An die gelangweilten Herren Journalistinnen

Benjamin Haerdle veröffentlichte am 4. Juni auf Spiegel-Online einen Artikel über eine Sprachreform an der Uni Leipzig. Wahrscheinlich war ihm langweilig oder er ist jung und brauchte die Klicks; der im Artikel verhandelte Beschluss jedenfalls wurde schon vier Wochen vorher gefasst. Er besagt, dass in der neuen Grundordnung der Universität Leipzig erstmals das generische Femininum verwendet wird. Und ja, das ist schon alles.

Beispielsweise wird statt von Professoren*, Professoren/Professorinnen, Professoren und Professorinnen, ProfessorInnen, Professor_innen oder Professor*innen künftig lediglich von Professorinnen die Rede sein.

Möglicherweise konnte Herrn Haerdle nach dem Schreiben seines Artikels dessen spannendes Momentum selbst nicht entdecken, weshalb er eine fetzige Überschrift versuchte: „Sprachreform an der Uni Leipzig: Guten Tag, Herr Professorin“. Für jene, die auf der Welle der Hysterie mitsurfen wollten blieb dann leider keine Zeit, kurz über das Wesen einer „Grundordnung“ nachzudenken, oder das Wort „generisch“ nachzuschlagen, falls ungeläufig. Ich hole das hier gern nach:

Die Grundordnung ist das Dokument, dass dir deine Uni am Tag der Immatrikulation aushändigt, damit es dir drei Jahre nach Abschluss deines Studiums beim Ausmisten wieder in die Hände fällt, um vor der Entsorgung im Papiermüll fünfzehn Minuten nostalgische Gefühle in dir auszulösen. Generisches Maskulinum oder Femininum bezeichnet Strategien zur Ansprache von gemischtgeschlechtliche Gruppen, die im Deutschen wegen der generellen Geschlechtlichkeit von Substantiven eine Herausforderung ist. Glücklicherweise aber nicht bei der Ansprache von einzelnen Damen und Herren, hier hat sich „Frau…“ und „Herr…“ sehr bewährt.

Weil das natürlich keinen Skandal hergibt, wurde die Parole vom armen Herrn Professorin offensichtlich ohne weitere Recherche von Der Welt, der SZ, der HNA, der Bild, der WAZ, der BZ und unendlich vielen weiteren Medien aufgegriffen und echauffiert breitgetreten: Die Uni Leipzig mottet männliche Amtsbezeichnungen ein, gestandene wissenschaftliche Kader werden – schnippschnapp! – grammatikalisch entmannt.

Das ist grober, dümmlicher, peinlicher Unfug. Und ja, das hätte man von vornherein wissen können. Die Grundordnung regelt nicht den alltäglichen Sprachgebrauch, Herr Professor darf Herr Professor bleiben und nein, diesen nervigen Feministinnen lässt sich immer noch kein pathologischer Wahnsinn nachweisen, wie die Rektorin der Uni Leipzig freundlicherweise richtigstellen durfte.

Es kotzt mich wahnsinnig an, dass sich Menschen, die sich Journalisten nennen, weigern ihre Arbeit zu machen: Recherchieren, Kombinieren, Informieren. Es regt mich auf, dass Klickzahlen offenbar auch bei renommierten Medien wichtiger sind, als die Vermittlung von Nachrichten oder das Erörtern gesellschaftlicher Debatten. Und ich bin nicht bereit, die skandalgeile Journaille nach dem Abflauen der gröbsten Kastrationsangst mit dem kleinlauten Hinweis auf eine „ironische Zuspitzung“ davonkommen zu lassen. Macht eure Arbeit, verdammt!

(Oder legt euch einen Blog zu. Hier dürft ihr euch nach Herzenslust über Dummköpfe aufregen. Wie ich.)

Ein Gedanke zu „An die gelangweilten Herren Journalistinnen“

  1. Wunderschöner Artikel, der – etwas hübscher ausformuliert, als der wütende Gedankenball in meinem Kopf dies direkt in den ersten zwei Sekunden vermochte, bevor ich beschloss, dass dieser schriftliche Müll meine längerfristige Aufregung nicht wert sei – genau das ausdrückt, was ich beim Lesen dieses brillant betitelten journalistischen Meisterwerks gedacht hab.
    Hübsch dazu übrigens auch die Stellungnahme des (offenbar ebenfalls von Langeweile geplagten) Dekans „meiner“ Fakultät:
    http://www.uni-leipzig.de/~jura/images/Erklrung%20Dekan%206.6.13.pdf

Kommentare sind geschlossen.