als es scheint: Wenn wir möchten, dass die hellsten und kompetentesten Köpfe unserer Zeit Karriere inder Politik und nicht in der Wirtschaft machen, müssen wir ihnen Diäten zahlen, die mit den Gehältern in der freien Wirtschaft mithalten können, auch wenn das teurer wird als bisher. Im Gegenzug dürften wir dann aber erwarten, dass diese von uns gewählten und bezahlten Politiker für uns arbeiten – und für niemanden sonst. Soweit ich das verstanden habe, sind Parteivorsitzender, Minister und sogar Abgeordneter ohnehin Full-Time-Jobs die – sofern man sie gewissenhaft ausfüllen möchte – gar keine Zeit für Nebentätigkeiten lassen.

Zur Vermeidung von Interessenkonflikten und Korruptionsvorwürfen sollten wir Politiker wenigstens für die Dauer ihrer Mandate dazu verpflichten, auf jegliche Nebeneinkünfte zu verzichten. Das freilich werden wir nie tun – denn wer sollte es in unserem Namen beschließen?

Hassliebe: Die Wanze in meiner Tasche

Miriam Meckel, Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement in St. Gallen, twitterte letzte Woche:

„Think of your smartphone as a tracking device that happens to make a call. „

Wir wissen, dass mit Hilfe unsere Mobiltelefone Bewegungsprofile von uns erstellt werden können. Und auch, dass von dem, was wir als Privatsphäre (miss)verstehen nicht viel übrig bleibt, wenn man die Verbindungsdaten und den Datenverkehr zur Auswertung hinzuziehen würde. Wir nehmen das hin. Aber Warum?

Mir gelingt das, weil ich entgegen Meckels Vorschlag eben nicht daran denke. Ich wische meine Überwachungsfantasien wie Fettflecken vom Display, indem ich mir einrede, sie wären übertrieben und psychotisch. Ich halte Orwell und Huxley für Science-Fiction-Autoren, nicht für Propheten. Ich lache über Verschwörungstheorien. In meiner betriebswirtschaftlichen Ausbildung habe ich gelernt, dass Konzerne mein Geld wollen, nicht aber mein Leben. Ich bezweifle, dass der Staat mich kontrollieren will, weil ich mir immer noch einrede, ich sei der Staat. Aber ich finde es zunehmend schwieriger, mir zu glauben.
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Was ist gute Kunst?

Zuweilen habe ich mich in meinem Kunststudium sehr gelangweilt. Insbesondere in Vorlesungen, in denen seelenlose Kunstwerke besprochen wurden. Anfangs habe ich mich dafür sehr geschämt. Wer bin denn ich, die Qualität eines Kunstwerkes zu beurteilen? Bitte was ist denn die Seele eines Kunstwerkes? Je mehr Arbeiten ich selbst produzierte, umso klarer wurde mir: Gute Kunst ist keine Frage des Geschmacks sondern eine Frage der  Qualität. Deshalb schreibe ich heute Texte. Und deshalb kann ich versuchen zu erklären, woran man gute Kunst erkennt. Ich verspreche: Es ist einfacher, als angenommen.
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Leipziger Dummheit: Bürger gegen Asylbewerber

Die Stadt Leipzig will eine marode Massen-Unterkunft für Asylbewerber am Rande der Stadt schließen und die Bewohner in mehrere kleine über das gesamte Stadtgebiet verteilte Einheiten umsiedeln. Nun wurde eine Bürgerinitiative gegründet um genau das zu verhindern.

Hier ein sehr sehenswertes Video zum Sachverhalt:

Bei diesem Protest geht es aber nicht um Asylbewerber. Es geht auch nicht um Menschen. Sondern um Dummheit. Und Rassismus – also Dummheit. Was deshalb besonders schmerzt, weil sie sich ausgerechnet in der Stadt Bahn bricht, die wie keine zweite in Deutschland für den Wunsch nach Demokratie, die Wahrung der Bürgerrechte und friedliches Zusammenleben stehen will. Die als Marke geschützte Leipziger Freiheit wird augenblicklich offenbar auch als die Freiheit nicht Nachzudenken verstanden.
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Kristina Schröders Homo-Ehen-Realismus

Dass Kristina Schröder wenig Verständnis für Menschen hat, die nicht ein Leben lang Mutter-Vater-Kind in den immer gleichen Rollen spielen wollen, haben wir schmerzlich einsehen müssen. Und lautstark kritisiert – leider bisher ohne nennenswerte Resonanz.

Ich persönlich befürchte allmählich, dass Schröder ihre Positionen nicht aus innerer Überzeugung vertritt sondern weil sie sich unter konservativer Familienpolitik, einfach nichts anderes vorstellen kann. Familienministerin sein ist auch nur ein Job, und den will sie gut machen. Sie will das tun, was dem konservativen Wähler gefällt.

Am Rande eines Interviews, das sie gestern der Schwäbischen Zeitung gab, blitzt ein cleveres Stück Strategie durch, das der Ministerin ein überraschendes Maß an Realitätsgewinn bescheinigt:

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