Von Informationen zur Unterdrückung

In meinem vorletzten Artikel hatte ich versucht zu erklären, warum auch „rechtschaffende Menschen“ ausreichend Grund haben, sich vor der umfassenden Überwachung unserer digitalen Kommunikation zu fürchten.

Nach einigen Vorträgen auf der sigint13 habe ich begriffen: Rechtschaffenheit ist eine Konstruktion. Eine ziemlich hahnebüchene nämlich. Und zwar nicht nur, weil das, was heute legal und akzeptiert ist, in 10 Jahren möglicherweise verboten oder wenigstens verpöhntsein könnte. Sondern auch, weil grundsätzlich jeder etwas zu verbergen hat (auch darüber schrieb ich schon einmal).

Wenn jede Email, jeder Chat, jede besuchte Webseite aufgezeichnet wird, macht uns das erpressbar.

Und zwar nicht nur die, die besonders explizite Pornografie konsumieren oder sich Dinge im Internet bestellen, welche sie sich im Laden niemals zu kaufen trauen würden und die ihre Ehegatten niemals zu Gesicht bekommen. Auch nicht nur jene, die mit Kollegen besonders ungehemmt die Unfähigkeit der Führungskraft verhandeln oder intimste Eheprobleme detailreich mit der besten Freundin erörtern. Sondern alle. Jeden. Dich.

Ich komme mir paranoid vor, aber ich bin es nicht: Mindestens zwei Geheimdienste der Welt wissen alles über mich (auch, wenn sie sich möglicherweise noch nicht die Mühe gemacht haben, diese Informationen zu verknüpfen und zu visualisieren).

Sie wissen, wen ich liebe und wen ich hasse, wovor ich mich fürchte und worauf ich stehe, woran ich knabbere und wo ich wunde Punkte, Komplexe, Traumata habe. Aber auch konkretere Dinge wie Kreditkartendaten, Passwörter und Adressen meiner Familie, meines Arbeitgebers und meines Psychologen.

Ich bin ein soziales Wesen und out oft the box responsive designed verkörpere daher in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Anteile von mir. Oder anders gesagt: nicht jeden in meinem Leben geht alles an. Meinem Chef nicht, meine Mutter nicht und nicht meine Nachbarn oder meine Krankenkasse. Mit den Informationen, die ich auf unterschiedlichsten Kanälen digital versende oder speichere, ließen sich diese natürlichen Grenzen aber sehr leicht und sehr böswillig verwischen. Mit denkbar verheerenden Konsequenzen für mein Leben.

Die Vereinigten Staaten und das vereinigte Königreich überwachen aber nicht nur Dich und mich, sondern auch Personen in sehr entscheidenden Positionen unserer Gesellschaft: Forscherinnen, Vorstände, Politikerinnen, Diplomaten, Richterinnen. Und ebenso Firmen, Gremien, Ausschüsse und das Militär.

Je länger ich darauf herum denke, umso klarer wird mir: Überwachung liefert Informationen.
Informationen bedeuten Erpressbarkeit.
Erpressbarkeit bedeutet Macht.
Macht bedeutet Unfreiheit für den, der sie nicht hat.
Unfreiheit bedeutet Unterdrückung.

Ich komme mir kolonialisiert vor frage mich, wie souverän ein Mensch, eine Institution, ein Staat unter diesen Bedingungen sein kann.