Virtual Reality – Brett vorm Kopf (2016 Remix)

Heute früh im Morgenmagazin haben sie Microsofts Hololens von Moderator zu Moderatorin gereicht und öffentlichkeitswirksam gestaunt. Zwar schon schwer das Ding, aber doch: derbe cool. Kurz vorher haben sie ein paar Einspieler gezeigt von dem Spaß, den sie am Wochenende im Studio mit der Brille hatten. Einer hat einen virtuellen Hund neben sich aufs Sofa gesetzt und dann putzig mit ihm gespielt. Die Kollegen von der Sportschau haben einen virtuellen Wal an die Studiodecke gehängt – lustig. Ein Experte erläuterte dann, wie VR-Brillen die Zukunft der Arbeit beeinflussen werden: Mitarbeiter die Maschinen warten sollen, kriegen die Anleitung dazu künftig direkt in ihr Sichtfeld eingeblendet, Chirurgen kann man Vitaldaten des Patienten einblenden und Taxifahrern Navigationshinweise, also zumindest so lange es noch Taxifahrer gibt. Virtual Reality – Brett vorm Kopf (2016 Remix) weiterlesen

Warum ich befürchte, dass am 21.01. weniger Menschen gegen Legida demonstrieren

Auch wenn der Hintergrund sehr ernst ist, kommt es mir manchmal wie ein Spiel vor: Neonazis und Gefolgschaft melden Demonstrationen für reinrassigere Deutschtümelei an und Tausende Leipziger machen es sich zur Aufgabe, ihre braunen Aufmärsche gar nicht erst vom Fleck kommen zu lassen. Das ist zwar erfreulich, bedeutet aber leider nicht, dass man sich als Schwarze/r in Leipzig wohlfühlen kann, wie u.a. bei Ali Himpenmacher nachzulesen ist. Wir Leipziger achten lediglich sehr auf unsere Außenwirkung. Ein Pegida-PR-Desaster wie es Dresden gerade erlebt, würden wir uns niemals erlauben. Stadt der Wende, Leipziger Freiheit und so.

Deshalb war es zwar beachtlich aber für mich nicht überraschend, dass letzten Montag 35.000 Menschen für die Vielfalt und gegen die irrationalen Ängste der Legida-Anhänger auf die Straße gegangen sind. Ich befürchte allerdings, dass es am kommenden Mittwoch, wenn Legida in die zweite Runde geht, deutlich weniger Menschen sein könnten. Grund ist die schlechte Ordnung der Demonstrationszüge durch die Polizei. Leipzig nimmt Platz ist wichtig und richtig. Meine körperliche Unversehrtheit ist mir allerdings wichtiger.

Meine Freunde und ich sind letzten Montag in der Demo mitgelaufen, die sich vom Nikolaikirchhof über den Ring, die Karl-Tauchnitz-Staße und schließlich die Friedrich-Ebert-Straße zum Waldplatz bewegte. Ich kann nicht sagen, wie viele Menschen diese Route wählten, weiß aber, dass die Friedrich-Ebert-Straße zu Spitzenzeiten über drei Viertel ihrer Länge mit Gegendemonstranten gefüllt war. Das klingt toll, das sah auch toll aus, das fühlte sich nur leider nicht so toll an. Besonders für jene nicht, die sich am Kopf dieses Demonstrationszuges befanden. Der nämlich endete abrupt als er auf den ohnehin schon völlig überfüllten Walplatz traf. Dort ging nichts mehr. Kein Schritt vor, kein Schritt zurück.

Die Menschen auf der Friedrich-Ebert-Straße drängten auf den Waldplatz und niemand sagte ihnen, dass sie da nicht mehr hin passen würden. So erhöhte sich der Druck auf jene, die sich schon auf dem Waldplatz befanden. Das alles kann passieren, wenn ungefähr dreimal so viele Menschen zu einer Demonstration kommen, wie erwartet. Dann aber muss durch die Polizei flexibel reagiert werden. Das Schaffen von Fluchtwegen ist kein Hexenwerk.

Als den ersten Gegendemonstranten kalt wurde, sie pinkeln mussten oder sich in der Enge einfach so unwohl fühlten, dass sie die Demonstration gern verlassen wollten, stellte sich nämlich heraus, dass dies nicht möglich war. Sowohl der Zugang zur Wilmar-Schwabe-Straße (Westen) als auch der Zugang zur Jahnallee (Osten) war durch Polizeiwagen uns Zäune versperrt, so dass ein Abfluss der Demonstranten nicht möglich war. Lediglich Anwohner, die ihre Anwohnerschaft durch ihre Personalausweise beweisen konnten und Personen, die gesundheitliche Probleme glaubhaft machten, durften den Demonstrationszug nach intensiver Einzelkontrolle durch Polizeikräfte verlassen. Den übrigen eingekeilten Menschen wurde durch die Ordnungskräfte empfohlen, „die Demonstration auf dem gleichen Weg zu verlassen, den sie gekommen waren.“ Allen Ernstes.

Mach das mal. Kämpfe dich mal durch drei bis vierhundert Meter in Gegenrichtung drängende Demonstranten, an das Ende einer Demonstration. Man muss weder Klaustrophobiker noch Soziopath sein, um das sehr unangenehm zu finden. Wir haben dafür fast 30 Minuten gebraucht und sind mindestens zwei Dutzend Menschen auf die Füße getreten.

Die Stimmung am Kopf der Friedrich-Ebert-Straße war entsprechend angespannt. Das Gedränge und Geschubse hat die Menschen gestresst und meinem Empfinden nach hätte ein Böller oder ein geworfener Pflasterstein gereicht, um die Demonstranten – verständlicherweise – in Panik zu versetzen. In einer von der Polizei künstlich geschaffenen Sackgasse hätte das leicht in einer Katastrophe enden können. Zumal es gezündete Böller gab. Und fliegende Pflastersteine. Und brennende Autos. Nur eben glücklicherweise etwas später, als außer uns schon einige Tausend andere Demonstranten nach Hause gegangen waren.

Viele mit denen ich spreche, haben das ähnlich brenzlig empfunden. Viele sind sich, auch angesichts des hirnlosen linksextremen Randale-Intermezzos vom Donnerstag, unsicher, ob sie am 21.01. selbst wieder Gesicht zeigen. Zumal es ja inzwischen auch eine Online-Petition gegen Legida gibt, durch die sich viel gemütlicher demonstrieren lässt.

Ich werde da sein. Und meine Freunde auch. Wenn auch sicher nicht mehr in der ersten Reihe. Legida darf nicht laufen.

Stolz darauf, schwul zu sein?

Jedes Mal, wenn sich eine öffentliche Person als homosexuell outet, bin ich irritiert. Plötzlich steht da  eine Schauspielerin, ein Fußballer, ein Apple CEO und erzählt, in welche Sorte Mensch sie oder er sich verliebt und wie großartig das sei. Eben ging es noch um Filme, Sport oder Telefone — eigentlich immer ums Geschäft — und auf einmal steht da ein Mensch und spricht, meistens sehr ergriffen, über Liebe die im Allgemeinen und seine intimsten Gefühle im ganz Speziellen.

Immer dauert es ein paar Minuten, bevor mir einfällt, was für verdammtes Glück ich habe. Wäre ich ein paar Hundert Kilometer östlich geboren, in Polen oder Russland zum Beispiel oder ein paar Hundert Kilometer südlich, vielleicht in der oberbayrischen Provinz, käme es mir auch besonders vor, schwul zu sein. Und zwar nicht besonders schön. Würde ich von diesen Standpunkten aus auf die Welt blicken, wäre ich sicher auch dankbar für jedes Idol, das mit viel Tamtam „Ich auch!“ ruft.

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Vergänglichkeit per Design am Beispiel des SICHER Messengers

Die Stuttgarter Shape.AG, die in Wirklichkeit eine GmbH ist, hat neben dem von ihr herausgegeben IM+ einen neuen Instant Messenger für Mobiltelefone veröffentlicht. Er heißt SICHER und soll genau das sein. Nachrichten werden verschlüsselt übertragen und laufen ausschließlich über deutsche Server, auf denen sie nicht gespeichert werden. Der Messenger ist hübsch, schnell, gratis und steht von Beginn an für Android, iOS und Windows Phone zur Verfügung. Auskenner finden die verwendeten Schlüssel zu kurz und warnen generell davor Apps zu vertrauen, deren Quellcode nicht offen liegt. Vergänglichkeit per Design am Beispiel des SICHER Messengers weiterlesen

Über Schönheit & Bedeutung der Conchita Wurst

Hat Europa wirklich begriffen, was außer Conchita Wurst den Eurovision Song Contest gewonnen hat? Sind wir wirklich so cool? Oder übertreibe ich mal wieder?

Travestie, das weiß ich auch aber leider nicht nur aus eigener Erfahrung, ist ein heißes Eisen. Viel zu oft kippt sie in die bloße Reproduktion überzogener Geschlechterklischees. Dass Männer aber wie kruden Schönheitsidealen hoffnungslos erlegene Frauen aussehen können, hilft niemandem. Und dass es Frauen gelingt, Manta-Kalle aus den 80ern auferstehen zu lassen, macht auch niemanden freier. Denn mit dem Äußeren wechselt auch der Habitus und übrig bleiben: Diven und Gigolos. Die aber haben mit Frausein und Mannsein ungefähr so viel zu tun, wie ein gängiger ESC mit guter Musik.

Bei Conchita ist das anders. Zwar bedient auch sie sich der gängigen Klischees, besitzt aber die Frei- und Frechheit, aus dem abgegriffenen Bauchladen der Geschlechter-Indikatoren solche zu wählen, deren Kombination strengsten verboten ist. Dadurch gelingt es ihr besser als anderen Travestiekünstlern, diese Indikatoren als das zu entlarven, was sie sind: Karnevalsmasken. Kostüme. Instagram-Filter. Jedenfalls keine Schicksale. Nichts Gottgegebenes. Kein „Frauen sind so, Männer sind so“. Über Schönheit & Bedeutung der Conchita Wurst weiterlesen

2013: 5 (plus 1) Technologien, die mein Leben besser gemacht haben

In Sachen Jahresend-Favoriten-Listen bin ich ganz offensichtlich auf den Geschmack gekommen. Weil ich mit dem Artikel über die 5 hartnäckigsten Soßenflecken noch nicht ganz fertig bin, möchte ich heute auch anhand meiner 5 persönlichen Techniklieblinge dieses Jahres die konsumgestützte Zukunftsgläubigkeit feiern.

#1. ASUS T100 stellv. für Intel Bay Trail Convertibles

Asus T100
Asus T100

Ich glaube, so hat die Evolution sich das gedacht, mit den Rechnern. Oder zumindest ich. Ein Tablet mit einem 10 Zoll Bildschirm und ansteckbarer Tastatur. Perfekt, um es auf den Wannenrand zu stellen und in der Badewanne Maischberger zu schauen. Perfekt, um im Schwingsessel sitzend, die Beine auf dem Fußbänkchen, Blogbeiträge wie diesen zu verfassen. Perfekt, um Webseiten zu lesen und anzufassen. Leicht genug, um es überall mit hinzunehmen; handlich genug, um das auch zu tun. Ein Rechner, der nicht ningelt. Du klappst ihn auf und er ist bereit, kein Hochfahren, kein Warten. Der Akku hält 10 Stunden und lässt dich in Ruhe. Kein Netzkabel, das nach deinen Füßen angelt. Kein mechanischer Lüfter, der dir sein Leid heult. Keine Festplatte, die klickert. In Ruhe arbeiten. Und ja: Arbeiten. Auf dem T100 läuft echtes Windows 8. Also echtes Office, echtes OneNote und echtes Thunderbird. Ich bin begeistert (und tendiere daher möglicherweise dazu, die Nachteile zu übersehen. Als da wären: Kein DVD-Laufwerk, keine Gnade für Wurstfinger, perfektionierter Fingerabdruck-Magnetismus, Plastik-Finish und zero open source. Ach, und ein Preis von immerhin 379 Euro.) [Update: 18.04.2014: Die Geschichte ging böse aus. Details hier.)
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2013: Meine fünf (plus zwei) Lieblingsbücher

Wenn du ein bisschen pfiffig gewesen wärest, zetert mein innerer Kritiker, hättest du deine Kopfkompass-Buchpreis-Shortlist einige Tage VOR Weihnachten veröffentlicht. Vielleicht wären einige Leser, auf der Suche nach einem guten Geschenk für ein bisschen Inspiration dankbar gewesen. Vielleicht, gebe ich zu, muss aber auch gestehen, dass mir die Geschenkesorgen anderer Menschen herzlich egal waren, da ich jede Minute brauchte, die die Tage vor Weihnachten hatten. Außerdem sollte man die wirklich guten Bücher sowieso lieber selber lesen. 2013: Meine fünf (plus zwei) Lieblingsbücher weiterlesen

Antwort & Gegenfrage: Ich fange & werfe Blogstöckchen.

Martin aus dem dunklen, dreckigen Reudnitz hat mir ein Blogstöckchen zugeworfen. Ich habe es tatsächlich gefangen, which made my day, denn in der Schule fing ich nie irgendwas. Wenn Du wissen willst, was genau ein Blogstöckchen ist, frag ihn. Martin fragt dann Captain Corleone, der fragt dann Micha, der fragt dann den anderen Martin und der fragt dann Laura, von der kommt das Ding ursprünglich. Du könntest natürlich auch André, Ulrike oder Marsha fragen. Oder eben direkt Laura, aber dann würdest viele sehr erschütternde Fragen und Antworten verpassen.

Wie zum Beispiel: Antwort & Gegenfrage: Ich fange & werfe Blogstöckchen. weiterlesen

& Partei, ich

„Was muss ich tun, um dich davon abzuhalten?“, fragte mich ein Kollege, als ich verkündete, heute sehr pünktlich gehen zu müssen, um meinen Mitgliedsantrag noch vor Ladenschluss der Grünen-Geschäftsstelle abgeben zu können. Ich antwortete leichtfertig: „Mich davon überzeugen, dass es falsch ist.“ und wurde Zeuge eines sehr umfassenden Brainstormings, das kein einziges gängiges Ressentiment gegen die Grünen ausließ. Hier die Top-5-Parolen in der Reihenfolge ihrer Dringlichkeit:

Politik muss gestalten und nicht verbieten. Die Grünen sind eine Verbotspartei.

Verbote sind unsexy, das finde ich auch. Aber die Grundidee unserer Gesellschaftsform beruht darauf, dass der Staat den Markt an seinen Rändern reguliert. Regulieren ist ein weiche Formulierung für: das Unerwünschte verbieten. Was das „Unerwünschte“ ist, muss gemeinsam definiert werden. Oder etwas diplomatischer: Die Freiheit des einen muss enden, wo die des anderen berührt wird. Mehr dazu gleich.

Die Grünen sind längst Teil des Establishments. Du wirst das System nicht ändern, wenn du Teil davon wirst. Du wirst nur Teil davon. Überhaupt ist diese ganze Politik ein zahnloser Tiger aus Papier. Politische Teilhabe findet heute auf anderen Kanälen statt.

Demokratie funktioniert nicht nur über Demonstrationen und erst recht nicht über Online-Petitionen. Demokratie braucht Mechanismen zur Bildung und zur Messung des politischen Willens. Dazu gehören seitenlange Anträge, stundenlange Diskussionen und tagelange Konferenzen. Dazu gehören klare Regeln, die sicherstellen, dass nicht nur die Lautesten gehört werden. Dazu gehört, dass Entscheidungen transparent getroffen werden, auch, um für diejenigen nachvollziehbar zu bleiben, die es lieber anders gehabt hätten. Das ist sicher nicht immer dynamisch und aufregend. Aber trotzdem richtig so. Und im Vergleich zu den anderen Parteien (mit Ausnahme der Linken) haben die Grünen seit Jahrzehnten feststehende Ziele und Ideale in denen ich mich obendrein wiederfinde.

Die Grünen haben ihre pazifistischen Ideale verraten und einen völkerrechtswidrigen Kriegseinsatz mitbeschlossen.

Das haben sie. Ich fand das falsch. Ich will trotzdem beitreten. (Die Entscheidung ist 14 Jahre her. Viele von denen, die sie damals mitgetragen haben, sind längst keine Amtsträger mehr. Viele Grüne bewerten die Entscheidung inzwischen selbst als Fehler. Programm und Inhalte der Grünen halte ich trotz dieses Fehlers für richtig und sogar am richtigsten. Mir ist klar, dass sich dergleichen wiederholen kann. Wann immer eine politische Organisation in Verantwortung gerät, werden ihr Programm und ihre Protagonisten mit den Erfordernissen und Dringlichkeiten dessen konfrontiert, was wir Wirklichkeit nennen. Hier beginnt Politik. Das vorher ist Willensbildung. Die ist wichtig, aber nicht vor irrationalem Idealismus gefeit. So wird das auch auf persönlicher Ebene sein. Mir ist klar, dass man als Mitglied einer Partei sehr wahrscheinlich Entscheidungen mittragen wird, die einem nicht perfekt vorkommen. Das kann ich aushalten.)

Die gleiche Partei wie Claudia Roth? Wirklich?

Unbedingt. Claudia Roth kann man mögen oder nicht. Ein Gefühl zu Volker Kauder zu entwickeln, finde ich ungleich schwieriger. (Und versucht jetzt ja nicht mir einzureden, es ginge nicht um Gefühle, wenigstens auch, wenigstens ein bisschen.)

Mich haben diese Einwände in meinem Entschluss bestätigt. Offensichtlich hatte ich alles bedacht. Ich bin heute Mitglied von Bündnis’90/Die Grünen geworden.

Ich will wissen, ob sich das, was ich für richtig halte, wirklich so einfach umsetzen lässt, wie ich es mir vorstelle. Bloggen, diskutieren, Utopien schmieden – das kann ich, das können wir. Aber ich will – wenn nötig – endlich erleben, woran diese Utopien scheitern, an wem und warum. Ich fürchte mich nicht davor, für naiv gehalten zu werden: Ich glaube an eine Handvoll Utopien. Aber ich habe eingesehen, dass ich ihnen mit denken und sprechen und allein nicht näher komme.

Warum ich für eine Quote bin

Mein Artikel bezüglich der asymmetrischen Geschlechterquote bei den Grünen wurde insbesondere auf Twitter für meine Verhältnisse rege diskutiert. Ich freue mich über Zustimmung, aber mit Antifeministen will ich nichts zu tun haben.

Ich erkläre heute feierlich: Ich bin für eine Quote. Warum ich für eine Quote bin weiterlesen