Kritik zu „Männer wie wir“: Antwort der Aids-Hilfe

Am 3. März schrieb mein Freund Klemens Ketelhut einen offenen Brief an die Macher der Kampagne „Ich weiß was ich tu“ der Deutschen Aidshilfe. Ich habe den Brief hier veröffentlicht. (Für eilige Leser: Im Rahmen der Kampagne gab es eine Wanderausstellung, die unter dem markigen Titel „Männer wie wir“ ausschließlich Fotos junger, muskulöser, schlanker Männer zeigte. Wir fanden den Fehler.)

Vorgestern, also genau einen Monat und einen Tag nach unserem Brief, erhielten wir eine Antwort von Matthias Kuske, dem Kampagnenmanager von „Ich weiß was ich tu“. Und die geht ungefähr so:

Ich kann Ihre Argumentation und Eindrücke gut nachvollziehen und möchte Folgendes zu bedenken bzw. als Hintergrundinfo geben.

Die Ausstellung ist ein russisches Projekt unseres Partnerprojekts, das in St. Petersburg Prävention für schwule Männer macht. Die Konzeption und Realisierung der Ausstellung erfolgte durch dieses Projekt für die Allgemeinbevölkerung in St. Petersburg. Im Rahmen der Zusammenarbeit haben wir die Ausstellung dann nach Deutschland geholt, um das Projekt und seine Arbeit hier in Deutschland zu präsentieren und für eine Öffentlichkeit für schwule Prävention in Russland hier in Deutschland zu sorgen und dieses zu thematisieren, da es aus unserer Sicht viele Mythen hierzu gibt.

Die Ausstellung in dieser Form ist von den russischen Partnern für ihre Notwendigkeiten in ihrem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld konzeptioniert worden. […] Ich bitte, die Ausstellung unter diesem Kontext zu verstehen. Bildsprache, Intention und Art der Ausstellung sind auf dem Hintergrund der Arbeit unseres russischen Partners zu sehen. Selbstverständlich würden wir eine solche Ausstellung nicht selber konzeptionieren. […]

Mit den Rollenmodellen im Rahmen der Kampagne „ICH WEISS WAS ICH TU“ arbeiten wir ausschließlich mit echten, authentischen Männern, die die Vielfalt zeigen und „aus dem Leben gegriffen sind“. Mit unserer Arbeit im Rahmen der Kampagne erfüllen wir daher im Wesentlichen ihren Wunsch und schaffen eine große Bandbreite von Identifikationsvariationen.

Verstehe ich das richtig? Die Allgemeinbevölkerung von St. Petersburg ist einfach noch nicht so weit, mit echten Körpern konfrontiert zu werden? Idealisiert-normierte Körper müssen erst in allen kulturellen Umfeldern bis zum Erbrechen plakatiert worden sein, bevor man sich darauf verständigen kann, dass das dem Selbstwert-und Körpergefühl derjenigen, die man erreichen will mehr schadet als nützt?

Ich glaube das nicht. Ich glaube auch nicht, dass Matthias Kuske das glaubt. Nicht nur zwischen den Zeilen entschuldigt er sich für den Lookismus-Zement auf Wanderschaft. Die Schwulenbewegung anderer Länder ist an anderen Punkten. Ich verstehe das. Aber ich find’s traurig.

2 Gedanken zu „Kritik zu „Männer wie wir“: Antwort der Aids-Hilfe“

  1. Na ja, schon die „echten, authentischen Männer“ von IWWIT sind ja oft ziemlich traurige Gestalten, gerne mal aus der Klischeemottenkiste für mein Empfinden. Seit dem Relaunch ist es aber ein bisschen besser geworden. Besonders stört mich das „Rollenmodell“ zum Drogengebrauch – wer ihn genauer ansieht, wird aber eh vom Drogenmissbrauch eher abgeschreckt, denke ich mir.

  2. Wenn es nur eine Mottenkiste wäre! Für viel zu viele sind die Rollenmodelle immer noch erstrebenswert. Das ist auch gar nicht mal so verwunderlich. Wahrnehmbare Vorbilder sind rar, gerade weil die öffentliche Repräsentation von Schwulen oft so holzschnittartig ist.

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