Oxfam Trailwalker: Erinnerungen an die Generalprobe

Die im letzten Post anmoderierte 50 km-Wanderung liegt hinter mir. Ich bin erleichtert und glücklich. Die Strecke ist anspruchsvoll aber nicht „ganz schön knackig“, wie mir Joe Kelly in einem Trailwalker-Werbevideo einreden wollte (nur um mir Angst einzujagen und sich noch länger in der trügerischen Sicherheit wiegen zu können, dass er der Coolere von uns beiden sei).

Auf dem Weg muss man auf jeden Untergrund vorbereitet sein. Es gibt asphaltierte Strecken, Schotterpisten, weiche Waldwege, Wurzelschikanenpfade, Stein-zu-Stein-Steig-Passagen, steile Geröllhalden und Abschnitte, die keine Wege sind, sondern Frechheiten und die ich als beschildertes morastiges Gebüsch bezeichnen würde. Langweilig wurde mir also nicht. Im Gegenteil: Oft musste ich mich sehr auf den Weg konzentrieren, um nicht andauernd umzuknicken.

Zum Glück gibt es Tricks. Anstiege fallen mir leichter, wenn ich mir vorstelle, ich würde einen engen Rock tragen, der mir nur winzige Trippelschritte erlaubt. Wenn sich auf den Abstiegen die Knie melden hilft es mir, kurzzeitig rückwärts zu gehen. Ist ein Muskel auf Krampf aus kann ich ihn lockern, indem ich ein kurzes Stück renne. Gegen die stärker werdende Erschöpfung ziehe ich mich an den Checkpunkten um, nach dem die klebrigsten Stellen mit Einmal-Baby-Waschlappen und Minzparfüm restauriert wurden. Der Wechsel der Schuhe bewahrt meine Füße vor Langeweile und gibt Gelegenheit, geröteten Stellen mit Blasenpflastern Ruhe zu verschaffen. Außerdem muss ich meine Kleidung an den Temperaturverlauf des Tages (und eben auch der Nacht) anpassen. Ein frisches Laufgefühl ist unglaublich wichtig für mich. So kann ich mir immer wieder einreden, ich sei gerade erst los gelaufen.

Die Müdigkeit konnte ich mit dem großzügigen Einsatz von Club Mate in Schach halten. Ich verstehe nicht genau warum, aber dieses Gebräu erzeugt bei mir eine angenehme natürliche Wachheit, die sich nicht nach Kammerflimmern oder Panikattacke anfühlt. An den Checkpunkten 20 Minuten bequem zu sitzen um mit den Waden und den Schenkeln zu schlabbern ist eine Erbauung. Viel länger darf ich es mir aber nicht gemütlich machen, damit mein Körper nicht so weit herunterfährt, dass ich beim Weiterlaufen Zombie-Alarm auslöse.

Das Tolle war: Ich konnte weiterlaufen. Von den Anstiegen abgesehen kam ich nicht aus der Puste. Es geht eben nicht um Sprinter-Qualitäten, die mir nachweislich völlig abgehen, sondern um Ausdauer-Talent, das ich offenbar besitze. Außerdem ist die Landschaft wunderschön. Wir haben Wildschweine gesehen, Rehe, eine Blindschleiche und ungefähr 753 daumennagelgroße Kröten. Wir sind entlang kühler Bäche spaziert, über Lichtungen, Gipfel und durch breite Täler. Das war fabelhaft.

irgendwo zwischen Checkpunkt 1 und 2
Team Martial Harz irgendwo zwischen Checkpunkt 1 und 2

Aber vor allem sind wir ein gutes Team. Manchmal laufen wir zu viert nebeneinander, meistens paarweise in wechselnden Zusammensetzungen, manchmal läuft auch einer allein. Jeder läuft sein Tempo. Der Gesprächsstoff ist uns nicht ausgegangen, aber es gab auch Phasen, in denen nicht gesprochen wurde. Manchmal haben wir uns die Zeit mit Spielen vertrieben, wie zum Beispiel dem Packen eines imaginären Wanderköfferchens*. Eines unsere Teammitglieder bekam sehr heftige Knieprobleme (denen wir bis zum großen Tag mit allen Mitteln beizukommen versuchen) und gerade wenn etwas wehtut, tut es gut, sich mit solchen Albernheiten abzulenken. Noch wirkungsvoller ist Musik, aber die isoliert auch ein bisschen.

Mich hat verblüfft, dass meine 6 Liter Flüssigkeit gerade so für die 50 Kilometern gereicht haben. Eigentlich hatte ich die ganze Zeit Durst. Und Hunger. Aber zu essen hatte ich glücklicherweise reichlich dabei. Saftiges Obst ist sehr erfrischend, Bananen liefern Traubenzucker, Studentenfutter reichlich Fett, Tofuwürstchen das nötige Eiweiß und Brötchen die Kohlehydrate. Für die Nacht hätte ich noch Schokolade gehabt, um das Belohnungssystem anzuregen. Mir hat’s geschmeckt.

Am Ende der Strecke hätte ich noch weiter gekonnt. Das macht mir Mut. Mir ist klar, dass die zweite Hälfte körperlich noch anstrengender wird, auch, weil wir sie ja nachts laufen werden. Aber ich glaube, mit den richtigen Tricks meistern wir das. Die richtigen Leute sind wir nämlich. Am liebsten würde ich sofort losgehen. Ich glaube, wir können das schaffen. Noch sicherer wäre ich mir, wenn ihr auch an uns glauben würdet. Kostet was, lohnt sich aber.

* Als Hommage an „Unnützes Wissen“: In unserem Köfferchen befanden sich am Ende folgende Dinge:
eine Tafel Salzlakritzschokolade, Besteck, eine Wanderkarte, ein Seifenblasenschwert, ein Roman, ein Ei, Turnschuhe, ein Schwimmring, eine 3D-Sternenkarte, ein Gameboy, ein Xylophon, ein Eierbecher, eine Vase, ein Trockensträußchen, Vaseline, Babybrei, Thomas Schmidt, ein Zahlenschloss, eine Spieluhr, ein Notenheft, ein Adressetikett, Zwieback, Erdbeerkonfitüre, eine Feile, ein Ladegerät, ein Nagelknipser, ein Hirschgeweihimitat, ein Warndreieick, ein Ding, dass die Treppe runtergehen kann, ein Kieselstein, Augen-Make-Up-Entferner, ordinäre Wattepads, Rasierschaum, feuchtes Toilettenpapier, ein Pömpel, Siegfried, das Kuscheltier, eine italienische Gewürzmischung, Spaghetti, eine Sanduhr, ein Pilzbestimmungsbuch, eine Lupe, ein Spielzeugauto und ein Joint.

2 Gedanken zu „Oxfam Trailwalker: Erinnerungen an die Generalprobe“

  1. „Noch wirkungsvoller ist Musik, aber die isoliert auch ein bisschen“
    Singen nicht 😉 Hilft mir immer, sowohl allein als auch zu zweit oder zu vielt

  2. Stimmt! Das habe ich ganz vergessen zu erwähnen! Wir haben auch gesungen. Sogar zweistimmig. Das kann sehr witzig sein, aber auch eine fast heilige Feierlichkeit erzeugen.

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