Offener Brief zum Thema Schwul-Unterricht

Vorgestern veröffentlichte das Mitglied der Landespressekonferenz Sachsen, Andreas Harlaß, auf bild.de einen unerträglichen Artikel mit dem Titel: „Irre Idee aus Sachsen: Linke wollen „SCHWUL–Unterricht“ einführen“. Darin behandelt er einen Vorstoß der LINKEN zur Ausweitung der Aufklärung an Grundschulen. Wie bei BILD üblich, ist der Inhalt des Textes mit dem Überfliegen der Überschrift verstanden: Herr Harlaß findet’s doof, ja sogar ungeheur gefährlich. Die sächsischen Schulaufklärungsprojekte haben darauf bereits mit einer gemeinsamen Presse-Erklärung reagiert, die alle von BILD provozierten Irritationen klärt.

Offen bleibt aus meiner Sicht nur eine einzige Frage: Wie muss man eigentlich drauf sein, um so einen Text zu verfassen? Um dies zu klären, schickte ich Herrn Harlass gerade folgenden offenen Brief:

Sehr geehrter Herr Harlaß,

da Sie sich als Redakteur von Bild.de vor Polemik ja nicht fürchten und es auch mit den Grenzen der Privatsphäre nicht zu genau nehmen, erlaube ich mir, Ihnen öffentlich eine sehr persönliche Frage zu stellen:

Was sehen Sie, wenn Sie morgens in den Spiegel schauen?

Nein, wir kennen uns nicht. Und nein, es geht mich auch nichts an. Aber es interessiert mich so! Ich wette, Sie haben sich das damals auf der Journalisten-Schule auch anders vorgestellt. Sie waren doch auf einer Journalisten-Schule? Hätten Sie sich damals träumen lassen, irgendwann für „irre Ideen aus Sachsen“ zuständig zu sein? Und verantwortlich für haarsträubende Wortspiel-Entgleisungen wie „Schwul-Unterricht“? So traurig, oder?

Aber machen Sie sich nichts draus. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Der eine tritt in seinem Job den Ethos seines Berufes mit Füßen, der andere muss eben durch eine Hölle von Pubertät. Wie ich. Als einer von Zehntausenden. Jedes Jahr.

Wäre ich etwas mutiger gewesen, hätte ich mich den Hänseleien in den Pausen einfach gestellt, auch dem Getuschel hinter dem Rücken, auch den lahmen Witze, den verletzenden Beschimpfungen und den Ausgrenzungen. Achso, und dem Stress mit den Eltern natürlich auch und dem Wegbrechen meines Identitätsentwurfs und der Leerstelle, die für Altersgenossen mit Dutzenden Rollenmodellen gefüllt war. Ich aber war feige. Ich habe sechs Jahre lang versucht, hetero zu werden, während ich todunglücklich in meinen besten Freund verliebt war und sorgfältig darauf zu achten hatte, dass niemand irgendetwas von mir mitbekam. Selbstverleugnung ist ein harter Kampf. Wenn Sie auf einer Journalisten-Schule waren, kennen Sie das bestimmt.

Und deshalb rate ich Ihnen: Schmeißen Sie hin! Musste ich damals auch. Ich habe nichts auf die Reihe bekommen. Weder das Heterowerden, noch dass keiner etwas merkte. Nicht einmal meinen besten Freund habe ich rumgekriegt. Rufen Sie das den Homo-Missionaren entgegen, die Ihnen Ihre übermütige Fantasie ins Ohr gesetzt hat und Sie dann leider in die – ähm – Zeitung: Man kann niemandem eine sexuelle Orientierung einreden. Nicht einmal mit Pantomime.

Aber was ist aus mir geworden? Sie werden staunen! Aus mir wurde ein erwachsener, zufriedener Schwuler mit intaktem sozialen Umfeld, geregeltem Einkommen und genügend Freizeit für Briefe wie diesen.

Aus mir wurde einer dieser Schwulen, deren Besuch ich mir zu Schulzeiten so inständig herbeigesehnt habe. Auch über den Besuch glücklicher Lesben oder Transgender hätte ich mich außerordentlich gefreut. Begegnungen mit solchen Menschen hätten mir nämlich Mut machen und Perspektive geben können. Vielleicht hätten sie meine sechsjährige Irrfahrt etwas abgekürzt. Leider fanden sie nie statt. Vermutlich, weil schon damals Journalisten Autoren Menschen wie Sie so panisch-polemisch dagegen angeschrieben haben, um Zeitungen für Ihre Chefs zu verkaufen.

Sie sehen: Bei mir ist alles gut ausgegangen. Polemik muss kein Karrierekiller sein! Deshalb: Fassen Sie sich ein Herz. Trauen Sie sich. Machen Sie Schluss mit der Selbstverleugnung und seien Sie Journalist! Schreiben Sie mal was Richtiges! Versuchen Sie’s einfach.

Dann klappt’s auch wieder mit dem ehrlichen Lächeln beim morgendlichen Blick in den Spiegel, das verspreche ich!

Viel Glück wünscht Ihnen
Ihr
Ronald Gerber

Ich bin gespannt auf die Antwort. Wenn eine kommt, erscheint sie hier. Auch das verspreche ich.

2 Gedanken zu „Offener Brief zum Thema Schwul-Unterricht“

  1. Vielen Dank Herr Gerber für diese notwendigen Zeilen!

    Man stelle sich vor, in Frankreich werden Homosexuellen-Verbände sogar staatlich unterstützt, damit sie Aufklärungsarbeit in Schulen leisten!

    Bild.de berichtet ja auch öfter aus Frankreich, zuletzt von Nackt-Protesten in Paris. Vielleicht sollten die Bild-Reporter auch mal die Arbeit der homosexuellen Vereine dort begleiten. Vor solch katastrophalen Auswüchsen muss die Bild doch warnen! 😉

    Ihnen allen weiterhin alles Gute!

    Robert Schmidt

    Quelle: http://www.education.gouv.fr/cid21129/les-associations-agreees-et-ou-subventionnees-par-l-education-nationale.html

  2. Lieber Herr Schmidt,
    leider straft mich Herr Harlaß mit Missachtung.

    Dementsprechend freut es mich fast ein bisschen, dass ihm dieser sicherlich ergiebige Recherche-Hinweis entgehen wird. Auch, weil sich so ein Anderer des Themas annehmen kann, der es vielleicht etwas sachlicher behandeln könnte.

    Vielen Dank und auch Ihnen alles Gute!

    Ron Gerber

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