Warum ich nicht will, dass ihr wisst, wie Homosexualität entsteht

Als ich mich outete (und auch der Letzte eingesehen hatte, dass ich nicht behauptete, schwul zu sein, weil ich noch nie eine Freundin hatte, sondern dass ich noch nie eine Freundin hatte, weil ich schwul bin,) brach unter Familie und Freunden ein bunter Wettkampf um die plausibelste Herleitung meiner, nun ja: Andersartigkeit aus. Am Ende gab es leider keinen Gewinner, einen eindeutigen Verlierer aber schon: mich.

Sicher sei ich schwul geworden, weil mein Vater abwesend war. Söhne alleinerziehender Mütter, werden ja gerne schwul. Es sei aber auch nicht auszuschließen, dass ich wegen meiner dominanten Mutter ein sublimiertes Problem mit Frauen hätte und deshalb auf Männer ausweichen würde. Natürlich könne es auch sein, dass möglicherweise starke Medikamente, die ich in meiner Kindheit nehmen musste, meinen Hormonhaushalt durcheinander gebracht hätten, schließlich wüchse mir ja auch kein richtiger Bart. Auch Medikamente, die meine Mutter eventuell während der Schwangerschaft habe einnehmen müssen, könnten meine Gene falsch gepolt haben. Oder gab es gar grobe Schnitzer in der Erziehung? Womöglich sei das alles aber auch nur eine exzentrische Phase, eine fixe Idee, ein Mitschwimmen im Trend. Vielleicht käme ich zur Vernunft, wenn ich nur endlich die richtige träfe. Ich sei ja aber auch schüchtern mit Frauen!

Was bin ich froh, dass ich einige sehr enge Freunde hatte, denen das alles schnurz war. Denn dieses Interpretiertwerden, Diagnostiziertwerden, Pathologisiertwerden ist weder hilfreich, noch interessant noch gut gemeint. Es ist verletzend. Es ist übergriffig. Es ist dumm. Und es ist vor allem: Gefährlich.

Erst gestern stieß ich auf einen Artikel in der Zeit, der die neuesten wissenschaftlichen Begründungsversuche für Homosexualität zusammenträgt. Dass ich ihn hier nicht verlinke hat nicht mit dem Leistungsschutzrecht zu tun, sondern damit, dass ich mir wünsche, dass uns die Ursachen der Homosexualität einen Scheißdreck interessieren.

Homosexualität findet sich in allen Kulturen, allen Epochen und bei allen Spezies. Mehr muss man nicht wissen, finde ich. Homosexualität ist eine Spielart der Natur. Wie Stimmlage. Wie die Vorliebe für Süßes oder Salziges. Wie Humor. Wie Sommersprossen. Ich wünsche mir, dass wir das schulterzuckend hinnehmen.

Es ist keine rhetorische Übertreibung, wenn ich schreibe, dass mir die Forschung zu den Ursachen der Homosexualität Angst macht. Nicht, weil ich die Selbsterkenntnis fürchte oder den eigenen Schatten. Wenn wir wissen, wie Homosexualität entsteht, werden wir sie abschaffen. Da bin ich mir sicher.

Sollte sich bewahrheiten, dass Homosexualität durch Variationen bei der Abschrift der Elterngene entsteht, werden wir Tests entwickeln, das am Ungeborenen nachzuweisen. Sollte sich herausstellen, dass es tatsächlich der Hormonhaushalt der Mutter während der Schwangerschaft ist, der die sexuelle Orientierung des Kindes bestimmt, werden wir lernen, diesen Hormonhaushalt zu lenken. Und sollten wir jemals tatsächlich ein Homo-Gen entdecken, werden wir auch Möglichkeiten finden, es abzuschalten.

Denn: Wer will ein schwullesbisches Kind? Ich meine, wenn man die Wahl hat? Ich bin überzeugt, dass künftig mehr Eltern die Wahl haben werden. Die pränatale Diagnostik kann immer früher immer präzisere Aussagen zum heranwachsenden Embryo machen. Immer mehr Paare sind auf künstliche Befruchtungen angewiesen. Und wenn mehrere befruchtete Eizellen zum Einpflanzen zur Auswahl stehen, werden sich die allermeisten Eltern, für das nicht-behinderte, nicht-erbkranke, nicht-kleinwüchsige, nicht-übergewichts-gefährdete und eben nicht-homosexuelle Kind entscheiden. Zumindest dann, wenn die Eltern selbst heterosexuell sind, was auch in Zukunft die Regel sein dürfte.

Als Indiz: Mehr als 90 Prozent der Embryonen mit Trisomie 21 werden in Deutschland abgetrieben. Bei vielen anderen Erbkrankheiten ist das sehr ähnlich. Homosexualität ist keine Krankheit, sondern Liebe. (Allein, dass dieser Satz in diesen Artikel gehört zeigt, dass sie aber eben auch kein Segen, zumindest keine erwünschte Eigenschaft eines Kindes ist.) Warum erforschen wir ihre Ursachen? Warum suchen wir nach einem Dicken-Gen? Warum wollen wir die Schalter für all unsere Eigenschaften finden?

Wir wollen optimale Menschen sein. Und wir wollen optimale Kinder mit optimalen Chancen. Optimaler sein wird uns dümmer machen, unmenschlicher und beschränkter.

Jegliche ist Variation ungeheuer wertvoll. Nur sie birgt das Potential für Entwicklung. Es ist das Andere von dem wir über uns selbst lernen. Es ist das Abweichende, das die Norm umreißt. Es ist die Mutation, die zur Evolution führt.


inspiriert vom verfolgungswerten @diplomclown

6 Gedanken zu „Warum ich nicht will, dass ihr wisst, wie Homosexualität entsteht“

  1. Bin eine postoperierte Frau! Auch mir gingen ständig die Fragen durch meinen Kopf, warum, wieso und mit den gleichen Gedanken wie ich jetzt hier lese! Nun lebe ich als Frau in meiner Einheit…

  2. Hallo Carola, ich habe mal die Adresse zu deinem Blog korrigiert, da hatte sich ein Fehler eingeschlichen. Schade, dass es dort gar nicht so viel über deine Geschichte zu lesen gibt. Aber vielleicht anderswo? Interessant wäre das sicher.

  3. Ich bin ebenfalls durch Luzis Kommentar auf den Zeit-Artikel gestoßen und hab‘ mich genauso darüber geärgert, wie Du. Was mich persönlich bei dieser Suche nach den pathologischen Gründen von Homosexualität immer besonders irritiert: Das völlige Ausklammern aller „Zwischenarten“, also diese ignorante Kategorisierung in „Homo“ auf der einen und „Hetero“ auf der anderen Seite. Leute, macht die Schubladen auf, es gibt was einzusortieren!

    Tatsächlich soll es auch Menschen geben, die sich weder der einen, noch der anderen Kategorie zugehörig fühlen, häufig auch zB als „queer“ bezeichnet. Menschen, die vielleicht Jahrzehnte kritiklos in der bipolaren Hetero-Normativität verbracht haben und denen irgendwann, als ihnen mal die Idee kam, sich mit Sexualität, Geschlechteridentitäten und Rollenbildern genauer auseinanderzusetzen und sich dabei auch selbst zu hinterfragen, aufgefallen ist, dass sie sich eigentlich von Menschen angezogen fühlen, und nicht von Geschlechtern. Dass sie Ästhetik selbst definieren wollen und sich nicht mehr vorschreiben lassen, was sie attraktiv zu finden haben.

    Denen plötzlich aufgeht, dass sie überhaupt nicht so hetero sind, wie sie lange dachten, die sich aber gleichzeitig auch nicht als homo verstehen (wollen) und denen es genau darum geht, diese Grenzen im Kopf aufzuheben.

    Was ist mit denen, welchen pathologischen Befund haben die? Gibt es auch ein Gen, das dazu führt, dass mensch sich irgendwann im Leben Fragen stellt? Oder einen Komplex, dessen Folge es ist, dass Menschen Menschen lieben? Warum eigentlich kann das nicht einfach mal so stehen gelassen werden: Dass Menschen Menschen lieben und Punkt.?! Braucht es dafür wirklich Gründe und Ursachen?

  4. Auch wenn der letzte Kommentar über ein halbes Jahr her ist:

    Mich persönlich interessiert sehr, wie Homosexualität entsteht oder „warum“ es sie gibt. Ich will nichts an mir ändern und bin glücklich mit meiner Homosexualität. Und wenn die Antwort auf die Frage „Es ist Zufall“ wäre – auch gut. Ich bin ein Mensch, der oft über sich selbst nachdenkt und sich selbst gerne versteht. Die Sexualität ist nun mal ein wichtiger Teil einer Person,

    Generell glaube ich nicht, dass die Lösung des Problems „Homophobie“ ist, möglichst nichts über die Ursachen zu wissen. Es ist eher gefährlich, wenn Menschen wenig wissen, weil sie dann anfällig für simple Argumentationen sind.

    Jeder sollte einfach selbst entscheiden, ob er die Ursachen kennen will oder nicht. Wenn das für dich kein Thema ist, sollte niemand gezwungen werden, sich mit den Erkenntnissen auseinanderzusetzen. Andererseits sollte man den Forschern nicht „verbieten“ oder dagegen reden, sich damit zu beschäfitgen. Wie so oft werden es nicht die Forscher sein, die diese Erkenntnisse missbrauchen … Einstein hat auch nicht die Atombombe abgeworfen. OK, der Vergleich zeigt natürlich dei Zweischneidigkeit – Einsteins Rolle war da wirklich nicht sehr rühmlich…

  5. Hallo Ron …
    Ich bin der Autor von diversen Büchern unteranderem vom Roman »Paris ein Sommer lang« welche dieses Thema behandelt … auf meinen Recherchen Arbeiten zum zweiten Band, fiel ich auf Ihren Blog hier … und ich finden den Text Top … wo wie ideal um in einen Dialog einzubauen … daher … möchte ich Sie fragen ob ich diese Worte von Ihnen so verwenden dürfte!
    Melden Sie sich doch … würde sicher auch spannend sein mit Ihnen über Ihre Erfahrungen zu reden …

    Alles Liebe

    Marc Lin

  6. Mensch ist Mensch!

    Danke für diesen Beitrag, exakt so denke auch ich.
    Wir brauchen und ich bin mir sicher, viele wollen auch kein „Gattaca“ !

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