Volkseigentum Kunst? Mir fehlt die Fantasie, Piraten!

Ich würde den Piraten so gerne auch ein euphorisches Ahoi! entgegenrufen. Ihre Idee, den Zugang zum Internet zu einem Grundrecht zu erklären, finde ich großartig. Regelrecht verliebt bin ich in ihre queeren Gedanken zur Familienpolitik. Beispielsweise den, künftig keine Lebensgemeinschaften mehr zu fördern sondern Kinder. Außerdem habe ich ein ausgeprägtes Faible für Schrulligkeit.

Doch leider kentert mein fröhliches Ruderboot zum glitzernden Piratendampfer in der hohen Welle, die den Begriff „geistiges Eigentum“ verwässern will. Die Diskusion wird breit geführt, aber im Grundsatzprogramm steht:

„Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit.“

Bedeutet das im Klartext, dass nur Kaspar Hauser einen Roman schreiben darf, der wirklich ihm gehört? Ich, als mit Medien und Menschen sozialisierter Autor, greife bei jedem Wort, das ich spreche zwangsläufig auf den „öffentlichen Schatz an Schöpfungen“ zurück. Unwillkürlich ist alles, was ich verfasse von dem beeinflusst, was ich gelesen, gesehen, gehört oder erzählt bekommen habe. Jedes meiner Werke ist ein Remix, und das bisschen an Neuem, was ich beizutragen habe, ist der Gesellschaft gefälligst zur freien Verfügung zu stellen. Oder was sonst ist gemeint mit:

„Es sind daher Rahmenbedingungen zu schaffen, welche eine faire Rückführung in den öffentlichen Raum ermöglichen.“

In meiner Sprache bedeutet das, dass ich mich als Autor nach Fertigstellung meines (?) Romans darum zu kümmern habe, ihn öffentlich zugänglich zu machen und eine einfache Verbreitung zu ermöglichen. Wobei man schon diskutieren müsste, ob es dem Verständnis der Piraten nach okay wäre, meine Buch ganz altmodisch zu verkaufen. Denn:

„Die Schaffung von künstlichem Mangel aus rein wirtschaftlichen Interessen erscheint uns unmoralisch, daher lehnen wir diese Verfahren ab. […] Wir sind der Überzeugung, dass die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden sollte und die Interessen der meisten Urheber entgegen anders lautender Behauptungen von bestimmten Interessengruppen nicht negativ tangiert.“

Tut mir leid, das verstehe ich nicht. Im Gegensatz zu Bäckern oder Tischlern verwenden Künstler andere Rohstoffe für ihr Handwerk. Die gesellschaftliche Debatte zum Beispiel, ihren Erfahrungsschatz oder ihr Seelenleben. Dieser Rohstoff kostet kein Geld, das Produkt sollte es aber, finde ich. Künstler wertschöpfen beim Denken. Die Leistung der Künstler besteht darin, Gedanken, Ideen, Ahnungen oder Gefühlen eine Form zu geben. Eine, die für andere erlebbar und erfahrbar ist, konkret genug um darüber diskutieren zu können, manchmal zum mitsummen, manchmal sogar körperlich greifbar. Um das hinzukriegen, strengen sie sich sehr an, setzten sich oft mit ihrer ganzen Person ein, stecken viel Wissen und Erfahrung in ihre Arbeiten und in jedem Fall eine gehörige Portion Liebe.

Das ist eine Leistung für die ich gern bezahle. Mir erschließt sich überhaupt nicht, warum ich ein Anrecht auf diese Leistungen haben sollte. Es ist nicht meine Leistung. Im Gegenteil: Ich will, dass Künstler weiter Kunst machen. Ich will sie gut behandeln und sicherstellen, dass sich Kunst machen für sie lohnt. Gerade weil ich einsehe, wie stark Künstler und Kulturschaffende die Gesellschaft vorangetrieben haben.

Ich verstehe nicht, was die Piraten meinen, wenn sie schreiben:

„In der Tat existiert eine Vielzahl von innovativen Geschäftskonzepten, welche die freie Verfügbarkeit bewusst zu ihrem Vorteil nutzen und Urheber unabhängiger von bestehenden Marktstrukturen machen können.“

Vielleicht fehlt mir die Fantasie. Vielleicht fehlt den Piraten aber auch die Erfahrung. Vielleicht haben sie nicht die leiseste Ahnung davon, wie viel Ruhm und Aufmerksamkeit man angehäuft haben muss, um sie durch Ticketverkäufe und Merchandising in klingende Münze zu verwandeln.

Natürlich: Seitdem wir das Internet haben kann jeder fast gratis publizieren. Es sind weder Verwertungsgesellschaften noch Verlage nötig, um sich eine gewisse Bekanntheit zu erarbeiten und vielleicht auch ein paar Tausend Fans zu akquirieren. Das allein zahlt einem aber noch lange nicht die Miete. Auch ein eigener YouTube-Channel tut das kaum, selbst wenn er einigermaßen beliebt ist.

Und was bitte soll eigentlich dieses unsägliche Merchandising sein?
Wie sollen denn Fotografen „merchandisen“?
Absolventen von Filmhochschulen.
Dichter.
Liedermacher.

Die brauchen Leute, die ihre Werke kaufen. Bilder, Filme, Bücher, Songs. Von mir aus auch als Dateien. Aber doch bitte nicht als ein Zeichen der Gnade, sondern weil die Käufer diese Werke gern besitzen wollen und weil diese Werke eben einen Wert haben. Warum sollen Künstler von der Solidarität mit ihnen und nicht von den Verkaufserlösen ihrer Werke leben? Ist die Bezifferung des ideelen Wertes eines Kunstwerkes mit einem Eurobetrag amoralisch? Ist es moralischer, das Kunstwerk gratis für sich zu beanspruchen, freundlicherweise aber ein Almosen dazulassen?

Plötzlich ist dann von einer Kulturflatrate die Rede, einem Pauschalbetrag, der all jenen zu Gute kommen soll, deren frei im Netz zirkulierende Werke man den lieben langen Tag so rezipiert. Will man erklärt bekommen, wie das funktionieren soll, gibt es keine Antwort ohne „irgendwie“. Das ist dann hier aber kein schechter Sprachstil, das ist programmatisches SOS, befürchte ich. „Irgendwie“ ist dann immer noch besser, als das böse, verbotene V-Wort. V wie Verwertungsgesellschaft. Wenn ich die Priaten richtig verstanden habe, gehören die VG Wort, die VG Bildkunst und (Shitstorm voraus!) die Gema mit viel Tamtam und Feuerwerk versenkt. Ich finde das entweder unaufrichtig oder nicht zu Ende gedacht.

Ja, ich will auch endlich alle YouTube-Videos sehen können. Ich finde die restriktiven Arbeitsweisen der Verwertungsgesellschaften auch überkommen und altbacken. Aber ich möchte meine befreundeten Fotografen, Grafikern, Dichtern und Liedermachern nicht die Würde nehmen, in dem ich sie zwinge, ihre beeindruckendsten Werke auf Tassen, T-Shirts oder Schlüsselbänder zu drucken, die sie dann dankbar lächelnd aus dem Bauchladen zu verkaufen haben.