Männermode: Warum kurze Hosen im Büro sehr wohl gehen

Jeden Sommer quälen mich Menschen, die in offensichtlicher Ermangelung anderer Talente Fashion-Experten werden mussten, mit Kolumnen zur sommerlichen Kleiderordnung am Arbeitsplatz. Man erkennt ihre Artikel an der Kombination der Termini „No-Go“, „Tabu“ oder „nackte Haut“ mit dem Wort „Büro“ in der Überschrift. Daher ist es nicht schwer, sie zu überlesen. Damit ihre perfide Hirnwäsche trotzdem funktioniert, sind sie dazu übergegangen, ihre Indoktrination als Alltagstipp im Popradio oder als Ratgeberbeitrag im Frühstücksfernsehen zu streuen.

Alljährlich verhandeln sie die tolerierbare Rocklänge für Damen sowie ob Strumpfhosen sein müssen oder Zehen erlaubt sind. Gelegentlich kommt Zwist auf, ob es bei den Herren notfalls auch ohne Jackett ginge oder ausnahmsweise ohne Krawatte. Furchterregend einig ist man sich jedoch in einem Punkt: Kurze Hosen für Männer gehen gar nicht.

Ich erkläre hiermit feierlich: Das ist Mumpitz.
Außerdem ist es Wirtschaftssabotage, spießig und unfair. Die Wahrheit ist nämlich folgende:

1.) Männer schwitzen. Auch sie sind darauf angewiesen, ihre Körpertemperatur unter 40 Grad Celsius zu halten, weil andernfalls die Körpereiweiße in ihrem Blut ausflocken wie Hühnerei-Eiweiß im kochenden Wasser. Auf die Benimmregeln des modernen Arbeitslebens nimmt diese biologische Gegebenheit keine Rücksicht. Wie alle anderen Warmblüter müssten sie dann leider sterben.

Um das für meine Person zu verhindern, habe ich in den Jobs, in denen ich trotz Innenraumtemperaturen jenseits von 30 Grad gezwungen war, lange Hosen und Jackett zu tragen, an Sommertagen nicht gearbeitet. Vielmehr saß ich reglos an meinem Schreibtisch und versuchte, meinen Stoffwechsel durch autogenes Training auf ein Mindestmaß herunterzufahren, um keine unnötige Abwärme zu produzieren. Die Sekunden größter Aktivität waren jene, in denen ich zur Herrentoilette lief, um literweise frisches, kaltes Trinkwasser über meine Pulsadern laufen zu lassen. Die Augenblicke höchster Produktivität waren die, in denen ich das Internet auf der Suche nach der ultimativen Antitranspirant-Deodorant-Lösung durchstreifte. In den Pausen bot ich dem Kolleginnenkreis meinen schaffellgroßen Schweißfleck auf dem Rücken dar, damit sie sich unter schallendem Gelächter nach Herzenslust davor ekeln konnten. Am Monatsende bekam ich Geld. Genauso viel wie meine Kolleginnen. Die aber hatten gearbeitet. Irgendwann habe ich gekündigt. Ich werde nie wieder einen Job annehmen, den ich im Sommer nicht mit kurzen Hosen ausüben darf, sofern er sich in nichtklimatisierten Räumen abspielt. Ich finde es ein blödes Spiel, acht Stunden lang schwitzen zu müssen, damit man sich anschließend über meinen strengen Körpergeruch echauffieren kann.

Ich glaube nämlich 2.) immer noch daran, dass der werktägliche Aufenthalt in Büros der Verrichtung von anfallender Arbeit und nicht der Präsentation eleganter Kleidung dient. Und ebenso wenig wie ein Elfenkostüm ein Fabelwesen aus mir machen würde, macht mich ein Anzug seriöser, kompetenter oder alpharüdenhafter. Ich sehe darin lediglich anders aus. Besser vielleicht. (Für einige durchaus auch im Elfenkostüm.) Aber ich gehe nicht zur Arbeit, um gut auszusehen. Und ich finde es gelinde gesagt bescheuert, wenn Vorgesetzte an Kleiderordnungen festhalten, um Gefühle von Kompetenz und Professionalität zu suggerieren, während sie das tatsächliche Vorhandensein dieser Qualitäten damit torpedieren. Ich kann nicht professionell oder kompetent sein, wenn meine Eiweiße denaturieren. Ich kann bestenfalls so aussehen. Will ich aber nicht. Frauen dürfen in leichten Blusen, kurzen Röcken und Riemchenschuhchen völlig entspannt durchs Büro schweben. Ich will das auch. Von mir aus in Hosen statt Röcken.

Abgesehen davon finde ich 3.), dass Männer auch in kurzen Hosen gut aussehen können. (Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass sich die Attraktivität eines Mannes an dessen nackten Waden treffsicherer beurteilen lässt als am Schnitt seines Anzuges. Das führe ich hier aber nicht weiter aus, weil ich ja vorhin behauptete, es ginge im Büro um Arbeit und nicht um Schönheit.) Entgegen sich wiederholender Behauptungen sind meine Beine nämlich weder obszön noch unelegant oder gar animalisch, sondern lediglich: meine Beine. Man kann das einsehen, wenn man sich erst einmal an ihren Anblick gewöhnt hat. Richtig hingegen ist, dass sie zuweilen käsig aussehen, insbesondere dann, wenn ich sie den ganzen Sommer lang in Anzughosen verstecken musste. Was bei meinem Arbeitgeber glücklicherweise kein Mann muss.

PS: Nein, dünne, lange Leinenhosen sind nicht genauso luftig wie kurze Hosen. Zudem sind sie hässlich.

2 Gedanken zu „Männermode: Warum kurze Hosen im Büro sehr wohl gehen“

Kommentare sind geschlossen.