Über einen muslimischen Feiertag & den geheuchelten Aufstand dagegen

Innenminister de Maizière sagt am Donnerstag im Rahmen einer CDU-Wahlkampfveranstaltung in Wolfenbüttel für die am Sonntag stattfindende Landtagswahl in Niedersachsen wörtlich:

„Ich bin bereit darüber zu reden, ob wir auch mal einen muslimischen Feiertag einführen. Kann man gerne vielleicht mal machen […] Wo es viele Moslems gibt; warum kann man nicht auch Mal über einen muslimischen Feiertag reden?“

Er trifft damit einen Nerv. Die komplette CSU ist empört, große Teile der CDU sind empört und der niedersächsische Spitzenkandidat Althusmann besonders. Manche sprechen von vergifteter Wahlkampfhilfe, weil de Maizière stramm konservative Wähler so in die Arme der AFD treiben würde. Andere halten das Manöver für clever, weil Althusmann so kurz vor der Wahl noch einen anti-muslimischen Impuls setzen kann, der ihm gerade die Sympathie dieser Klientel einbringen könnte. Morgen Abend wissen wir mehr.

Spannend finde ich, mit welchem Argument man es in dieser Debatte zu tun bekommt. Plötzlich ist wieder von unserem christlich-jüdischen Erbe die Rede. Das sein nun einmal unsere Wurzel. Und dem könne man nun einmal nichts hinzufügen. Wie viel wir von diesem Erbe noch verstehen, darf aber bezweifelt werden. Angesichts einer notdürftig kaschierten Obergrenze für Geflüchtete, getrieben von einer Partei mit dem Wort „christlich“ im Namen. Angesichts einer stetig kleiner werdenden Anzahl an Menschen die gläubig genug sind, um auch Kirchensteuer zu zahlen.

Und bezweifelt werden darf auch, inwieweit unsere Feiertage heute noch dem gediegenen begehen religiöser Feierlichkeiten dienen. Ich habe in diesem Jahr eine Stelle in München angenommen und bin nun mit gleich drei Feiertagen konfrontiert, die mir neu sind:

  • 6. Januar: Heilige drei Könige. Müssten die nicht schon am 24. Dezember in Bethlehem angekommen sein? Warum feiern wir die dann zwei Wochen später? Gingen sie dann wieder heim? Konnte mir niemand erklären.
  • 15. August: Maria Himmelfahrt. Was ist passiert? Ist Maria gestorben? Wieder auferstanden? Hat Gott sie zu sich geholt? Schulterzucken. Bayern blieb zuhause, in meinem Bekanntenkreis wusste niemand warum.
  • 1. November: Allerheiligen. Irgendwie der Feiertag für alle, die gestorben sind. Ach nein, das war Allerseelen. Oder ist das dasselbe? Ist Allerheiligen dann nur für heilig gesprochene Verstorbene? Hast du mal gegoogelt?

Ich weiß, warum an Ostern frei ist und auch warum an Weihnachten. Aber ich könnte jetzt nicht aus dem FF erklären, was genau Pfingsten ist. Und wann. Und warum. Und was das Wort überhaupt bedeutet.

Sehr offensichtlich geht es uns doch an diesen Feiertagen nicht ums Feiern sondern ums Zuhausebleiben. Und das ist doch okay. Aber es lässt diesen Aufstand im Namen der christlich-jüdischen Tradition leider ein kleines bisschen heuchlerisch aussehen. Und es rückt diesen Aufstand ein gutes Stück ins Licht des hysterisch blinkenden Stroboskops, dass besorgte Bürger gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes angeschmissen haben.

Ich bin von Sachsen nach München gegangen und arbeite nun mit einigen Moslems zusammen, die meisten von ihnen gebürtige Deutsche. Und die allermeisten von ihnen überaus freundlich, fleißig und unkompliziert. Und alle kommunizierend in akzentfreiem Deutsch. Diejenigen, die das Fasten im Ramadan durchgezogen haben, habe ich sehr bewundert und ich hätte ihnen zur Belohnung einen freien Tag zum Zuckerfest von Herzen gegönnt. Ostern gönne ich mir selbst ja sogar, ohne dass ich dafür seit Aschermittwoch gefastet hätte.

Ich verstehe, dass ein muslimischer Feiertag – selbst ein regional begrenzter –  als ein greifbares Zeugnis der Etablierung des Islams in Deutschland gelesen werden würde. Wahrscheinlich wäre er das auch und ich gestehe, dass auch ich mich daran erst gewöhnen müsste. Ich muss aber auch gestehen, dass mir ein muslimischer Feiertag für drei Millionen deutsche Muslime authentischer vorkommen würde, als für 80 Millionen Deutsche bis zu zehn christliche Feiertage, deren Hintergrund die allermeisten längst vergessen haben

Ein Gedanke zu „Über einen muslimischen Feiertag & den geheuchelten Aufstand dagegen“

  1. Ich würde es jedem Bürger dieses Landes freistellen, einen oder zwei Tage aus religiösen Gründen bezahlt zuhause zu bleiben.
    Die, die sich zu keiner Religion bekennen wollen, entscheiden ein Jahr im Voraus, wann sie im darauffolgendem Jahr diese zwei Tage nehmen wollen (z.B. zum Urlaub). Dazu die festgelegten Tage Weihnacht, Ostern, Pfingsten. Dazu den einzigen! bundesfreien Feiertag „3.Oktober“. auf diese Weise ist einerseits dem Wunsch nach religiös-gesellschaftlichen Feiertagen Genüge getan und andererseits dem „nationalen Gedenken“ und dem privat religiösem Empfinden des Einzelnen Rechnung getragen. Ende der Diskussion. Und wer noch einen Tag zusätzlich benötigt, der muss ihn unbezahlt nehmen. Die Feiertage dem politischen Alltagsgeschäft zu überlassen, bringt nur Unfrieden und Begehrlichkeiten der Religionsgruppen auf den Plan.
    Schwierig in der Diskussion um die Feiertage, finde ich, dass immer wieder auf die christlich jüdischen Tradition Bezug genommen wird. es hat nie eine jüdische Tradition in der Gesellschaft gegeben. Die Juden sind erst seit dem Ende des 19Jhd gleichberechtigt, und auch das nur bis 1933. Dann war Totmachen angesagt.

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