Wer in meiner schwulen Beziehung die Frau ist.

Als ich gestern Abend von der Runde mit meiner Hündin nach Hause kam, begrüßte mich meine Nachbarin im Hausflur und verwickelte mich in ein Gespräch. Meine Nachbarin ist 74, ein bisschen rau, ein bisschen laut, sehr herzensgut. Manchmal passt sie ein Stündchen auf meinen Hund auf, manchmal helfe ich ihr mit ihrem Fernseher. Oft nimmt sie meine Pakete an.

Als unser Geplänkel beendet war und ich schon einen Treppenabsatz genommen hatte, rief sie: „Ach, und-„.
Ich drehte mich um.
„Was ich schon lange mal fragen wollte: Wer ist eigentlich bei euch die Frau?“

Völlig perplex brach ich in Gelächter aus. Meine Nachbarin ist liebenswert, aber diese Frage ist dämlich. Ich behaupte: Wer sie stellt, denkt nicht nach. Ich stelle fest: Menschen, die nicht nachdenken, kann ich nicht leiden.

„Schwule Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie von Männern geführt werden.“, antwortete ich im zynischsten Oberlehrerton. „Beziehungen, in denen Frauen vorkommen, sind nicht schwul.“
„Na, das ist doch klar.“, antwortete sie, als hätte ich ihr einen Witz erklärt. „Aber einer muss doch so ein bisschen die Rolle der Frau übernehmen.“
„Welche Rolle ist das denn?“, wollte ich wissen.
„Naja.“, sagte sie, als wisse ich schon. Ich wusste aber nicht.
„Wer putzt?“, fragte ich. „Er. Wer kocht? Ich. Wer wäscht? Beide. Wer bügelt? Keiner. Meinen Sie das?“
„Nee!“, rief sie. Und schwieg dann wieder, lächelnd.
„Wer sensibler ist? Ich. Wer bei Filmen schneller weint? Er.“ fuhr ich fort.
„So meine ich das nicht!“ Sie winkte ab. Ich aber war in Fahrt.
„Wer Löcher bohrt? Wer Reifen wechselt? Wer Fußboden verlegt? Beide. Es gleichermaßen hassend.“
„Nein, nein. Ich meine das nicht so!“ Sie verstummte wieder.
„Ja, aber wie meinen Sie das denn? Sexuell?“ Ich sage ja, ich war in Fahrt.
„Was?“, rief sie erschrocken.
„Meinen Sie das sexuell?“, wiederholte ich.
„Um Himmels Willen! Aus dem Alter sind wir raus!“, lachte sie.
„Wir nicht.“, sagte ich ernst.
„Nee, ist schon gut.“, beschwichtige sie. „Ich wollte das nur mal wissen.“
„Gute Nacht.“, sagte sie noch, bevor sie in ihrer Wohnung verschwand.
„Was denn?“, murmelte ich. „Was wollten Sie denn wissen?“

Ich stand noch einige Sekunden wie angewurzelt. Dann stieg ich irritiert und sauer hinauf in meine Wohnung. Für unsere nächste Begegnung habe ich geübt: „Was ich sie schon lange mal fragen wollte: Welche ihrer Katzen ist eigentlich mehr so der Hund?“

11 Gedanken zu „Wer in meiner schwulen Beziehung die Frau ist.“

  1. Oh Gott, danke dafür! Darf ich mir das auf kleinem Format ausdrucken und jedesmal, wenn mir die bescheuerte Frage gestellt wird, als handlichen Flyer verteilen?

  2. Ich bitte darum, Svea. Vielleicht sollte man auch ein kleines Wiki einrichten. Viele der immer wiederkehrenden Fragen sind dumme Fragen, das lässt sich nicht schönreden. Aber ich finde, sie sind es trotzdem wert, beantwortet zu werden. Man kann das entweder als politische Arbeit sehen oder als das Anhäufen guten Karmas.

  3. Wirklich, wirklich sehr schön beschrieben (v.a. die Pointe)! 🙂 Ist natürlich immer leichter, drüber zu lachen, wenn es jemand anderem passiert…aber ein sehr schöner Vergleich, der jetzt zumindest in meinem Kopf so tief verankert ist, dass er mir vermutlich auch bei eigener Konfrontation mit dieser Frage spontan einfallen dürfte. 🙂

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