Böller statt Moralapostelei

Nichts nervt mich zwischen den Jahren so sehr, wie dieses ewige XY-statt-Böller-Moralapostelei: Brot für die Welt findet, ich sollte lieber Geld spenden, als davon Böller zu kaufen; das Tierheim aus dem ich meinen Hund habe will, dass ich Katzenfutter davon bezahle und der Online-Lebensmittelversand meiner Wahl schlägt vor, gleichermaßen Menschen und Tiere zu unterstützen, aber um Himmels willen doch bitte nicht zu knallen.

Ich möchte aber Böller kaufen.

Ich liebe es, an Silvester Raketen in den Himmel steigen zu lassen. Und wenn es die Raketen nur in einer Sammelpackung mit Böllern gibt, dann zünde ich auch die. Mit Freuden. Und aus Gründen.

Schlussstrich mit Feuer
Schlussstrich mit Feuer

Mit jeder Rakete schicke ich einen Wunsch für das neue Jahr in den Nachthimmel, in dem zugegeben romantischen Glauben, dass das etwas nutzen würde. Ich widme sie Menschen, die ich liebe, und Dingen für die ich dankbar bin und Dingen, die ich bis Ende nächsten Jahres gern erreicht hätte um dann dafür dankbar sein zu können und manche auch mir selbst und manche dem kleinen Jungen in mir, der es aufregend findet, mit Feuer zu spielen.

Mit jedem Böller, den ich zünde, jage ich eine Angst in die Luft, sprenge symbolisch eine Kette oder versuche einen Schatten zu vertreiben, der auf mir liegt. Ich finde, dass das klappt. Aber ich kann es natürlich nicht beweisen. So ist das mit magischem Denken.

Feuerwerk an Silvester ist ein Ritual für mich. In meinen Zwanzigern habe ich viel über Rituale gelacht und gelästert. Ich fand sie hohl, dümmlich, albern und nicht zu Ende gedacht. In meinen frühen Dreißigern lerne ich, dass es ums Denken dabei gar nicht geht. Zumindest nicht um Ratio.

Die Zeit zwischen Heiligabend und dem ersten Werktag im neuen Jahr ist für mich eine Zeit, in der ich Bilanz ziehe. In der ich das Büchlein mit den guten Vorsätzen fürs vergangene Jahr heraus krame und prüfe, wie viel davon passiert ist. In der ich Pläne für das neue Jahr schmiede, und sie auf die nächste Seite in dieses Büchlein schreibe. In der ich versuche zu mir zu kommen, und mich darauf zu besinnen, was mir wirklich wichtig ist, was mich ablenkt, was mir gut tut und was mir schadet.

Die Knallerei zu Silvester ist für mich die Handlung, die diesen Prozess abschließt und gleichzeitig den Startschuss für die nächste Runde gibt. Inzwischen respektiere ich Rituale, weil sie mir helfen, Dinge nicht nur zu verstehen, sondern auch zu begreifen. So gesehen, ist die Investition in Knallzeug gar nicht so sinnlos. Oder anders: Ich gebe das Jahr über für deutlich sinnlosere Dinge Geld aus, als für Raketen. Letzte Woche auf dem Weihnachtsmarkt, zum Beispiel.

Natürlich kapiere ich, dass Raketen teuer sind und meiner Umwelt in vielerlei Hinsicht schaden (CO2, Vogelirritation, Haustierirritation, Müll, Wasserverschwendung und dergleichen). Mir aber nützen sie.

Total egoistisch. Sehe ich ein. Erlaube ich mir aber. Weil ich „XY statt Böller“ so geheuchelt finde. Wer ruft denn „XY statt Weihnachtsmarkt?“, „XY statt Smartphone?“ oder „XY statt mit dem Auto zur Arbeit?“ Wer glaubt ernsthaft, dass sich von den 20 Euro, die ich im Jahr für Knallzeug ausgebe, die Welt retten lässt?

Ich weiß nicht, wie ich das unpathetisch formulieren könnte: Es gibt viel Elend auf unserem Planeten und ich sehe das. Das meiste davon haben wir verursacht, und die meisten, die hier lesen sind reich genug an Geld oder Zeit, ihren Beitrag dazu zu leisten, gegen dieses Elend anzugehen. Soweit ich das verstanden habe, müssten wir alle dafür aber etwas mehr investieren als 20 Euro.

Und deshalb investiere ich mehr. Außer im Dezember lebe ich vegan. Ich kaufe FairTrade, wenn möglich. Und Bio. Ich habe mein Auto verkauft. Ich spende jeden Monat Geld nach Ruanda. Und an Peta. Und das alles nicht, weil ich ein Heiliger bin, sondern weil ich es richtig finde und weil ich es kann.

Und weil es mein Gewissen beruhigt. Was die 20 Brot-statt-Böller-Euro leider nicht schaffen würden.

P.S.: Meine Achillesferse sind übrigens Gadgets.

5 Gedanken zu „Böller statt Moralapostelei“

  1. Und so viel war’s eigentlich gar nicht was ich schreiben wollte … nur ein „Danke“ für den wirklich tollen Beitrag 🙂

  2. Leider funktioniert das mit den Wünschen nicht, ich habe es ausprobiert (und bin jetzt unschlüssig, was ich morgen mache).

  3. Du hast natürlich recht: Vorsätze funktionieren besser als Wünsche. Aber sogar Vorsätze funktionieren nur schwerlich. Trotzdem mal versuchen?

  4. Danke, das freut mich. Gerade weil ich mich auf Facebook sehr dafür rechtfertigen musste, dass ich mich im Beitrag so rechtfertige…

  5. Witzig, Deinen Text habe ich gefunden, als ich nach „fair trade böller“ gesucht habe – kommt ja schließlich beides drin vor 😉 Ich sehe es genau wie Du, man muss sich nicht für alles ein schlechtes Gewissen einreden lassen. Ich mache auch einiges, von dem ich mir einbilde, dass die Welt etwas besser wäre, wenn das viele Leute machen würden (vegan übrigens auch im Dezember, harhar 😉 ), und ALLES kann man sowieso nicht „richtig“ machen, dafür ist die Welt zu komplex. Und für mich gehört Böllern einfach zu Silvester dazu. Das hat für mich auch gar nix mit irgendwelchen Wünschen oder Ritualen zu tun, es macht einfach Spaß!

    Blöd nur, dass ich kürzlich gelesen habe, dass viele Feuerwerkshersteller teilweise von Kindern unter unmöglichen Arbeits-, Lohn-, Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen produzieren lassen. Das möchte ich dann doch nicht unterstützen, wenn es sich vermeiden ließe (daher ja auch meine Suche). Aber in diesem Bereich scheint es, anders als z.B. beim Kaffee, mit der Transparenz noch nicht so weit her zu sein. Schade.

    Ich kaufe morgen trotzdem Böller, aber cool wäre es schon, wenn ich noch welche fände, mit denen ich solchen Schweinkram nicht unterstütze. Und vielleicht habe ich dieses Jahr dann doch zum ersten Mal ein ganz klein bisschen ein schlechtes Gewissen. Und zwar nicht, weil ich die 20 Euro nicht an „Brot statt Böller“ spende, sondern weil ich mit ihnen vielleicht solche Machenschaften unterstütze.

    Dir trotzdem viel Spaß morgen – das meine ich absolut ernst und nicht ironisch!

    Stefan

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