Terroristen haben Privatsphäre. Ich jetzt auch.

Vielleicht bin ich naiv, aber: Ich habe das nicht gewusst. Ich habe das auch nicht kommen sehen. Ich habe geahnt, dass man hinter dem Internet eine unvorstellbare Überwachungsmaschine bauen könnte, aber nicht daran geglaubt, dass das tatsächlich getan wird wurde. Alles, was ich dem Internet füttere, wird von Geheimdiensten gefressen, verdaut und nie wieder ausgeschieden. Tatsächlich: alles. Zur Strafe für meine Einfältigkeit lässt sich der Großteil meines Lebens nun sehr wahrscheinlich auf Servern der NSA nachvollziehen. Auch, wenn sich wohl niemand die Mühe machen wird, das zu tun, weil ich so aufregend leider gar nicht bin. Aber darum geht es nicht.

In den letzten beiden Tagen habe ich umgebaut:

  • Ich habe mein Betriebssystem gewechselt und meine Büro-Software aus der Cloud zurück auf meine Fesplatte geholt.
  • Ich bin mein eigener E-Mail-Anbieter geworden
  • Ich habe gelernt, E-Mails zu verschlüsseln und Chats und meine Archive.
  • Ich habe einen neuen Browser, der kein Tracking erlaubt, meine Passwörter nicht speichert und nach jedem Klick, die Cookies löscht, die ich nicht mehr brauche
  • Ich habe ungefähr 12.000 Fotos aus der Wolke gelöscht und auch alle anderen Dateien, die ich dort sichern (kichert ruhig) oder mobil verfügbar machen wollte. Darunter so delikate Dinge wie Zeugnisse, Tabellen über die Entwicklung meines Körpergewichtes und Tagebücher. (Aber ja! Ich finde es auch schreiend dämlich, dass diese Dinge meine Festplatte jemals verlassen haben. Heute. Bis vor einigen Wochen fand ich das unglaublich praktisch.)
  • Wie vor einigen Jahren, habe ich wieder einen USB-Stick am Schlüsselbund und eine externe Festplatte auf dem Schreibtisch.
  • Besonders stolz bin ich auf mein frisch gerootetes und geflashtes, verschlüsseltes, google-, facebook-, amazon- und microsoftfreies Tablet mit dem ich sicher und anonym ins Netz gehen kann.
  • Und als ich gestern einen fabelhaften Tag in der (urbanen) Wildnis hatte, während mein Smartphone gelangweilt und beleidigt auf dem Telefontischchen darbte, kam ich mir regelrecht verwegen vor.

Dabei bin ich gar kein Nerd. Ich mag Computer, am Liebsten funktionierende, das ist alles. Aber wie ich neulich schon schrieb, finde ich, dass wir die Technologie kennen sollten, der wir unser Leben anvertrauen. Also habe ich mich durch zahllose Anleitungen geackert und Dutzenden Fortschrittsbalken beim Fortschreiten zugesehen. Währenddessen sind mir drei Dinge klar geworden.

1. Terroristen haben Privatsphäre. Wenn es mir als Amateur gelingt, innerhalb von 48 Stunden einigermaßen sicher und unbeschattet online zu gehen, schaffen das versierte Kriminelle erst recht. Zumal der eilige Verbrecher ja nach wie vor die Dienste des Internetcafés am anderen Ende der Stadt bemühen kann.

2. Es ist zynisch, dass ich einen solchen Aufwand betreiben muss, um meine Grundrechte gewahrt zu wissen. Um mein Recht auf Unverletzlichkeit des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses zu verteidigen, muss ich mich der Techniken bedienen, die auch Terroristen benutzen, um ihre Aktivitäten zu verschleiern.

3. Daraus folgt, dass von Prism und Tempora ironischerweise die am stärksten betroffen sind, die keine Ahnung haben. Von Computern nicht, nicht von Politik und erst recht nicht vom Bombenbau.

Waren das aber nicht genau jene, die es zu schützen galt?

3 Gedanken zu „Terroristen haben Privatsphäre. Ich jetzt auch.“

  1. Im Ansatz ganz nett, doch frage ich mich, warum dieser Aufwand.
    Entweder weil Sie der Verschlüsselung der Unternehmen nicht mehr trauen – dann frage ich mich, wie Sie „Vertrauenswürdig“ definieren. Oder weil aus der vernünftigen Furcht um die Sicherheit nackte Angst wurde.

    Ich habe schon länger Erfahrungen in dem Gebiet gesammelt, ich mache es aber anders: Bitlocker, end-to-end-encryption für die Cloud, (und manches mehr was ich hier nicht en detail aufzählen kann ^^)

    Der Punkt ist, man kann eine Menge für seine Sicherheit zum Schutz vor Polizei und Behörden tun, sollte es aber nicht übertreiben wenn es bereits Möglichkeiten gibt ohne dass man sie schaffen muss.

  2. Mein erster Gedanke zu Ihrem Kommentar war: Welchen Grund könnte es noch geben, amerikanischen IT-Unternehmen zu vertrauen? Alle haben Daten weitergegeben, wenn auch nicht freiwillig. In meinen Augen ist keines dieser Unternehmen mehr vertrauenswürdig. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Nichts, was nicht von Ende zu Ende verschlüsselt ist, ist vertrauenswürdig. Weshalb sich auch der Markteing-Coup „Email made in Germany“ vom Start weg disqualifiziert.

    Ich hatte ziemlich auf Microsoft gesetzt: Outlook, outlook.com, Skydrive, Office, Windows 8 und sogar Windows Phone 8. Nun musste ich begreifen, dass alles aus einer Hand auch alles IN eine Hand bedeutet. Damit wollte ich nicht länger leben. Und Sie haben recht: Es gibt gute Lösungen. Wuala scheint mir beispielsweise eine solche zu sein. Oder Enigmail für Thunderbird. Aber der Wechsel macht ein bisschen Arbeit und kostet ein bisschen Komfort. Damit allerdings lebe ich gern.

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