Welt-Down-Syndrom-Tag: Von wegen ganz, ganz tolle Menschen

Wie ich bei meiner morgendlichen Presseschau gelernt habe, ist heute Welt-Down-Syndrom-Tag. Ich gestehe, noch nicht ganz begriffen zu haben, wozu genau diese Welt-Haste-Nich-Gesehen-Tage gut sein könnten, wenn nicht dazu, einen Tag (einen Tweet, einen Like, einen Augenblick) lang sehr betroffen oder wütend zu sein und sich nach dieser sehr befriedigenden Gefühlsregung wieder seinem Alltag zuzuwenden. Aufmerksamkeit ist gut und wichtig. Aber Aufmerksamkeit allein ändert gar nichts.

Anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tages sind kämpferische Plädoyers für die Inklusion betroffener Kinder in „normale“ Schulklassen zu lesen, aber auch solche für die Separierung in Förderschulklassen. In Tweets ist von „wunderbaren Downies“ die Rede, und von „ganz, ganz tollen Menschen“. Facebook gefällt das. Mir jagt das Schauer über den Rücken.

In keinem Artikel, den ich heute zum Thema las wird erwähnt, dass in Deutschland 95 Prozent aller Kinder mit einer pränatal diagnostizierten Trisomie 21 abgetrieben werden. Von zwanzig dieser „ganz, ganz tollen Menschen“ erblickt nur ein einziger das Licht der Welt.

Downies haben ein gutes Image. Sie gelten als Frohnaturen, sozial überdurchschnittlich kompetent und sehr liebenswert. Eltern eines solchen Kindes mit geringer Lebenserwartung und deutlich schlechteren Chancen auf das, was im gesellschaftlichen Konsens als Erfolg definiert ist, wollen aber die wenigstens sein. Das ist verständlich. Aber auch doppelzüngig. Eigentlich pervers.

Wenn wir über Inklusion diskutieren wollen, sollten wir bitte hier anfangen.

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