Über mit Teilnahmslosigkeit verwechselte Ratlosigkeit am Beispiel der Krim-Krise

„Steinmeier ist jetzt Braunmeier, ansonsten bleibt alles beim Alten. Es lebe der faschistische Putsch in der Ukraine!“

Ich sehe von meinem Reader auf und blicke in das Gesicht eines Verkünders. Ich sitze in einem Zug, der Zug steht am Berliner Hauptbahnhof, der Mann ist vor 10 Sekunden eingestiegen. Es ist Montag, es ist früh am Morgen. Ich brauche einige Sekunden, bevor ich geistig bei ihm bin. Zu lange. Der Mann hat sich bereits von mir abgewendet und macht sich auf zum nächsten Waggon. Auch dort verkündet er lauthals seine Botschaft, damit sie jeder vernimmt. Allein sein überlegenes Grinsen unterscheidet ihn von einem Marktschreier. Dieses Grinsen in seinem Gesicht hat mich gestört, noch bevor ich verstanden habe, worum es dem Verkünder geht. Offen gestanden habe ich das immer noch nicht verstanden.

Ich sehe in die Gesichter der anderen Reisenden. Gemäß einer stummen Absprache setzt kollektiv abschätziges Gekicher und Geschnaube ein, sobald sich die Wagontür hinter dem Verkünder schließt. Eine fein frisierten Frau murmelt: „Armer Trottel.“ Könnte auch sein, dass ich der Trottel bin, denke ich. Oder sie mit ihren perfekten Haaren. Oder wir alle.

Ich verstehe nicht, was passiert in der Ukraine. Doch, doch: ich sehe die Nachrichten, ich lese Artikel, ich folge Menschen, die vor Ort sind auf Twitter. Mir leuchtet ein, dass die Krim ein Leckerbissen für Russland ist, wegen ihrer Lage und wegen ihrer Bodenschätze. Ich glaube, eine Ahnung vom Aristokraten Putin zu haben, von seiner Aversion gegen die NATO und den beruhigenden Gedanken eines wieder wachsenden Russlands, am Besten unter seiner Führung. Ich sehe eine Ukraine, die sich nicht wehren kann, weil ihre Armee nicht groß genug ist und wahrscheinlich keine Armee groß genug ist, gegen Russland vorzugehen. Ich sehe eine Ukraine, die sich nicht wehrt, weil sich zu wehren das Ausbrechen eines Krieges bedeuten würde, wovor sich alle fürchten und alle zurecht. Ich habe gelesen, dass die Menschen auf der Krim, für einen Anschluss an Russland stimmten, aber ich weiß auch, wie stark die öffentliche Debatte manipuliert war und dass die Stimmzettel des Referendums gar kein ‚Nein‘ vorsahen. Im Fernsehen zeigen sie Bilder von Handwerkern, die ukrainische Schilder abschrauben um russische Schilder an ihre Stelle zu hängen. Sie zeigen Menschen in zivil beim Stürmen militärischer Einrichtungen. Sie zeigen Politiker beim Unterzeichnen von Dokumenten und sie erzählen von Politikern, die dieser Tage viel miteinander telefonieren.

Alles (naja, fast alles), was ich über die Ukraine weiß, habe ich mir in den letzten Wochen angelesen. Von ihrer Geschichte oder dem Lebensgefühl der Menschen auf der Krim verstehe ich nicht viel. Ein Land übernimmt einen Teil eines anderen Landes an der Ostgrenze von Europa, das verstehe ich. Der Rest der Welt sieht zeternd zu. Das geht nicht, das ist mein eindeutiges Gefühl. Ich finde es richtig, über Sanktionen nachzudenken, auch wenn die der deutschen oder europäischen Wirtschaft vielleicht ebenfalls weh tun. Ich wüsste nicht, warum Putin seinen Expansionskurs andernfalls nicht fortsetzen sollte. Ohne Sanktionen kann Putin keinen anderen Eindruck gewinnen, als dass der Rest der Welt seine Annexionsbestrebungen zwar verurteilt, aber unterm Strich doch schulterzuckend hinnimmt. Diese Sanktionen aber müssen Politiker installieren. Nicht, weil die den ganzen Konflikt zwangsläufig besser verstanden haben als ich, sondern weil es ihr Job ist, diesen Konflikt zu verstehen und geeignete Maßnahmen ergreifen. Dass ich aufhöre, russisches Konfekt zu kaufen, wird Putin nämlich verhältnismäßig wenig stören.

Ich finde es ungeheuerlich, was in der Ukraine passiert und mit welcher Frechheit Putin vorgeht. Ich finde es wichtig, davon Notiz zu nehmen und sich dazu zu positionieren. Ich war in den letzten Wochen regelrecht gehemmt zu bloggen, weil ich fand, dass unbedingt darüber gebloggt werden muss, ich aber einfach nicht kompetent genug dafür war. Bin ich immer noch nicht. Und selbst wenn: Auch der kompetenteste aller Blogbeiträge würde an der herrschenden Lage nicht viel ändern.

Du, bräsig grinsender Parolen-Verkünder, aber ebenso wenig. Ja, ich lebe mein Leben ganz normal weiter, während es auf meinem Kontinent plötzliche geopolitische Verwerfungen gibt. Ja, der Zahnpastafleck auf meinem Oberschenkel stört mich gerade mehr, als der Umstand, dass Menschen auf der Krim von ihren Familien aus der Kernukraine künftig nur noch mit Visum besucht werden können. Aber nein, ich bin nicht dumm, denkfaul und gut unterhalten. Ich bin ganz schön ratlos, das stimmt, aber das geht den erfahrendsten Diplomaten gegenwärtig nicht anders. Allerdings bin ich mir sicher, dass kernige Parolen, selbst wenn sie von Zehntausenden von denn größten Plätzen dieses Landes gerufen würden, keinen Einfluss auf Putins Handeln haben werden.

2 Gedanken zu „Über mit Teilnahmslosigkeit verwechselte Ratlosigkeit am Beispiel der Krim-Krise“

  1. lieber kopfkompass,
    ich finde es gut, dass es den mann mit seiner parole in deinem zug gibt/gab: hat er doch eine klare meinung, die er lauthals kundtut. und es ist gut, dass du eine meinung zu ihm, zur ukraine und zu hernn putin entwickelt hast. prima.
    leider kann ich dir inhaltlich dieses mal nicht vollends zustimmen. meine meinung: die krimkrise ist die logische reaktion auf die europaische einmischung. putin macht das, was er als „gewählter“ präsident tun muss, seine ländergrenzen und seine einflussphären schützen (die vereinigten staaten haben das in kuba auch gegen geltendes völkerrecht getan und fast einen dritten weltkrieg vom zaun gebrochen).
    ich persönlich glaube, dürften die usa nicht mit permanenter duldung europas ihre „einflussgebiete haben“ (der pazifische raum muss seit jahrzehnten atomwaffen und deren tests gegen seinen willen dulden, und das, trotz der vielen toten)und hätte es nicht den irak-krieg und kosovo-sündenfall gegeben(und alles ohne sanktionen),wäre es für putin nahezu unmöglich gewesen, die krim mit „wahlen“ zu erobern. (im vergleich zu den usa hat er die krim wenigstens gewaltfrei genommen)
    sanktionen dürften also nicht das thema sein. wenn wir dennoch über sanktionen reden, dann sollten es tatsächliche sanktionen sein. ich finde es einen skandal, dass man über sanktionen redet, aber selbige überhaupt nicht meint.
    und letztlich, was mich die krim-krise lehrt, ist, dass wir langsam erkennen müssen, das das vökerrecht für alle gilt und eine verletzung – egal von wem – nachahmer hervorbringt. eine erkenntnis die schon vor jahrhunderten zum normalen strafrecht geführt hat (also nicht wirklich neu ist)
    gruß und danke für deine positionierung im sündenfall ukraine.
    meg.

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