Zweifelhaft: Mein fotografisches Gedächtnis

Seit 1. Januar 2010 führe ich einen täglichen Fotoblog. Seit 1. Januar 2011 heißt der „Photography is a promise that cannot be kept.“. Heute habe ich verstanden, was das bedeutet.

Ich fotografiere seit 10 Jahren, aber erst seit drei Jahren mit größerer Aufmerksamkeit. Dabei hat mich Technik nie interessiert. Mir ging es um Momente. Ich wollte keine kiloschwere Spiegelreflex-Ausrüstung sondern eine kleine Taschenkamera, die ich immer bei mir tragen kann. Ich gab dem Impuls nach, wenn er mich traf. Ich verstand den Impuls nicht, ich lenkte den Impuls nicht, ich habe ihn machen lassen. Mir gefiel, was ich sah. Jetzt sehe ich, was passiert ist.

In drei Jahren hat sich ein stattliches Archiv gebildet. Letzten Sonntag habe ich mir vorgenommen, zehn Bilder auswählen, um die Texte einer Lesung zu illustrieren. Bis heute habe ich zwei Bilder. Die ersten beiden Tage habe ich mich – die linke Hand auf der Maus, die rechte unterm Jochbein – orientierungslos durch meine Fotos geklickt. Dann habe ich eingesehen, dass ich das Archiv genauestens katalogisieren und beschriften muss, wenn es jemals für irgendetwas gut sein soll. Für die ersten eintausend Fotos hat das drei Tage gedauert. Dann habe ich die Festplatte ausgeschalten. Diese Arbeit macht mich fertig: Traurig, schwer, ratlos.

Keine Sorge: Mein Leben sieht schön aus im Rückspiegel. Offenbar liebe ich Bäume. Die Auseinandersetzung mit Schwarzrotgold. Geister. Spuren, die Menschen hinterlassen, mehr als die Menschen selbst. Tiere, ausdrücklich auch tote. Der Anzahl an Selbstporträts nach zu urteilen, bin ich sehr eitel. Ihrem Ausdruck nach geurteilt, immer noch nicht sicher, wer ich bin. Oder wenigstens, wie ich aussehe.

Ja, ein Teil des Problems ist, dass mein Leben rückwärts interessanter aussieht, als es sich vorwärts gelebt hat. Richtiger, dichter und einfach schöner. Viel schlimmer aber ist, dass nichts von dem was ich sehe mehr wahr ist. Ausnahmslos alles ist vergangen.

Fotografie wie ich sie betreibe, verspricht, den Augenblick festzuhalten. Den Sommer, den Moment in Liebe, DEN Moment in Wales und den kleinen Vogel, dem ich an meinem Geburtstag das Leben retten durfte. Die Wahrheit ist aber, dass mich diese Bilder am Vergessen hindern. Am Gehenlassen. Am Vorwärtsschauen. Sie setzten Widerhaken in die Zeit, an denen ich immer wieder hängenbleibe.

Ich sehe diese perfekten Momente und ich will dorthin zurück. Das kann ich nicht. Das verstehe ich. Das ist okay. Aber warum soll ich ihre Leichentücher aufbewahren? Warum soll ihnen gedenken, wenn ich doch dafür Zeit verwenden muss?

Ich sehe diese schockierenden Momente, die ich bezeugen wollte, um ihnen Würde zu verleihen. Das habe ich. Sie sind vergangen. Es ist okay. Wofür brauche ich die Fotos heute?

Ich sehe traurige Momente. Solche, die mein Leben verändert haben. Ich möchte keine Fotos davon. Ich will das lieber erinnern.

Ich habe keine gute Erinnerung. Mir gefällt das. Ich glaube, dass es einen Sinn hat, dass wir Dinge vergessen. Ich glaube, dass es uns gut tut, Ereignisse rückblickend zu verdrehen. Es stört mich kein bisschen, dass sich die Erinnerung jedes Mal verändert, wenn wir sie hervorkramen. Am Ende erinnern wir nur noch, was wir wollen.

Wenn ich heute durch die Fotos blättere, kommen sie mir wie Blumen vor. Es funkelte es etwas Göttliches in ihnen- Dann habe ich sie gepflückt. Jetzt habe ich einen tausend Stiele dicken Trockenstrauß.

Was mache ich damit?

3 Gedanken zu „Zweifelhaft: Mein fotografisches Gedächtnis“

  1. ich kann irgendwie gut verstehen, was du meinst. das erinnert mich an einen moment während dem city & colour konzert, auf dem ich in berlin war vor 2 jahren – da meinte dallas green, dass er sich wünscht, dass bei dem nächsten lied mal niemand ein foto oder ein video macht, denn er findet, dass man nur dieses eine lied mal einfach so genießen sollte und dass jeder mensch so krampfhaft versucht, jede erinnerung festzuhalten, dass darüber hinaus vergessen wird, den eigentlichen moment bewusst zu erleben. das hat jetzt vielleicht nicht 100% was mit deinem eintrag zu tun, aber ich muss immer mal wieder daran denken, weil es so stimmt und man sich selber so oft dabei ertappt..

  2. Danke für den Kommentar! Ich finde, er hat total mit meinem Beitrag zu tun. Den Moment zu fotografieren, anstatt ihn zu erleben ist ein auch mir sehr vertrauter Impuls. Da ich aber darüber vielleicht noch einmal separat schreiben wollte, habe ich den Aspekt in dem Text nicht erwähnt.

  3. Auch ich kenne diesen Impuls gut. Ist vielleicht nicht das gleiche wie mit Bildern, aber ich habe die Angewohnheit, Texte aufzubewahren, SMS, E-Mails, jeden kleinsten Schnipsel, den ich mir mit Menschen, die eine Rolle in meinem Leben spielen, hin- und hergeschrieben habe. Vieles davon lese ich immer und immer wieder…bis es mir dann genau so geht, wie Du beschrieben hast – und ich plötzlich einen Anfall kriege und alles lösche, um mich von dieser Retrospektive, diesem Zurückgerichtetsein, zu befreien. Hinterher weiß ich dann nicht, ob ich mich befreit fühle oder etwas verloren habe. Wahrscheinlich beides.

    Übrigens: Kompliment zu dem Photoblog. Besonders schön, wenn mensch selbst in Leipzig lebt und viele der Orte kennt oder täglich passiert. 🙂

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