Fürchten Sie sich vor Schwulen, Cordula Drechsler?

Der Shitstorm wütet, und das ist auch gut so. In your face, Cordula Drechsler! Das Mitglied des Stadtrats im sächsischen Bad Lausick verschickte am 29. März folgende E-Mail an den offen homosexuell lebenden parlamentarischen Geschäftsführer der Grünen Volker Beck.

„Homosexueller Herr Beck,

es gibt noch westliche Länder (wie Rußland), von den islamischen Ländern mal ganz zu schweigen, die Farbe bekennen zu Homosexualität.

Auch in Deutschland denkt die Mehrheit der Bevölkerung so, sie getraut es sich nur (noch nicht) zu sagen.

Sie sollten sich in Zukunft überlegen, ob Sie nach Rußland fahren und auch in Deutschland dürfte Ihr Leben schwerer werden, mal abgesehen im (noch nicht) von Muslimen komplett dominierten Berlin (dann werden Sie auch ein schwereres Leben haben).

Es gab in jeder Zeit in Europa Entwicklungen, die eine Minderheit der Bevölkerung widerspiegelten, so auch jetzt mit der Homosexualität.

Auch diese Entwicklung wird sich in sehr kurzer Zeit als Fehlentwicklung zeigen und nicht als nachhaltig tragfähig für den Fortbestand einer Gesellschaft erweisen.

Leute wie Sie Herr Beck braucht das deutsche Wählervolk beim besten Willen nicht

Mit heterosexuellen Grüßen aus dem erzkonservativen Freistaat Sachsen

Cordula Drechsler“

Die Presse, die FDP, Herr Beck selbst und die große, weite Blogosphäre haben sich gebührend echauffiert, so dass ich mich nun der Frage zuwenden kann, was um alles in der Welt die arme Frau wohl geritten hat, derartig hohle Stammtischparolen ohne Scham in die politische Welt zu rülpsen. Daher schrieb ich ihr heute:

„Sehr geehrte Frau Drechsler,

anhand des durchweg empörten Medienechos, das ihre E-Mail an Herrn Beck ausgelöst hat, dürfte zu allererst Ihr Leben schwerer geworden sein und glücklicherweise nicht das des Herrn Beck. Mein Mitgefühl dafür hält sich offen gestanden in engen Grenzen.

Obwohl ich weiß, dass veröffentlichte Meinung und öffentliche Meinung nicht immer deckungsgleich sind, bin ich mir einigermaßen sicher, dass die Mehrheit der Bevölkerung eben nicht so denkt wie Sie, vielleicht dämmert Ihnen das jetzt.

Bevor Sie sich im Zuge dessen jedoch eine vernünftige, fertig gedachte Meinung zulegen, würde ich sehr gern verstehen, auf welchen Überlegungen Ihre augenblickliche Meinung fußt. Ich wäre Ihnen daher sehr verbunden, wenn Sie sich einige Minuten Zeit nehmen würden, meine folgenden Fragen zu beantworten.

  1. Ihre Mail an Volker Beck ist eine Reaktion auf ein kürzlich in Russland verabschiedetes Gesetz, dass die bloße öffentliche Erwähnung von Homosexualität unter Strafe stellt. Wie können ausgerechnet Sie, die Sie Ihre politische Heimat nach dem Zusammenbruch der DDR-Diktatur in der Nähe der FDP gefunden haben, eine Einschränkung der Meinungsfreiheit und der freien Entfaltung des Einzelnen befürworten, ja bejubeln?
  2. Haben Sie jemals ernsthaft darüber nachgedacht, was Homosexualität ist? Halten Sie die gleichgeschlechtliche Liebe für einen Trend? Für einen Lebensstil? Für etwas, dass man aus Langeweile ausprobiert? Für etwas, zu dem man sich entscheidet, weil es fetzt? Wirklich? Mir persönlich ist es völlig egal, wie Homosexualität entsteht. Fakt ist: Es hat sie immer gegeben. Und Fakt ist ebenso: Es wird sie immer geben. Übrigens sogar dann, wenn man nicht mehr öffentlich darüber sprechen darf, liebe Frau Drechsler.
  3. Glauben Sie wirklich, dass das Zeugen von Kindern der einzige Dienst ist, den ein Individuum zum „Fortbestand der Gesellschaft“ leisten kann? Würden Sie also sagen, dass sich die Verdienste der zumindest zeitweise homosexuell lebenden Herren Alexander von Humboldt, Friedrich II. sowie Klaus und Thomas Mann auf deren leibliche Nachkommenschaft beschränken?
  4. Warum genau fühlen Sie sich persönlich so stark von der Existenz und der öffentlichen Wahrnehmbarkeit Homosexueller angegriffen, dass Sie dafür Ihre bescheidene politische Karriere riskieren? Was genau hat das alles mit Ihnen zu tun? Oder weniger psychologisierend: Was hat Ihnen Volker Beck getan?

Frau Drechlser, in Zeiten des Internets hat eine alte goldenen Regel (Tradition mögen Sie doch, oder?) sogar noch an Glanz gewonnen: Erst denken, dann sprechen.

Mit stockschwulen Grüßen aus dem weltoffenen Sachsen
Ihr
Ronald Gerber“

Wenn Sie mir antwortet, gibt’s freilich ein Update.