2013: Meine fünf (plus zwei) Lieblingsbücher

Wenn du ein bisschen pfiffig gewesen wärest, zetert mein innerer Kritiker, hättest du deine Kopfkompass-Buchpreis-Shortlist einige Tage VOR Weihnachten veröffentlicht. Vielleicht wären einige Leser, auf der Suche nach einem guten Geschenk für ein bisschen Inspiration dankbar gewesen. Vielleicht, gebe ich zu, muss aber auch gestehen, dass mir die Geschenkesorgen anderer Menschen herzlich egal waren, da ich jede Minute brauchte, die die Tage vor Weihnachten hatten. Außerdem sollte man die wirklich guten Bücher sowieso lieber selber lesen.

#1. Marlen Haushofer: Die Wand

Worum es geht: Eine Frau will mit einem befreundeten Paar Urlaub auf einer Berghütte machen. Das Paar geht am ersten Abend auf ein Bier ins Dorf und kehrt nicht zurück. Wie sich am nächsten Morgen herausstellt, hat sich über Nacht eine unsichtbare Wand um die Alm gezogen, außerhalb derer die Zeit stehen geblieben ist und mit ihr jedes Herz. Verblieben sind in einer Art Blase: Eine Kuh, eine Katze, ein Hund und die Protagonistin, die versucht, sich unter diesen Gegebenheiten ein Leben zu organisieren.

Was mich berührte: Das Buch ist außerordentlich einfach geschrieben. Kurze Hauptsätze, bäuerliche Themen. Wie mache ich Heu? Wie bestelle ich ein Feld? Wie helfe ich einer Kuh ein Kalb zu gebären? Zwischen den Zeilen, sagt man, geht es um die großen Dinge. Manche behaupten, es ginge um die Frau in der BRD der 1950er, deren Kinder aus dem Haus sind und die nun mangels neuer Aufgabe in die Depression gleitet. Ich behaupte, es geht um noch größere Dinge. Darum, dass wir allein geboren werden und allein sterben, und dass wir es Glück nennen, wenn wir unterwegs jemandem oder etwas begegnen und in Kontakt geraten. Auch wenn wir dabei immer Verletzungen riskieren.

Im Kopf gebliebener Satz: „Nicht, dass ich fürchtete, ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm, aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorüber in einen Abgrund.“

#2. Herta Müller: Vater telefoniert mit den Fliegen

Worum es geht: Herta Müller sammelt Worte. Sie schneidet sie aus Zeitungen und Zeitschriften aus, weil sie den Gedanken nicht erträgt, sie zum Altpapier zu geben. Sie legt sie in kleine Regalfächer. Eine ganze Wand voller solcher Regalfächer habe sie. Neulich habe sie angefangen, die am schönsten klingenden und am schönsten gesetzten Worte aus den Kästchen zu klauben und sie inmitten alltäglicherer Worte so zu arrangieren, dass eine sehr spezielle, witzige, schöne und trotzdem tiefsinnige Arte von Gedichten entsteht.

Was mich berührte: Neben der gelungen Überraschungsparty für die Typografie, die es geschafft hat, sogar mich von der unbedingten Notwendigkeit gedruckter Bücher zu überzeugen? Das Schwere im Leichten. Der Sinn im Dada. Wie das Leben schulterzuckend an Katastrophen vorbei läuft und sie vergessen macht.

Im Kopf gebliebener Satz: (Das ist schwierig bei dem Buch, weil jedes Gedicht ja auch eine Collage und damit ein Bild ist, aber:) „Milch ist der Zwilling von Teer, in weiß oder schwarz kann man lügen, Mutter schiebt ein Bonbon im Mund hin und her, Vater telefoniert mit den Fliegen.“

Gleiche Autorin, anderes Ende des literarisch Möglichen:

#3. Herta Müller: Atemschaukel

Worum es geht: Ein 17jähriger Junge, Mitglied der Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen, wird um 1950 von Stalins Männern in ein sibirisches Arbeitslager deportiert, in dem er fünf Jahre arbeitet, hungert und Menschen sterben sieht. Danach kommt er zurück nach Hause. Am Ende wird nichts gut.

Was mich berührte: Ich gebe zu: Nach dem lesen dieser Zusammenfassung würde ich dieses Buch unter Garantie niemals zur Hand nehmen. Solltest du aber. Die Sprache ist überwältigend und es handelt sich weder um historische noch um Betroffenheitsliteratur. Herta Müller beschreibt mit chirurgisch präziser Poetik sehr archaische Dinge: Hunger, Heimweh und die Möglichkeit sich an Widrigstes zu gewöhnen. Und immer wieder blitzt eine Wärme durch den Schnee, die das Wesen des Menschseins so auf den Punkt bringt, dass ich das Buch manchmal schon nach drei Seiten Lektüre beiseitelegen musste, weil ich voll war.

Im Kopf gebliebener Satz: „Die Langeweile ist die Geduld der Angst.“

Im Gegensatz dazu sicher nicht nobelpreiswürdig aber trotzdem kleiner drei:

#4. Craig Lancaster: 600 Stunden aus Edwards Leben

Worum es geht: Edward, ein Autist um die 30, wird von seinen Eltern in ein eigenes Haus ausquartiert, weil sie seine Eigenarten in ihrem Tagesablauf stören. Im Haus gegenüber zieht eine alleinerziehende Mutter mit ihrem kleinen Sohn ein. Und nein: Es endet nicht damit, dass sie sich knutschend in den Armen liegen.

Was mich berührte: Jeden Abend schreibt Edward einen Beschwerdebrief. Das ist ein Tipp von seiner Therapeutin. Er beschwert sich bei Countrysängern über ihre hirnrissigen Texte, bei der blöden Ziege, die ihn heute im Einkaufszentrum angerempelt hat, bei seinem Vater, bei seiner Mutter, bei dem Idioten, der die Frau gegenüber verlassen hat, beim Wetter und bei Gott. Obwohl er die Briefe nicht abschickt sondern nur abheftet, geht es ihm anschließend viel besser. Ich verstehe das. Ich fand es sehr heilsam, zu erleben, wie selbstverständlich man mit der Irritation gegenüber seiner Umwelt umgehen kann und behalte mir vor, mir dieses Verhalten im Laufe meines Lebens anzugewöhnen.

Im Kopf gebliebener Satz: 1. Offenkundig gibt es Höflichkeit, und es gibt das, was funktioniert. 2. Sie passte gut zu den Möbeln.

Etwas weniger herzerweichend und daher auf Platz

#5. Constanze Kurz & Frank Rieger: Arbeitsfrei

Worum es geht: Anhand sehr konkreter Beispiele – Mühlen, Bäckereien, Druckereien – verdeutlichen die Autoren, dass es in gar nicht allzu ferner Zukunft im Wesentlichen nur noch drei Arten von sorglosen Arbeitnehmern geben wird: Solche, die Maschinen programmieren; solche, die Maschinen warten und solche, die an Telefonhotlines die Reklamationen maschinellen Fehlverhaltens entgegennehmen und bearbeiten werden.

Was mich berührte: mich dieser Dystopie für einige Tage des Lesens hinzugeben. Das Buch ist nicht wirklich aufregend, aber es festigt eine Ahnung zur Überzeugung, was von Vorteil für künftige Entscheidungen sein kann. Alles was Maschinen erledigen können, werden Maschinen erledigen. Die Menschheit braucht einen Plan. Wem wird die von Maschinen generierte Wertschöpfung zuteil? Wie soll die Arbeitswelt der Zukunft aussehen? Wie muss sich unser Bild von Gesellschaft und Wert verändern?

Im Kopf gebliebener Satz: „Wir stehen erst am Beginn einer weiteren Beschleunigung der rechnergestützten Automatisierung und Roboterisierung, die sich bis in den Kernbereich menschlicher Fähigkeiten ausdehnt: das Denken.“

Sonderpreis für das schlechteste Buch, das mir in diesem Jahr untergekommen ist: Sebastian Fitzek: Der Nachtwandler

Worum es geht: Ein Mann entdeckt hinter seinem Schlafzimmerschrank einen Eingang in ein dunkles weitverzweigtes Tunnelsystem, dass alle Wohnungen seines Hauses miteinander verbindet. Seine hübsche Freundin verschwindet und die Grenze zwischen Albtraum und Wirklichkeit verwischt. Am Ende – und das empfinde ich als Beleidigung meines Intellekts – stellt sich heraus, dass alles nur ein geheimes Experiment der Regierung war und nebenbei neue Medikamente erprobt wurden. (Weißte, man quält sich und quält sich, weil man denkt, das Ende muss es rausreißen, das Ende MUSS ein Knaller sein. Dann das.)

Was mich berührte: Dass sich offenbar niemand gefunden hat, der das Buch für Fitzek lektorieren wollte.

Im Kopf gebliebener Satz: „Siehst du das Tor dort in der Wand? Öffnet sich nur durch Geisterhand.“

Gruslig. Auf so viele Arten.

Sonderpreis für überfordernde Literatur: David Foster Wallace: Unendlicher Spaß: Infinte Jest.

Worum es geht: Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Ein schwer depressiver aber sehr talentierter und beängstigend intelligenter Schriftsteller nimmt Drogen und versucht im Rausch seine Jugend in einer Parallelwelt aufzuschreiben?

Was mich berührte: Wallace ist es gelungen, einen eigenen in sich völlig stimmigen Kosmos aufzuspannen. Mit Erfindungen die nicht gemacht wurden, aber durchaus gemacht worden sein könnten und gesellschaftlichen Regeln, die fiktiv sind, aber real sein könnten und einer Sprache, die geläufig sein könnte  es aber eben nicht ist. Und einem Spaß, den ich nicht hatte. Ich habe mich redlich bemüht, ich komme nicht rein.

Im Kopf gebliebener Satz: »Mario, was bekommt man, wenn man einen Menschen, der an Schlaflosigkeit leidet, einen widerwilligen Agnostiker und einen Legastheniker kreuzt?« »Passe.« »Man bekommt jemanden, der sich die ganze Nacht die Frage um die Ohren schlägt, ob es einen Nebel nach dem Tod gibt.«


Ein Gedanke zu „2013: Meine fünf (plus zwei) Lieblingsbücher“

  1. Constanze Kurz macht irgendwie nur gute Sachen, kann das sein? Mein Lieblingsbuch in letzter Zeit ist dieses, allerdings ist es so speziell, dass ich es besonders für Sprachenthusiasten und Reisende empfehlen möchte.

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