Prism: Wie erklären wir das unseren Kindern?

Ich bin gelähmt. Ich bin entsetzt. Ich schaudere. Ich fürchte mich. Ich bin wütend. Ich fühle mich manipuliert. Verarscht. Verraten. Beraubt. Ich fühle mich entwürdigt. Ich komme mir naiv vor, gutgläubig und dumm.

Ich hatte mir vorgenommen, zu warten, bis ich wieder klar sehe, bevor ich darüber schreibe. Aber ich beruhige mich nicht. Alles wird unüberschaubarer, ungeheuerlicher, bedrohlicher. Ich bin gut darin, meine Gefühle zu beschreiben, aber es geht nicht um mich. Ich bin gut darin, mich zu echauffieren, aber das wird nichts nützen. Ich kenne mich ein bisschen aus mit totalitären Systemen und Computern, aber auch das reicht nicht.

Ich sitze auf meinem Fensterbrett und schaue der Stadt beim Blinken zu. Ich muss über Begriffe wie Gesellschaft, System, Staat und Macht nachdenken. Immerzu. Ich versuche zu begreifen, was Freiheit ist und Demokratie. Ich frage mich, wie wir uns dieses Idealen annähern könnten. Ich frage mich, wer „wir“ ist.

Ich fliege aus meinem kleinkleinen Alltag, andauernd. Ich will über Prism, Tempora, Bad Olive, den BND, die NSA und GCHQ schreiben, aber es ist alles geschrieben. Ich muss etwas tun. Denn es passiert wirklich. Kein Roman, kein Film, kein Sci-Fi. Sondern Wirklichkeit. Präsens.

Ich wechsele mein Betriebssystem, meinen Email-Client und -Anbieter, meinen Browser und meinen Messenger. Ich lösche meine Dokumente aus der Cloud. Meine Offline-Freunde sind ratlos. Sie interessieren sich nicht für Computer, sie wollen sich lieber um ihr Leben als ihre Sicherheitszertifikate kümmern und außerdem haben sie haben nichts zu verbergen. Ich sehe ein: im Netz privat zu werden ist ein verdammtes Geraffel. Aber.

Ich liege im Bett und schlafe nicht ein. Ich denke an den Buchdruck, die Dampfmaschine, Hitler und den Fall der Mauer. Alles in nur einem Gedanken. Ich denke, die Verbreitung des Internets ist ein Epochenwechsel, der Beginn eines neuen Zeitalters, eine Revolution in der Evolution. Sicher nichts Geringeres.

Ich befürchte: Wir verkacken es. Wir scheitern. Ich erlebe: Wir kriegen die Ärsche nicht hoch. Wir bauen keine Brücken sondern Käfige. Wir lassen uns einsperren. Aber wir fühlen uns gut unterhalten.

Wir werden das unseren Kindern erklären müssen. Warum haben wir nicht demonstriert? Warum haben wir nicht gekämpft? Warum haben wir das nicht kommen sehen? Wieso sind wir nicht in den Widerstand gegangen? Wir werden erklären müssen, warum wir zugelassen haben, dass sie Profile von uns erstellen, die mehr über uns wissen, als wir selbst. Wir werden erklären müssen, wie genau das funktioniert hat mit dieser Privatsphäre, was Anonymität bedeutet und ob das nicht furchtbar anstrengend war, unsere Leben selbst organisieren zu müssen, weil uns die Maschinen doch viel effizienter verwalten. Wir brauchen einen Epos um sie nachfühlen zu lassen, dass das Gegenteil maschinenverwalteter Effizienz nicht Ineffizienz ist. Sondern Leben. Ja, das ist pathetisch. Und das Schlimme ist: Es ist trotzdem wahr.

Ich frage mich, ob ich paranoid bin. Ich finde nicht. Ich finde, ich bin klar, obwohl ich einräume, dass ich mich nicht so anhöre. Ich finde, sie sind paranoid. Ich frage mich, wer „sie“ sind.

Ich liege wach und denke: Was machen wir jetzt?


Weiterführende Links:
Aktionsbündnis gegen Prism und Überwachung: http://www.antiprism.de/
freien Alternativen zu proprietärer Software: http://prism-break.org/#de

Ein Gedanke zu „Prism: Wie erklären wir das unseren Kindern?“

  1. Toller Artikel, hat mich berührt und mir gleichzeitig die Kehle zugeschnürt, da viele Gedanken und Gefühle ausgesprochen werden, die mich selber bewegen.
    Das schlimme ist: das Problem sitzt viel tiefer – und das „wechseln von Software und Anbietern“ löst das Problem nicht. Nicht mal im Ansatz! Denn auch mit anderen Betriebssystemen, anderen Anbietern und Programmen bewegt man sich im gleichen Netz. Es gibt kein parelleluniversum. Die Daten passieren die gleichen Leitungen und Knotenpunkte – unabhängig davon ob man Safari oder Firefox benutzt. Proprietäre Software und Dienste sind nicht wegen Prism & Co „schlechter“. Okay in Einzelfällen vielleicht mag das was bringen, aber se sind nicht der Grund des Übels. Abgehört wurden in den meisten Fällen nicht die Daten eines speziellen Anbieters, sondern die Daten direkt auf dem Weg zwischen einem selbst und einem Anbieter. Der DatenVERKEHR, wurde und wird in einem viel größerem Umfang kontrolliert, als an seinem Bestimmungsort. Diese Erkenntnis ist im Grunde viel beklemmender. ;(
    Wenn man auf dem Weg zum Ziel überfallen und ermordet wird, Ur dieser Umstand an an sich das Problem – und nicht „wohin“ man unterwegs war, oder welche Sorte Fahrrad oder welche Schuhmarke man dabei getragen hat. Prism-Break mag ne gute Grundidee sein, die genannte Software dort zweifelsfrei okay – aber die Gefahr dahinter ist: ein falsches Gefühl von Sicherheit! Deshalb halte ich den Ansatz für komplett falsch. Die Welt wird nicht besser, die Probleme nicht geringer und die Machenschaften nicht vertretbarer, wenn man an Symptomen rumdoktort. Ein Krebsgeschwür geht nicht weg, wenn man die tablettensorte wechselt, welche die Schmerzen lindern die das Krebsgeschwür verursacht.
    Die Maßnahmen von Prism Break sind Augenwischerei, sie sind „wegsehen statt handeln“.
    Es glaubt doch nicht ernsthaft jemand das das eigentliche „Problem“ verschwindet, wenn man statt Windows oder MacOS nun gentoo Linux benutzt. Wenn man mit Firefox statt Safari surft?
    Das „System“ überfällt und Raubmordet trotzdem. Scheinsicherheit als Prism Break stützt es dabei noch eher statt es zu stürzen! Es ist, als hätte man bei den Nazis weggeschaut, weil man ja selbst nicht betroffen gewesen ist. In Wahrheit hilft es nicht. Es versperrt nur die klare Sicht auf den Ursprung des Übels.

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