Bahnstreik: Von wegen Solidarität

Als Betroffener lese ich viele Artikel zum Streik der Lokführer und in den allermeisten wird zur Solidarität aufgerufen. Ich muss leider gestehen, dass ich immer noch nicht begriffen habe, was diese Solidarität sein soll.

Den Streik gut finden? Von mir aus, aber was würde mein bisschen Meinung ändern? Selbst nicht zur Arbeit gehen, bis die Forderungen der Lokführer ohne Abstriche erfüllt sind? Meine Chefin runzelt die Stirn. Oder ist mit Solidarität am Ende nur die Lust gemeint „das System“ mal stolpern zu sehen und sich daran zu freuen, dass „der kleine Mann“ doch noch etwas Macht hat? Ich finde das ehrlich albern. Ich finde das auch ein bisschen dumm.

Mein Leben ist nämlich so: Ich pendle zweimal die Woche mit dem Fernzug für 30 Euro pro Fahrt. Ich habe seit 10 Jahren eine Bahncard im Abo, die mich mittlerweile 250 € im Jahr kostet. Dieser ist der 9. Streik in 10 Monaten. Wenn ich bei der Bahn um anteilige Rückerstattung meiner Bahncard-Rechnung bitte, werde ich freundlich darauf hingewiesen, die Verbindungen des Notfahrplans zu nutzen. Als Fahrgast kommt mir das nicht sehr solidarisch vor. Aber weil die Bahn ja sowieso die Böse im Spiel ist, passt das ganz gut.

Mir war schon lange bewusst, dass ich billiger von A nach B kommen könnte. Aber weil ich mit dem Komfort, der Geschwindigkeit und der Pünktlichkeit der Bahn immer zufrieden war, habe ich mich nie mit den Alternativen beschäftigt. Dass musste ich nun zwangsläufig, denn mit Solidarität kann ja wohl nicht gemeint sein, während der Streiks freundlicherweise nicht mehr von A nach B müssen zu müssen.

Ich bin also Fernbus gefahren. Ich war überrascht. Selbst wenn es schlecht läuft, zahle ich dort nur 13 Euro für mein Ticket. Das ist nicht einmal die Hälfte dessen, was ich gewohnt bin. Ich habe garantiert einen Sitzplatz, ich habe funktionierendes WLAN, einen Medienserver mit Filmen und Musik an Bord und eine Auswahl an Snacks die nur ein Drittel dessen kosten, was ich in der Bahn dafür zahlen würde. Das Klo ist sauber, der Sitz ist weich, die Klimaanlage funktioniert. Ich bin eine Stunde länger unterwegs, aber das ist der einzige Nachteil. Und der ist klein, wenn man WLAN hat.

Ich weiß von vier Leuten in meinem Umfeld, die ihre Bahn- oder Abokarten gekündigt haben und jetzt Fernbus fahren, Fahrgemeinschaften bilden oder auf die Mit- und Twitfahrzentrale setzen. Keiner von denen ist unglücklich. Ich bin mir nicht sicher, wie viele von denen wieder Bahn fahren werden, wenn die Bahn wieder fährt. Ich bestimmt. Aber bestimmt nicht mehr für 30 Euro pro Ticket. Oder sollte ich aus Solidarität mit den Lokführern weiterhin das Doppelte bezahlen? Und wer ist eigentlich solidarisch mit mir?

Auch ich habe meine Bahncard gekündigt, weil die Bahn im letzten Jahr kein zuverlässiges Verkehrsmittel für mich war und ich dementsprechend kein zuverlässiger Kunde mehr sein möchte, der sich brav als Schwungmasse in einem Arbeitskampf verwursten lässt, dessen Rechnung er ohnehin zu zahlen hat. Die Bahn gehört dem Staat und der Staat finanziert sich aus Steuermitteln. Ich glaube nicht daran, dass Streiks zu Verhandlungsergebnissen führen. Ich glaube Verhandlungen führen zu Verhandlungsergebnissen.

Oft lese ich auch, dass sich diejenigen, die gegen den Streik sind doch gefälligst mal damit auseinandersetzen sollten, worum es der GDL eigentlich geht – um die Sicherung des Streikrechtes nämlich. Dieses Argument kapiere ich ehrlich gesagt noch weniger als das Solidaritätsgesäusel.

Man könnte gegen das Tarifeinheitsgesetz demonstrieren – die guten Gründe dafür, kann sogar ich einsehen. Man könnte zum Generalstreik aller Gewerkschaften aufrufen. Man könnte dagegen klagen. Aber man verhindert die Einführung des Tarifeinheitsgesetzes am 1. Juli sicher nicht dadurch, dass man bis dahin keine Züge mehr fahren lässt. Im Gegenteil: Für die Befürworter des Gesetzes könnte es keinen stärkeren Aufwind geben als den Frust Abertausender ausgesperrter Bahnreisender.

Ein Gedanke zu „Bahnstreik: Von wegen Solidarität“

  1. lieber ronald,
    ein sehr guter, etwas zu persönlich -leidenschaftlicher artikel.
    ich vermute, dass das neue tarifeinheitsgesetz vom bundespräsidenten gar nicht erst unterzeichnet wird. und wenn doch, dann wird es über einen eilantrag beim bundesverfassungsgericht landen und in alle einzelteile zerlegt werden. etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen. oder anders formmuliert: alles andere wäre ein rückschritt in der grundgesetzlich garantierten berufs-und koalitionsfreiheit bei der gewerkschaftsbewegung (die älteste in europa).
    gruß
    ach, und dann wären neue streiks angesagt und deine busverbindung der beste tipp.

Kommentare sind geschlossen.