Der #shelfie-Trugschluss oder: Über Ulysses

Eine der unzähligen Fabelhaftigkeiten an Twitter ist, dass einzelne Tweets innerhalb weniger Stunden beachtliche Wellen auslösen können, die Spannendes ans Licht bringen. Heute zum Beispiel: Menschen, die ihre Bücherregale fotografieren, um gemeinsam darüber nachzudenken, ob das auch eine Art Selbstporträt sein könnte. Der Hashtag dazu heißt #shelfie. Sarah hat einen tollen Text über das darin lauernde Missverständnis von Intellektualität geschrieben.

Darüber habe ich dieses Jahr einige Male nachgedacht. In meiner sehr kleinen Wohnung stehen zwei ziemlich große Bücherregale, randvoll. Keines der Bücher darin ist in den letzten Monaten von Bedeutung für mich gewesen. Seit letztem Weihnachten habe ich einen Kindle und es kommt mir inzwischen beinahe absurd vor, unhandliche, schwere, nicht selbstleuchtende Bücher aus Papier zu lesen, deren Schriftgröße feststeht und die das, was ich darin anstreiche nicht selbstständig digitalisieren (hier nochmal ausführlicher). Aber fast immer, wenn ich jemanden neu kennenlerne und zum ersten Mal in meinem Wohnzimmer allein lasse, tritt er irgendwann an die Regale, legt den Kopf schief und liest die Buchrücken um von dem, was ich wohl so lese darauf zu schließen, wie ich wohl so bin.

Ulysses
Ulysses

Besonderes Augenmerk fällt dabei oft auf eine sehr schöne Ausgabe von Ulysses, die ich gekauft habe, weil sie eben genau das ist: Sehr schön. Ich habe vor meiner E-Book-Zeit mehrfachst sehr redlich versucht, dieses Buch zu lesen und fand es immer wieder eine unzumutbare Zumutung. Ich bin inzwischen dazu übergegangen, dass auch jedem zu sagen, der das Buch bewundert. Mit sehr erstaunlichem Resultat: Fast jeder, der sich für meine Bücher interessiert, interessiert sich auch für seine und besitzt ebenfalls eine Ausgabe von Ulysses. In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen Menschen getroffen, der dieses Buch zu Ende gelesen hat.

Was ich sagen will: Meine Bücherregale dienen zum Verwalten von Dingen, die mir einst viel bedeutet haben; zur Aufbewahrung von Dingen, die mir geschenkt oder vererbt wurden; und zur Dekoration meines Wohnraumes. Über die ausufernde Juli-Zeh-Bibliothek auf meinem Kindle verraten sie nichts. Und auch nicht über den miserablen Fitzek-Thriller, den ich pflichtbewusst und in der Hoffnung auf einen ehrenrettenden Geniestreich bis zu Ende gelesen habe.

Mein #shelfie wäre mein Kindle. Und doch, bei dem Gedanken könnte auch ich mir ein Tränchen zu Ehren der Haptik von Papierbüchern aus dem Auge drücken. Medienfolklore.

Ein Gedanke zu „Der #shelfie-Trugschluss oder: Über Ulysses“

  1. witzig, ich hab mich mal mit 15 rum total für irland interessiert, und habe in büchern über irland (wozu auch die kultur und berühmte autor_innen gehören) gelesen, dass ulysses unzumutbar ist. da frage ich mich immer: wieso beschaffen sich leute dieses buch und versuchen sich daran? weil sie es nicht wissen, dass es unzumutbar ist? weil sie das thema interessant finden? oder weil „man“ james joyce „halt gelesen haben muss“?

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