Oxfam Trailwalker: Über Sieg & Niederlage

Heute in einer Woche sind wir schon fünf Stunden unterwegs. Den ersten Checkpunkt haben wir dann vielleicht schon hinter uns gelassen. Ich kann diesen Gedanken denken oder mir eine Tagesdosis Adrenalin injizieren. Ich bin glücklich. Ich bin aufgeregt. Ich habe Angst. Und ich freue mich. Aber der Reihe nach.

Meine Firma gestattet mir, nächste Woche im Kollegenkreis um Spenden zu werben und hat sich bereit erklärt, alle Mitarbeiterspenden zu verdoppeln. Es ist fantastisch zu sehen, wie viel Geld schon zusammengekommen ist und sich vorzustellen, wie viel vielleicht noch dazu kommt. Es tut gut zu wissen, wie sinnvoll dieses Geld eingesetzt wird und dass Menschen durch genau dieses Geld die Chance erhalten, dauerhaft ein besseres Leben zu leben. Es ist so richtig, so direkt. Das macht mich sehr glücklich.

Es ist nicht zu fassen, an was alles zu denken ist. Die Liste der Dinge, die ich bis zum Trailwalker vorbereiten oder besorgen muss, umfasst ungefähr 50 Einträge. Und obwohl ich jeden Tag welche abarbeite, wird sie nicht kürzer. Ich unterbreche Gespräche, um Dinge zu ergänzen. Ich fahre mit dem Rad rechts ran, um Dinge zu ergänzen. Ich schrecke nachts auf und schreibe Dinge dazu. Manchmal kommt es mir vor, als plane ich einen Umzug. Neben den naheliegenden Siebensachen brauchen wir auch extravagantere Gegenstände wie Stirnlampen, Ersatzbatterien, Kaugummis zum Wachbleiben, Aspirin, Kopfhörer, Ohropax für die Nacht davor und ein Handtuch für das Duschen danach. Der Gedanke, irgendetwas vergessen zu haben, dass mir am Tag der Tage fehlt, quält mich. Das Gefühl gut vorbereitet zu sein ist aufregend.

Hier lachen sie noch.
Hier lachen sie noch.

Die Herausforderung, die jetzt noch ansteht, ist eine sehr persönliche. Noch nie in meinem Leben habe ich etwas körperlich derart Extremes getan. Einmal hing ich kopfüber im Hindernis eines Kletterwaldes wie ein Insekt im Spinnennetz, aber ich musste keine 30 Stunden bis zur Rettung warten. Einmal habe ich mich in einer wüstengleichen litauischen Wanderdüne verlaufen, aber die war keine 100 Kilometer lang. Einmal musste ich nachts stundenlang auf gefrorenem Waldboden ausharren, aber da musste ich nur liegen, nicht laufen. Für das, was ich nun vorhabe, habe ich mich freiwillig entschieden. Obwohl ich mir immer noch nicht sicher bin, ob ich das überhaupt schaffen kann.

Diese Geschichte kann auf zwei Arten enden:

Ich schaffe es nicht. Künftig wäre ich ein vernünftigerer Mensch. Der etwas feige, etwas spießige, etwas langweilige Teil in mir würde einen breiten Mund machen und „Siehste!“ rufen. Derartige Rosinen würde er mir ab sofort gnadenlos aus dem Kopf schlagen und mich auffordern, mich doch bitte ein bisschen zusammen zu reißen. Realistischer zu sein. Leidenschaftsloser. Abgeklärter. Den Trailwalk nicht zu schaffen, würde mich für die Zukunft Mut kosten, Fantasie und den Glauben an die Möglichkeit, über mich hinauswachsen zu können. Ich wäre anschließend etwas weniger frei. Davor habe ich Angst. Dabei fühlt sich das gar nicht so schlimm an, wie es klingt. Ich hatte schon einige Seifenblasen im Kopf die an der stachligen Wirklichkeit zerplatzt sind: Ich bin kein großer Künstler geworden, kein berühmter Schriftsteller, kein Hirnchirug-Feuerwehrmann-Schauspieler-Rockstar. Das ist okay. Ich bin mit Niederlagen vertraut und akzeptiere ihre Notwendigkeit. Ich bin ein zufriedener Mensch. Ich wäre es auch danach.

Schaffe ich den Trailwalker aber, wäre ich künftig ein Narr. Der etwas verrückte, etwas verspielte, etwas risikofreudige Teil in mir würde die Hände in die Luft reißen, mich schütteln und mir entgegenbrüllen, dass ich ab sofort ja wohl alles schaffen könne. Ich solle gefälligst mutiger sein, offener und um alles in der Welt mal bitte meinen Arsch hoch kriegen. Ich würde Freiheit gewinnen. Dieser Gedanke ist so euphorisierend und fantastisch, dass ich ihn mir kaum zu denken getraue. Wie viele Träume habe ich aufgegeben, ohne wirklich um sie gekämpft zu haben? Dergleichen könnte ich mir ab sofort nicht mehr so leicht durchgehen lassen. Ich bliebe Blogger, Banker, Autor. Aber der Beweis, Unschaffbares schaffen zu können, würde mich abenteuerlustiger machen, lebenshungriger, weniger ängstlich. Ich bin ein zufriedener Mensch. Aber ich könnte noch zufriedener werden.

Es sei denn, es regnet in sieben Tagen. Oder ich krieg Magen-Darm.

Ein Gedanke zu „Oxfam Trailwalker: Über Sieg & Niederlage“

  1. Voll schön, dass Du so persönliche Gedanken und Gefühle teilst. Kann die Ängste und die beiden Seiten in Dir gut verstehen. Ich hoffe, Dein verrückter, verspielter, risikofreudiger Teil gewinnt.

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