Zu Tode rationalisiert

Am späten Nachmittag des letzten Freitags öffnet die 32-jährige Stephanie, Mitarbeiterin der Mahnabteilung von France Télécom, das Fenster an ihrem Arbeitsplatz im 4. Stock des Bürogebäudes in der Pariser Rue Médéric und stürzt sich vor den Augen ihrer Kollegin auf die Straße. Einige schreckten erst auf, als sie den Aufprall des Körpers auf der Straße hörten. Stephanie ist nicht sofort tot – eine Kollegin versucht sie mit einer Decke zu wärmen und bei Bewusstsein zu halten – zwei Stunden später erliegt die junge Frau jedoch im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen.

Am letzten Mittwoch holt ein Störungstechniker im südwestlich von Paris gelegenen Troyes während einer Konferenz  mit anderen Mitarbeitern des Unternehmens ein Messer aus der Tasche und rammt es sich in den Bauch. Er überlebte schwer verletzt.

Vorgestern Abend wurde eine weitere Angestellte der Firma in ihrem Haus in Metz nahe der Deutschen Grenze von Angehörigen bewusstlos aufgefunden, nachdem Sie eine Überdosis Schlafmittel eingenommen hatte. Auch sie hat überlebt.

Insgesamt haben sich in den letzen anderthalb Jahren 23 Mitarbeiter von France Télécom das Leben genommen. 12 weitere überlebten ihre Suizidversuche.

Als Reaktion setzte der französische Arbeitsminister Darcos am Dienstag einen Behördenvertreter zur Überwachung der Gesundheitssituation bei dem Telekommunikationskonzern ein und traf sich heute mit France Télécom-Chef Didier Lombard um nötige Maßnahmen zu besprechen. Psychisch labile Mitarbeiter sollen nun Zugang zu betrieblich organisierter psychologischer Betreuung erhalten – per Telefonhotline. Weiterhin sollen 100 Personalreferenten eingestellt werden, die die angespannte Lage im Unternehmen analysieren und entspannen sollen. Außerdem soll der massive Umbau des Unternehmens bis Ende Oktober auf Eis gelegt werden. Das alles kann man hier, hier oder hier nachlesen.

Selbstverständlich versucht die Konzernleitung die Situation herunterzuspielen, in dem sie beispielsweise darauf hinweist, dass sich die unternehmensinterne Selbstmordrate statistisch gesehen im normalen Bereich bewegen würde. Außerdem heißt es, dass es sich bei den tragischen Todesfällen grundsätzlich zuerst um persönliche und nicht um betriebliche Dramen handele. Stephanie zum Beispiel, habe psychische Probleme gehabt, wie Personalchef Olivier Barberot dem “Journal du Dimanche” erklärte. "Sie hat 2008 nur 58 Tage gearbeitet und hat in diesem Jahr an 61 Tagen gefehlt. Wir haben reagiert, indem wir ihre Arbeitsbelastung reduziert haben." In den Tod sprang sie allerdings, nachdem sie erfahren hat, dass sie einen neuen Vorgesetzten bekommen soll.

Der Störungstechniker habe ebenfalls überreagiert. Seine Stelle sei zwar weggefallen, ihm sei aber eine vergleichbare Position an anderer Stelle im Unternehmen angeboten worden.

Eine andere Sprache sprechen die Abschiedsbriefe, die einige Mitarbeiter hinterlassen haben. In einem heißt es, dass die mit der Versetzung in einen Vorort von Straßburg verbundene Ferne zu Heimat und Familie unerträglich sei. Ein anderer beschreibt, dass die neue Technik am Arbeitsplatz einfach nicht unter Kontrolle zu bringen wäre. In einem dritten öffentlich gewordenen Brief heißt es wörtlich:

Ich habe mich wegen meiner Arbeit bei France Télécom umgebracht. Das ist der einzige Grund.
Dauernde Dringlichkeit, überlastet von der Arbeit, das Fehlen von Ausbildung, die totale Desorganisation des Unternehmens. Ein Management, das über Terror funktioniert.
Das hat mich selbst völlig durcheinandergebracht und verstört. Ich bin zum Wrack geworden, es ist besser, dem ein Ende zu setzen.

"Es handelt sich nicht nur um persönliche Dramen", sagte der Vorsitzende der Arbeitnehmerorganisation CFDT, François Chérèque am Montag. "Wir haben hier ein Unternehmen, dessen einziges Ziel es ist, Cash und Knete anzuhäufen, und dabei verlangt man von den Beschäftigten immer mehr Rentabilität".

Tatsächlich werden enorme Anstrengungen unternommen, den ehemaligen Staatskonzern fit für den internationalen Wettbewerb zu machen. So wurden in den vergangenen Jahren 22.000 Stellen abgebaut, weitere 7.000 Mitarbeiter wurden versetzt, weil das Unternehmen zahlreiche kleinere Niederlassungen geschlossen hat und immer noch schließt um sie in größeren zu bündeln. Dieser Stellenab und –umbau ist offenbar noch längst nicht beendet: "Alle Angestellten erhalten regelmäßig per Mail Angebote, das Unternehmen zu verlassen", sagt Philippe Meric von der Gewerkschaft SUD. "Die Manager haben Vorgaben, die Mitarbeiter zu ermuntern, zu gehen."  Erreichen sie dieses Ziel, erhalten sie eine entsprechende finanzielle Belohnung.

Dementsprechend überrascht es niemanden, dass die Krankheitsquote im Unternehmen im letzten Jahr um sieben Prozent gestiegen ist.

Letzten Donnerstag nun demonstrierten zahlreiche Angestellte gegen die in ihren Augen unerträglichen Arbeitsbedingungen. Auf Transparenten bezeichneten sie diese als “terreur” und forderten: "Stoppt das Leiden bei der Arbeit".

France Télécom ist sicher das deutlichste, längst aber nicht das einzige Beispiel für regelrechte Selbstmordwellen in französischen Unternehmen. Vor zwei Jahren, gab es in den Entwicklungsabteilungen der Autokonzerne Renault und PSA ebenso eine Reihe von Suizidfällen binnen kurzer Zeit.

Mich macht das betroffen und sehr ratlos. Ich selbst arbeite für eine international agierende Bank und weiß, dass die Maschine Erwerbsarbeit gierig ist und man sich sehr gut an seinen privaten, moralischen, ideellen Wurzeln festhalten muss um nicht im sich selbst immer weiter rationalisierenden Räderwerk verloren zu gehen. Oft liest man vom “Kapitalismusbergwerk” oder vom “Hamsterrad”. Psychische Erkrankungen nehmen auch hierzulande zu, das Burn-Out wird zur neuen Volkskrankheit. Und ich verstehe nicht ganz, warum.

Natürlich: Arbeitspensum und –komplexität steigen immer weiter, die Globalisierung und vielleicht auch die Gier zwingt Unternehmen Prozesse immer effizienter und rationeller zu arbeiten, und noch immer Leben wir in einer Gesellschaft, in der sozialer Status direkt von der Teilnahme am oder dem Ausgeschlossensein vom Erwerbsleben abhängt.

Fraglich ist doch aber, wie hoch der Druck, wie stark der “terreur” und wie aufgerieben und ausgebrannt das Nervenkostüm eines Menschen sein muss, damit er direkt durchs offene Fenster am Arbeitsplatz in den Tod springt. Welchen Stellenwert hat die berufliche Stellung für so einen Menschen? Und wie konnte sie so bedeutungsvoll, so wichtig werden, dass sie über Leben und Tod entscheidet?

Hätte die einer Kündigung folgende Arbeitslosigkeit wirklich das Ende aller Möglichkeiten bedeutet? Hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen?

Selbstverständlich kann ich mir kein Urteil über die 23 Verstorbenen erlauben. Aber an diesem Beispiel wird so deutlich wie selten, dass das Konzept von Erwerbsarbeit als Sinnstifter, als Lebensinhalt, als Maßstab für Erfolg oder Misserfolg eines Menschenlebens nie angemessen war und sich selbst überholt hat. Die Frage die jetzt kommt ist noch schwieriger:

Wofür leben wir eigentlich?

Wenn es nun aber so ist, dass die Erwerbsarbeit zum Lebensinhalt vieler geworden ist, was ja nicht zuletzt auch darin begründet liegt, dass sie vielerorts den Löwenanteil der Lebenszeit und –energie beansprucht, dann muss man fragen, was aus ihr geworden ist bzw. was aus ihr wird: Wenn die Arbeit verlangt, dass sich der einzelne über sie definiert, muss sie ihn auch wertschätzen.

 

Quellen: Nouvel Obs, Le Point, Die Welt, Telepolis

Effizienzprogramm

Am Anfang war das wie Versteckte Kamera. Ich war der Lockvogel. Ich hatte mir eine lustige Verkleidung angezogen, in der man mich nicht erkennen konnte und meine Aufgabe war es nun, den armen Opfern etwas weißzumachen, dass ziemlich absurd, ziemlich unerhört und auch ein bisschen lächerlich war. Im Unterschied zur Versteckten Kamera gab es bei mir aber keine Kamera und auch keine Auflösung. Und witzig war es auch nur kurz.

Das Situation ist folgende: Ich verdiene mein Geld in einer Bank. Ich mach das nur Teilzeit und nur, um das, wofür ich eigentlich lebe finanzieren zu können. Und ich halte das nur aus, weil ich an Tagen wie diesem auch in Flip-Flops und kurzen Hosen da hingehen darf und die Kollegen einander Witze erzählen und wann immer jemand Geburtstag hat dessen Arbeitsplatz so aufwändig und liebevoll dekorieren, dass zum Arbeiten eigentlich kein Platz mehr ist.

Einige meiner Freunde wundern sich, wie ich das mache und auch warum, weil mein Job nun mal in einer Inkasso-Abteilung situiert ist, in der es zuweilen durchaus hart und kalt und unangenehm zugeht. Sie finden, ich verschwende mein Potential und riskiere abzustumpfen und in jenem gefürchteten Hamsterrad zu landen, aus dem man nie wieder rauskommt. Andere Freunde wiederum, klagen mir nach Feierabend (meinem!) ihr Leid darüber, dass es wahnsinnig schwierig ist, sich seinen Tag zu organisieren, wenn man nichts muss, und dass man von dem bisschen Almosen, das einem der Staat zur Verfügung stellt unmöglich leben kann. Sie finden, ich habe es wirklich gut getroffen, mit meiner vorgegebenen Tagesstruktur und meinem gesicherten Ein- oder Auskommen. Ich finde beide haben recht und kann mich nicht entscheiden.

Letzte Woche nun war ich zum ersten Mal auf Tour. In einer Filiale. „Draußen“, wie es im Bankdeutsch heißt. Meine Aufgabe war, Kundenbetreuerinnen, die seit 30 Jahren im Finanzvertrieb tätig sind zu erklären, wie genau sie unsere Kredite verkaufen müssen und dass es künftig bitte dringend mehr sein müssen als bisher, ohne mir anmerken zu lassen, dass ich eine ahnungslose Teilzeitkraft bin, die in den Job nur reingerutscht ist, weil sie zur falschen Zeit im falschen Call-Center gearbeitet hat und übermütig war. Und die sich in Wirklichkeit weder für Kredite, noch für Kreditkarten, noch für Geld, nicht mal für Zahlen insgesamt interessiert.

Ich mag Herausforderungen. Diesen Satz Bankdeutsch habe ich so verinnerlicht, dass ich ihn mir mittlerweile selbst glaube. Außerdem hatte ich letzte Woche im SSV einen modernen Anzug für nur 60 € ergattert, der mir bei der Anprobe für eine Freundin das zweifelhafte Kompliment „fieser Bürohengst“ bescherte. Zu guter Letzt gelang es mir, das Auswendiglernen jeder einzelnen Präsentationsseite in diesem bibeldicken Vorbereitungsordner als geistigen Fitnesstest zu begreifen, den ich mit Bravour bestand. Dementsprechend war ich voll auf der Überholspur in meinem gemieteten schwarzen Ford Focus mit abgedunkelten Scheiben und Heckspoiler.

Trotzdem ging es irgendwie schief. Und ich wusste, dass es schief gehen würde, in der Minute, in der sich der solariumbraune, perlweißlächelnde Filialleiter mit seiner goldberingten Hand durch sein Haar fuhr, als wolle er mir zeigen, dass die spitzen Enden seiner gegelten Locken als formidable Waffen in einem eventuellen Zweikampf taugen würden. Eskaliert ist es aber erst beim Gespräch mit den Privatkundenbetreuerinnen. Und zwar in jedem einzelnen der drei Gespräche, die ich zu führen hatte.

Die erste kommentierte die Anmoderation ihres Filialleiters, dass ich nun Zeit für sie hätte mit: „Ich aber nicht für ihn.“, ohne ihren Blick vom Computerbildschirm abzuwenden. Im Gespräch, dass dann dennoch stattfand, fiel ihr Kopf zur Seite, ihre Augen fast zu, ihre Arme von der Stuhllehne und der Satz „Mich interessieren nicht die Bedingungen der Restschuldversicherung sondern welchen Ertrag sie mir bringt.“, aus ihrem Mund.

Die zweite gab in der einen Stunde, die ich Zeit für Sie hatte ein und denselben abgelehnten Kreditantrag insgesamt sieben Mal unverändert zur Überprüfung, in der Hoffnung, dass er irgendwann genehmigt werde, während ich ununterbrochen damit beschäftigt war ihr zu erklären, dass dies nicht passieren wird, solange sie den Antrag nicht ändert. Nachdem wir den Antrag vor dem achten Mal gemeinsam geändert haben, woraufhin er genehmigt wurde, ballte sie eine Hand kämpferisch zur Faust, steckte mir den Zeigefinger der anderen zwischen die Schlüsselbeine und rief: „Sehen Sie! Man muss einfach hartnäckig sein, irgend wann klappt’s.“

Die dritte schließlich brach nach der ersten für sie neuen Erkenntnis zum Kreditthema, die sie ungefähr zwei Minuten nach Gesprächsbeginn erlangt, augenblicklich in Tränen aus und kriegte sich bis zum Ende des Gespräches auch nicht mehr ein. Zwischen Schluchzen und Schnäuzen versuchte sie immer wieder mir in Satzfragmenten zu erklären, dass sie drohe wahnsinnig darüber zu werden, dass hier jeder was anderes erzählt, alle behaupten nun aber definitiv recht zu haben, und niemand einsehe, dass es hier ein unbestreitbares Kommunikationsproblem gibt, das seriöses Arbeiten ad absurdum führt.

Ich hab das eingesehen. Erst recht, als mir die Halbtagskraft vom Schalter, die das Glück hatte, die Filiale genauso zeitig zu verlassen wie ich bei einem Kaffee auf einer Bank in der Fußgängerzone erklärte, dass vor vier Wochen eine der Filialbetreuerin im Rahmen eines so genannten „Effizienzprogrammes“ rausgeschmissen wurde und die verbleibenden vier nun eben jeweils 1.500 statt vorher 1.200 Kunden haben mit denen sie selbstverständlich nun auch 20 Prozent mehr Ertrag erwirtschaften müssten. Dies sei jedoch schon allein deshalb völlig unmöglich, weil die Filiale erstens nun mal nur 12 Stunden am Tag geöffnet sei und zweitens sämtliche Vertriebsprogramme nach einer Softwareumstellung vor einigen Monaten nur noch sporadisch funktionierten.

„Wie halten Sie das aus?“, fragte ich.
„Ich halte das nicht aus.“, antwortete sie. „In zwei Monaten ist mein Haus abbezahlt, dann kündige ich.“
„Um was zu tun?“, fragte ich.
„Um nicht den Verstand zu verlieren.“, antwortete sie. „Und nicht meine Lebensfreude.“

Tropfender Schlips und platzender Kragen

Obwohl ich fror, zog ich es vor meine Morgenrituale heute in Unterhosen zu verrichten. Ich habe mich erst 6 Uhr 25 angekleidet. Fünf Minuten, bevor ich das Haus verließ. Ich mag keine Anzüge. Auch diesen nicht. Dabei habe ich ihn erst letzte Woche gekauft. Als Schnäppchen. Im SSV. Nur so konnte ich es überhaupt vertreten.

Ich versuche ihn als Kostüm zu betrachten. Als Verkleidung. Verkleidungen dürfen unpraktisch sein und unbequem und furchtbar heiß und nicht waschbar. Wie bei Batman, Catwoman oder Samson aus der Sesamstraße. Das kann ich akzeptieren. Was ich nicht so gut akzeptieren kann, ist der ganzjährige Fasching, der in Bankkreisen mit diesen Anzugkostümen gefeiert wird. Gar nicht akzeptieren kann ich das Zusammentreffen von Bankanzugfasching und Hochsommer.

Ich gestehe es offen und ohne Scham ein: Ich transpiriere stark. Auch ohne Anzug. Erst gestern hat mir meine Chefin – die mich nur zum Vorstellungsgespräch im Supermankostüm der Branche gesehen hat – vorgeschlagen, doch künftig Wechselwäsche im Büro zu deponieren. Sie sei besorgt, dass ich mich in der guten halben Stunde, die die herzförmigen, pizzatellergroßen Schweißflecken auf Brust und Rücken meines T-Shirts zum Trocknen brauchen, nicht erkälte. Ich weiß nicht genau, ob sie tatsächlich um meine Gesundheit schert. Vielleicht schiebt sie ihre Sorge nur vor, damit der tiefe Ekel den sie in Wirklichkeit empfindet nicht ungefiltert aus ihr herausbricht. Und ich will, dass mir das egal ist. Ich weigere mich, jeglichen Hinweis auf die Natürlichkeit meines Körpers zu leugnen, auch wenn das gerade schwer im Trend liegt. Zur Natürlichkeit meines Körpers zähle ich neben meinen stachligen Waden auch meine unversiegelten Haare und meinen Schweiß. Immerhin: Ich stinke nicht. Ich schwitze – ja – aber ich bin sehr gut und mehrfach deodoriert. Und das reicht ja wohl als Kompromiss.

So gesehen sind meine Schweißflecke ein politisches Statement. Meine Chefin sitzt mir gegenüber und sieht mich, sobald sie Ihren Blick von Computerbildschirm abwendet. Sie hindert schon ihre Körperbehaarung durch Rasur daran, sie ans Menschsein zu erinnern. Und ihrer Körperform gebietet sie durch stundenlanges Training auf dem Stepper nach Feierabend, ihre pathologische Abhängigkeit von Süßigkeiten zu ignorieren. Dann ist es doch geradezu meine Pflicht, ihr als lebendiger Denkzettel sofort ins Auge zu springen, wenn es die Diagramme und Tabellen, die sie den ganzen Tag anstarrt mal für zwei Sekunden freigegeben haben.

Meine Schweißflecken entstehen auf dem Weg zur Arbeit. Den bestreite ich mit dem Fahrrad. Und das ist anstrengend. Seit mich ein Kollege neulich darauf hinwies, dass ich feuchter als jedes ihm bekannte Biotop sei, stören mich die Flecken auch. Nur weiß ich nicht, wie ich sie verhindern soll. Nicht mehr zur Arbeit zu radeln, kommt nicht in Frage. Die Veranlassung jeden Tag gute 10 km Rad zu fahren, ist eines der wesentlichsten Argumente dafür, diesen Job nicht auf der Stelle hinzuschmeißen. Dreißig Minuten im Hof zu warten, und das Büro erst zu betreten, nachdem meine Kleidung auf meinem Körper getrocknet ist kommt auch nicht in Frage. Der Gedanke an die nützlichen Dinge, die ich in dieser Zeit erledigen könnte würde mich wahnsinnig machen. So gesehen wäre Wechselwäsche keine schlechte Idee. Aber was mache ich mit dem nassen Hemd? Ich kann es doch nicht über den Heizkörper hängen. Oder auf einen Bügel an die Garderobe. Oder über meine Stuhllehne. Das macht alles noch schlimmer. Ich kann es aber auch nicht tropfnass wie es nun einmal ist in meinen Rucksack stopfen. Da würde ich mich dann ekeln.

Heute nun musste ich für einen Auswärtstermin, der einen eigenen Eintrag verdient hat, einen kompletten Anzug anziehen. Mit einem langärmligen Hemd, das aus so weichem Stoff gefertigt ist, dass ich unbedingt ein Unterhemd darunter tragen muss, wenn ich nicht den ganzen Tag zur Natürlichkeit meiner Brustwarzen stehen möchte. Und mit Krawatte, inklusive der goldenen Krawattennadel mit der niedlicher Froschfigur zum Schmunzeln. Und mit dem unbequemsten Paar Schuhe das ich besitze, weil es gleichzeitig das einzige schwarze und seriöse ist.

Der Mietwagen hatte eine Klimaanlage, deren Kühlleistung mir wichtiger war als der Beitrag, den sie zur globalen Erwärmung der Außenwelt leistete. Letztere traf mich beim Verlassen des Fahrzeuges allerdings wie eine Keule. Noch bevor ich den ersten Schritt in die Filiale gesetzt hatte rollte mir der erste Schweißtropfen die Wirbelsäule hinab. Bis dahin hatte ich ungefähr 50 Schritte im Freien gemacht.

Die Gebäudetechniker der Filiale hatten ökologischer gedacht als ich, und auf den Einbau einer Klimaanlage verzichtet. Ich hatte drei einstündige Gespräche zu führen. Spätestens in der Mitte des zweiten Gespräches erlag ich der Überzeugung, dass ich es nicht mit Menschen, sondern mit verblüffend natürlich anmutenden Robotern zu tun hatte, deren einziges Manko es war, nicht zu transpirieren. Während des dritten und wichtigsten Gespräches fühlte ich mich, als säße ich in einer fachmännisch geheizten Finnsauna. Beim mir gegenübersitzenden Filialleiter zeigte sich jedoch nicht einmal die Idee eines Schweißtropfens. Nicht auf der Stirn. Nicht unter der Nase. Nirgends. Das machte mich wütend, da ich inzwischen meine ganze Konzentration darauf verwandte, die Wärmeregulierung meines Körpers zu gewährleisten. In dem ich unter dem Tisch halb aus den Schuhen schlüpfte, damit die Pfützen darin verdunsten konnten, zum Beispiel. Oder indem ich meine Arme locker am Stuhl hinunter hängen ließ um unauffällig die Finger spreizen zu können, innerlich flehend, dass die dazwischen zirkulierende Luft nun mein Blut kühlen würde.

Als der Mann schließlich seinen Arm streckte um einen Ordner zu greifen, wobei sein Jackett den Blick auf seine pudertrockene Achselhöhle freigab, platzte mir der Kragen. Der Mann war wesentlich korpulenter als ich und weigerte sich dennoch trotzig, den Gesetzen der Physik zu folgen und gefälligst stärker zu schwitzen als ich. Der Mann gestikulierte fröhlich Jahrmärkte in die Luft, während ich schon vor einer Stunde jegliche Bewegung eingestellt hatte, um die drohende Gerinnung der Eiweiße in meinem Körper abzuwenden. Diese furztrockene Achselhöhle brachte mein Schweißfass zum Überlaufen. „Herr Bachmann!“, unterbrach ich ihn, „Herr Bachmann, wenn Sie möchten, dass ich Ihnen konzentriert zuhöre, und ich denke, dass möchten Sie, dann muss ich auf der Stelle vier Dinge tun.“ Er hob die Brauen. „Ich muss dieses Jackett ausziehen, und diese Krawatte, und meine Schuhe. Und dann muss ich mir die Ärmel hochkrempeln. Andernfalls vergehe ich.“ Jetzt war ihm jegliche Mimik abhanden gekommen. „Ist Ihnen nicht gut? Brauchen Sie ein Glas Wasser? Wollen Sie sich hinlegen?“, rief er als sei es ein einziges Wort. „Nein, Danke. Mir ist nur heiß.“ „Heiß“, sagte er. Und es war keine Frage und kein Unverständnis. Es war eher als würde er laut darüber nachdenken, was dieses Wort noch gleich bedeutete. Dann fiel es ihm ein. Nachdem er seine Stirn vielsagend runzelte, erklärte er: „Es ist Sommer.“ Und nach einer weiteren Pause, die ich nicht mit einer Antwort füllen konnte, weil es mir mein Temperament nicht erlaubt hätte, sie in Zimmerlautstärke zu äußern: „Dann mach ich mal die Tür zu.“ Auch das musste ich unkommentiert lassen, diesmal, weil ich seiner Logik nicht folgen konnte. Als er sich wieder setzte öffnete er beiläufig die beiden Knöpfe seines Jacketts. Dann fragte er mich, wo wir stehen geblieben seien.

Konzentration

Es ist schwierig mich zu konzentrieren. Manchmal so schwierig, dass ich meiner Erinnerung misstraue, die mit trotzig verschränkten Armen behauptet, dass ich das früher sehr gut konnte: Eins sein mit dem, was ich gerade tue. Ganz und gar bei einer Sache oder einem Menschen sein. Einen Gedanken bis zu Ende verfolgen. Nicht flattern.

Heute glaube ich manchmal, „sich konzentrieren“ ist wie „mit sich im Reinen sein“ oder „sich selbst lieben“. Es klingt erstrebenswert, essentiell wichtig, fast einfach und ist dabei hoffnungslos unerreichbar um nicht zu sagen illusorisch.
Ich weiß nicht, wann das anfing. Aber jetzt ist es so: Ich flattere. Immer. Ständig arbeite ich mindestens an zwei Dingen gleichzeitig, während ich eine dritte Sache auf meine innere Zu-erledigen-Liste schreibe und mir eine vierte einfällt, die ich heute ebenfalls unbedingt noch abhaken möchte. Unterm Strich mach ich dann alles irgendwie schnell schnell. Abends hab ich Muskelkater im Oberschenkel, weil ich den ganzen Tag unterm Schreibtisch mit dem Bein gewackelt habe.

Das ist unbefriedigend und kommt mir nicht gesund vor. Natürlich ist mein Leben stressig, aber deins auch. Natürlich habe ich viele Dinge zu erledigen, aber du auch. Mir ist klar, dass alles Jammern nichts nützt. Was hingegen nützlich sein könnte ist, die gewonnene Erkenntnis in die Tat umzusetzen und Konzentration quasi neu zu erlernen.

Das klappt nicht. Das ist zu endgültig formuliert. Es wird deshalb zurückgenommen und ersetzt durch: Das ist mir bisher nicht gelungen. Es ist leicht und bequem sich das einzureden. Aber verantwortlich für dieses permanente Überall-und-Nirgends –sein sind durchaus nicht nur äußere Störfaktoren wie mein verflixtes Telefon, dieses Dingdong, dass mich über den Eingang einer neuen E-Mail informiert oder H., der seinen Kopf zur Tür hereinsteckt um zu klären, ober mittags Bohnen oder Rotkohl als Beilage servieren soll. Es ist viel schlimmer: Dafür verantwortlich ist nämlich eine innere Rastlosigkeit, eine interne Zerstreutheit, ein persönliches von Neugierde getrieben sein.

Beim E-Mail-Lesen (auch bei den Persönlichen) läuft das Radio, neben der Recherche für den neuen Film die Tagesschau, und beim Filmschnitt der Messenger. Das Internet ist nie zu Ende, die MP3-Sammlung nie durchgehört, nie ist die neueste Kurznachricht beantwortet und niemals der letzte Freund zurückgerufen.

Was zu tun ist, ist klar und einfach: Keine dieser Ablenkungen ist gottgegeben, die allermeisten von ihnen lassen sich im wahrsten Sinne des Wortes abschalten. Schwierig und verzwickt hingegen ist es, dieses Offline-Sein auch durchzuhalten. Zu verlockend ist die noch ungehörte Platte einer deiner Lieblingsbands, zu quälend die Frage nach dem Online-Status der engsten Freunde bei Myspace, und zu groß das schlechte Gewissen, als dass man die dritte SMS eines Bekannten noch länger unbeantwortet lassen könnte.

Gelingen kann dies wohl nur, wenn man (ich) endlich begreift, dass man weder effizienter noch glücklicher ist durch diese Mehrgleisigkeit. Man ist auch nicht schneller. Nicht mal besser informiert.

Ich bin multitaskingfähig. Aber ich will es nicht länger sein.

Leben und Arbeiten

Es ist bizarr: ich werde jeden morgen von Handwerken geweckt, die in der Wohnung unter mir dem Geräusch nach alle Wände einreißen um mit den freigewordenen Steinen Percussion-Performances auf dem übriggebliebenen Boden der Wohnung einzustudieren. Bei mir tanzt dann der Tee in der Tasse und die Gläser im Regal. Das heute schon ab sieben.

Nein, nein ich find das schon in Ordnung zeitig aufzustehen. Ich mag es den ganzen langen Tag vor mir zu haben. Ich mag den Gedanken ihn womit ich will füllen zu können. Normalerweise.

Im Moment aber lasse ich die Tage verstreichen. Ich höre den Männern unter mir beim fleißig sein zu. Ich koche ausgiebig. Ich teste Napster und verliere mich in neuer Musik. Meine Arbeit lasse ich liegen. Meine Ideen lasse ich verstauben. Meine Wohnungstür abgeschlossen. Von innen.

Ich habe überhaupt keinen Grund zu jammern. Jeder der Handwerker unter mir würde sicherlich gern einen Tag mit mir tauschen. Und ich mit einem von ihnen. Sie haben im Gegensatz zu mir: eine klare Aufgabe, ein konkretes Ziel und produzieren ein nachprüfbares Ergebnis.

Ich bin Künstler und muss mich mit Ermunterungen wie: „Du kannst nun mal nicht jeden Tag kreativ sein.“ oder: „Dein Kopf arbeitet immer und du wirst sehen, plötzlich küsst dich die Muse und es fließt wieder“ zufrieden geben. Was schwer fällt. Denn nur weil Phasen der Passivität normal sind muss ich nicht damit leben können.