Die Top-8-Argumente für die Beschneidung von Jungen – und ihre Dekonstruktion

In einem überfälligen Richterspruch hat das Landgericht Köln in der letzten Woche entschieden, dass die religiöse Beschneidung von Jungen den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt und damit strafbar ist.

Das einzig vorstellbare Urteil am Ende eines solchen Prozesses, finde ich. Vor allem jüdische und muslimische Religionsverbände sind da anderer Meinung. Das überrascht mich nicht, aber es regt mich auf. Noch mehr habe ich mich über ein Interview geärgert, das der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis heute morgen im Deutschlandfunk gab. Die Argumente der Beschneidungs-Befürwörter sind ideologisch verbrämt oder nicht zu Ende gedacht. Meistens beides.

#1. Ein Verbot der Beschneidung schränkt die freie Ausübung der Religion ein. 

Das Recht auf freie Religionsausübung des einen endet dort, wo die Körperlichkeit eines anderen anfängt. Fertig. Keinem Säugling und keinem Kleinkind ist es ein Bedürfnis, seine Vorhaut loszuwerden um damit einem Gott zu gefallen, zu dem es aus freien Stücken Zuflucht genommen hat. Dergleichen ist einzig und allein das Bedürfnis der Eltern. Die müssen aber hier zurückstecken. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Eltern das Recht haben, ihre religiösen Überzeugungen durch Verstümmelungen an den Leibern ihrer Kinder auszudrücken. Wenn sich ein erwachsener Mann für eine Beschneidung entscheidet: Bitte, gerne.

#2. Wir machen das schon seit Tausenden von Jahren so.

Wir haben Delinquenten auch über Tausende von Jahren den Kopf eingeschlagen und sind sehr stolz darauf, das heute nicht mehr zu tun. Wir haben unser Essen über tausende von Jahren selbst gejagt, auch das vermisst niemand. Früher haben wir Hexen verbrannt. “Das war schon immer so!” ist kein Argument, sondern eine hohle Parole. Sie wird besonders dann gern hervorgekramt, wenn es an rationalen Argumenten mangelt.

#3. Ohne Beschneidung ist kein jüdisches Leben in Deutschland mehr möglich.

Was? Kinder sind sicherlich Teil des religiösen Lebens, aber nicht seine Hauptfiguren. Der beschnittene Penis Minderjähriger bildet nicht das Zentrum des jüdischen Glaubens. Jungs können auch mit Vorhaut Gottesdienste und Feste feiern, singen und beten und koscher Essen. Thorastudium in Synagogen ist auch mit Vorhaut möglich. Und Juden können sich auch künftig Beschneiden lassen – wenn sie volljährig sind.

#4. So eine Beschneidung ist keine große Sache.

Manche glauben, sie sei so harmlos, wie eine Masernimpfung. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Berührung meiner Genitalien durch eine völlig fremde Frau im Rahmen meiner Vorschuluntersuchung. Ich fand das übergriffig, unangenehm und entblößend. Ja, auch schon als 6-jähriger. Muslimische Jungen werden etwa in diesem Alter beschnitten. Eine Beschneidung verletzt das Recht auf religiöse Selbstbestimmung, Unversehrtheit und Intimsphäre. Alle drei Rechte gelten für alle Menschen. Auch für Kinder. Ihre Verletzung kann Traumata auslösen. Gerade bei Kindern. Gern wird auch ins Feld geführt, dass die harmlose Beschneidung von Jungen mit der grausamen Beschneidung von Mädchen überhaupt nicht zu vergleichen sei. Das finde ich auch. Weshalb ich es ablehne, diese Debatten zu vermischen.

#5. Wenn die Beschneidung in Krankenhäusern verboten wird, passiert sie künftig im Hinterzimmer von Quacksalbern.

Bestimmt. Spätestens dann sollte man sich aber fragen, was den Eltern wichtiger ist oder sein sollte: das Wohl ihres Sohnes oder ihre Religion. Und nein, ich finde nicht, dass das eine schwierige Frage ist. Außerdem kann die Drohung in die Illegalität abzuwandern keine Begründung dafür sein, Körperverletzung nicht zu verbieten. Und ein medizinisch nicht indizierter, irreversibler Eingriff zu dem ich mich nicht selbst entschieden habe ist nichts anderes als: Körperverletzung.

#6. Die Beschneidung bietet hygienische Vorteile.

Mag sein. Gilt aber auch für intravenöse Ernährung. Und Küsse, die man sich nur durch die Luft zuwirft. Vielleicht ist das magisches Denken, aber ich glaube, dass  neugeborene, gesunde Organismen gleich welcher Spezies ziemlich perfekt sind. Natürlich geht die Evolution weiter. In einigen Generationen werden wir unseren kleinen Zehennagel einbüßen. Weil wir ihn nicht mehr brauchen. Seine Vorhaut ist einem Junge oder Mann aber recht nützlich. Weshalb ich vorschlage, die hygienischen Vorteile durch regelmäßiges Waschen herbeizuführen.

#7. Beschnittene Männer können länger.

Die Vorhaut des Mannes schützt die empfindliche Eichel und ermöglicht so das Empfinden intensiver sexueller Lust. Ja, das geht auch ohne Vorhaut. Es ist aber erwiesen, dass die Eichel nach entfernen der Vorhaut verhornt und weniger empfindsam wird. Ich finde es angemessener ein für beide Partner befriedigendes Sexualleben auf anderem Wege herbeizuführen. Beispielsweise, in dem man darüber spricht, was einem gefällt und wie man wo angefasst werden möchte. Dann klappt’s auch mit Vorhaut.

#8. In den USA ist Beschneidung völlig normal.

In den USA ist es auch normal, keine Krankenversicherung zu haben. Und Arbeitslosen nach 99 Wochen keine Unterstützung mehr zu zahlen. In Saudi-Arabien gilt die Scharia. In Bulgarien meinen sie ja wenn sie mit dem Kopf schütteln. Und in China essen sie Hunde. Ich lebe in Deutschland. Ich kann die Entwicklung dieser Gesellschaft beeinflussen.

Ich bin gegen die Beschneidung. Aus Gründen.

6 Gedanken zu „Die Top-8-Argumente für die Beschneidung von Jungen – und ihre Dekonstruktion“

  1. Das Problem ist nur, dass du als anti-religiöser Mensch überhaupt nicht mitreden kannst. 🙂 Das Judentum ist eine sehr komplexe Religion. Ohne sie hätten wir das Christentum nicht, aufgrund dessen wir wiederum einen enormen Zivilisationssprung gemacht haben. (Er wäre noch größer, hätten sich die Menschen noch mehr danach gerichtet. Keine Kriege, keine Kriminalität, kein Rassismus etc.) Aber egal.

    Weltliche Argumente aus einer „gottfreien Dimension“ ziehen hier überhaupt nicht. Für die Juden war Jesus eine Nullnummer und insofern warten sie immer noch auf einen angemessenen Messias. Dabei ignorieren sie die deutlichen Zeichen der Zeit, die auch schon altestamentarisch belegbar sind. Schade, aber versuch mal eine Jahrhunderte alte Tradition auszurotten. *g* (Du kannst z. B. mit Weihnachten anfangen. *harhar*)

    Du siehst das alles sehr pragmatisch aus einem kerzengeraden, aktuellen Blickwinkel: „Beschneidung = Kindesverstümmelung = Schlecht“ Du beleuchtest den religiösen Aspekt dahinter überhaupt nicht. Es machte zur DAMALIGEN Zeit durchaus SINN, Kinder beschneiden zu lassen.

    Und in dieser Welt leben die Juden geistig gesehen noch heute. Sie werden deine Argumente, die völlig normal für einen Atheisten sind, nicht akzeptieren (können). Denn das würde bedeuten, dass die Grundsätze ihrer Religion nicht gültig wären. Damit wäre das Judentum hinfällig.

    Hier geht es um mehr als nur eine Vorhaut. Hier geht es um tiefsitzende religiöse Überzeugungen. Wer das Neue Testament ablehnt und verleugnet, der wird in dieser Hinsicht auch keine Fortschritte bzw. Veränderungen machen.

    Es wäre absolut falsch, daraus jetzt einen Grundsatz abzuleiten: „Religion ist nur was für Geisteskranke, die die Wissenschaft als Teufelswerk betrachten.“

    Man sollte nicht den Inhalt einer Sache mit dem Verkünder derselben in einen Topf werfen, bevor man sich nicht selber damit beschäftigt hat. 😉

  2. Sicher, dass du meinen Beitrag gelesen hast?

    Die Freiheit jeder Religion muss allerspätestens dort enden, wo die körperliche Unversehrtheit des anderen losgeht. Punkt. Ich werde da keine Rücksicht auf religiöse Gefühle nehmen, nicht auf political corretctness und erst recht nicht auf irgendwelche verschwurbelten Lehren, die nicht mit dem gesunden Menschenverstand sondern nur mit jahrtausendealten Handbüchern zu durchstreigen sind. Körperverletzung ist Körperverletzung und zurecht eine Straftat, die weder zu relativieren noch schönzureden ist.

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