Warum meine Liebe 17 Mal weniger defizitär ist als Ihre Denke, Herr Matussek

Publizist Matthias Matussek outete sich mit seinem Artikel vom 12. Februar als offen homophob. Man soll Trolle nicht füttern, aber ich konnte nicht anders. Ich schrieb ihm folgenden offenen Brief.

Lieber Herr Matussek,

ich bin mir nicht sicher, ob Sie Ihre Gedanken in dringender Geilheit auf einen derbe provokanten Text nicht zu Ende denken konnten, oder ob Sie sich in Ihrer Gier nach Aufmerksamkeit gröbere intellektuelle Schnitzer großzügig genehmigten. Vielleicht können Sie es wirklich nicht besser; das täte mir leid.

Auch Sie, Herr Matussek – ich hoffe, Sie sitzen – leben in einem Land, in dem ungefähr jeder zehnte Mensch homosexuell ist. Keiner von diesen Menschen hat sich dafür entschieden, homosexuell zu sein. Sie sind es einfach. Wie ich. Oder um es in Ihrer Sprache zu sagen: Sie wandeln mit dem gleichen Recht auf Gottes Erden, wie Sie.

Weil ich in einem sehr homophoben Umfeld aufgewachsen bin, war meine Pubertät ein Albtraum. Ich habe mein Begehren sechs Jahre lang verstecken müssen, fühlte mich falsch, minderwertig, wie ein Alien; hatte Depressionen und Selbstmordgedanken. Zu meiner Schulzeit wurde über Homosexualität nur einmal kurz im Biologieunterricht gesprochen und gelegentlich auf dem Schulhof; dann allerdings, um einander zu beleidigen. Ich hoffe Sie verzeihen mir, dass ich zu jenen gehöre, die mit Vehemenz dafür eintreten, dass meine Nichten und Neffen in einem Klima aufwachsen, in dem es okay ist, dass sie sind, wie sie möglicherweise sind. Sie selbst durften das offenbar und sollten Gott dafür danken, oder wie ich sagen würde: Gratuliere, Glück gehabt.

Auf blasierte Publizisten, die finden, dass man sie dringend mehr beachten müsste, kann ich in diesem Streben leider keine Rücksicht nehmen. Als weißer, heterosexueller, nicht behinderter, akzentfrei deutsch sprechender Mann waren Sie hierzulande sehr offensichtlich noch nie Teil einer Minderheit und damit noch nie Anfeindungen und Ausgrenzungen ausgesetzt. Vielleicht helfen Ihnen die Reaktionen auf Ihren Totalausfall von einem Artikel dabei, einen Eindruck davon zu bekommen, wie sich dergleichen anfühlt. Sich in andere hinein zu versetzen, zählt ja erkennbar nicht zu Ihren Stärken. Beim nächsten Text wüssten Sie dann vielleicht, wovon Sie sprechen; das wäre für alle besser.

Ich rate Ihnen, sich einmal intensiv mit der Bedeutung des Wortes „normal“ auseinanderzusetzen. Sie könnten sich so vor künftigen publizistischen Peinlichkeiten schützen. Um Sie neugierig zu machen, verrate ich Ihnen als Teaser vorab: Normalität ist mitnichten gleichbedeutend mit mengenmäßiger Überlegenheit. Wenn – nur als Beispiel – seit Menschengedenken acht bis zwölf Prozent der Menschen homosexuell sind, dann darf man es mutig als „normal“ bezeichnen, dass dem auch heute so ist. Dass diesen Menschen die gleichen Rechte zustehen sollten, wie allen anderen, mag Ihnen missfallen, kann mit vernünftigen Argumenten jedoch nicht bestritten werden, das beweist ihr Text.

Meine Liebe, werter Herr Matussek, ist 17mal weniger defizitär als Ihre populistische Gedankenkette. Im Gegensatz zu Ihnen ist mir nämlich schon aufgegangen, dass die menschliche Gesellschaft nicht allein deshalb fortbesteht, weil sich alle ihr angehörenden Individuen permanent fortpflanzen. Es ist im Gegenteil sogar so, dass es sich sehr günstig auf die Überlebenschancen des Nachwuchses auswirkt, wenn jene, die gerade keinen eigenen Nachwuchs haben, bei der Versorgung des Nachwuchses der anderen mithelfen. Die Gesellschaft funktioniert auch heute so, dass Schwule und Lesben einen sehr erheblichen Beitrag zu deren Fortbestand leisten: Durch die Arbeit, die sie tun; durch die Erfindungen, die sie machen; durch die Kultur, die sie schaffen und nicht zuletzt durch die Steuern, die sie zahlen – übrigens erheblich mehr, als Menschen mit Kindern. Oder Menschen, die keine Kinder haben und Kinder schrecklich finden, aber zufällig verheiratet sind.

Angesichts Ihres un-er-träg-lichen Geschwafels von der geschlechtlichen Bipolarität der Welt, die so wichtig für Kinder sei, die Kinder aber nur erleben könnten, wenn Sie bei Mutter und Vater aufwachsen, wüsste ich gern, wo Sie leben. Zusammen mit meinen Freunden von der virulenten Homolobby möchte ich dieses Kleinod ohne Scheidungen, ohne alleinerziehende Mütter und Väter, ohne Patchwork- oder Regenbogenfamilien gern besuchen. Und zwar an Halloween.

Homophob zu sein, ist niemals „gut so“, Herr Matussek. Es ist auch nicht mittelalterlich. Es ist arrogant, ignorant und so unempathisch, dass mir gruselt. Vor allem aber ist es dumm. Und vor Dummheit sollte man sich hüten, ich wünschte, Sie wüssten das.

Ein sehr lesenswerter, analytischer Kommentar zum Artikel findet sich auf dem Nollendorfblog.

Klemens Ketelhut beschreibt in einem Gastbeitrag auf dem Blog von Christian Beisenherz, wie sicherheitsstiftend „Normalität“ ist und welche Aggressionen zu Tage treten, wenn in Frage gestellt wird, was sie ausmacht.

7 Gedanken zu „Warum meine Liebe 17 Mal weniger defizitär ist als Ihre Denke, Herr Matussek“

  1. Vielen Dank für diesen Brief! Der Artikel ist wirklich ganz furchtbar gruselig und womöglich der letzte, den ich in der „Welt“ gelesen habe. Irgendwie doch immer wieder erschreckend, WIE weltfremd und ignorant gerade ach so gebildete Menschen sein können. Aber wahrscheinlich ganz normaaaal… Fast beinahe fühl ich mich dazu hingerissen, mir ein Gesetz zu wünschen, das solchen Schwachsinn unter Strafe stellt. Fast beinah.

  2. Ich bin absolut der Ansicht von Ketelhut und gehe daher auch davon aus (hoffe!), dass es sich bei idpet, Matussek-Äußerungen und Co um Rückzugsgefechte handelt. Darauf ein Sektchen 🙂

  3. DAnke für diesen treffenden Leserbrief. Ich verstehe nicht, dass es in der heutigen Zeit immer noch Diskussionsbedarf zum Thema geben muss. Und ich verstehe auch nicht, dass es Jugendliche gibt, die unaufgeklärt sind und deshalb auf uns losgehen dürfen. Mittlerweilen müsste jede Form der Liebe und Sexualität von jedem Menschen ohne Einschränkung gelebt werden können. Und immer wieder muss der gleiche Scheiß durchgekaut werden, den man Generationen vor uns schon raus geschissen und -gekotzt hat. Lernen wir denn gar nichts?

  4. Sehr guter Text! Erschreckend dass es im Jahre 2014 noch Menschen mit so wenig Bildung und/oder Vernunft gibt!Noch erschreckender, dass diese Menschen son Job haben, und ihr 50er Jahre Gedankengut ungebremst auf unsere Bevölkerung loslassen können/dürfen. Ich bin weiss Gott weder Grün noch Links aber nichts desto trotz denke ich die Homophobie sollte ein für alle mal aus unserer Gesellschaft verschwinden.

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