Fußball lehrt uns mehr als nur das Spiel mit dem Ball!

In der Halbzeit des Fußballspiels Deutschland gegen Australien kommentierte Kathrin Müller-Hohenstein das Tor von Miroslav Klose mit den Worten: „Und für Miroslav Klose: ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft“ (Youtube, Der Spiegel, n-tv.de). Ich selbst war entsetzt und konnte nicht wirklich glauben, was ich da gerade gehört hatte. Mir kamen aber auch sofort einige Zweifel, weil mir die Redensart nicht vollkommen neu war. Deshalb habe ich ein wenig zum Begriff recherchiert.

Die Redensart kann in zweierlei Form gebraucht werden (Quelle: redensarten-index.de). Einerseits als eine derbe Ausdrucksform innerster Genugtuung und tiefster Befriedigung und andererseits wird der Begriff Reichsparteitag in der deutschen Alltagssprache nahezu ausschließlich für die NS-Parteitage genutzt. Aufgrund dieser Ambivalenz ist die Empörung vieler Zuschauer (und auch meine eigene) sehr verständlich. Ich würde Kathrin Müller-Hohenstein unterstellen wollen, dass sie auf die Genugtuung anspielte, als sie sich entsprechend äußerte. Anscheinend und glücklicherweise war ich nicht die einzige Person, der die Entgleisung (ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz) bemerkte. Und im Internet entbrannte eine Diskussion über die Äußerung, welche das ganze Spektrum von „schickt sie nach Hause“ bis „ist doch gar nichts passiert“ reichen. Nun ja, ich denke irgendwo dazwischen liegt wahrscheinlich die Lösung. Dafür sollten wir uns aber mit der Frage beschäftigen, in welchem Kontext diese Äußerungen artikuliert wurden, denn rein inhaltlich kann man Kathrin Müller-Hohenstein plausibel kritisieren aber auch verteidigen.

Der Rahmen ist die Fußballweltmeisterschaft, bei welcher Nationalmannschaften antreten. In diesem Kontext einen Redewendung zu gebrauchen, welche mit Machtdemonstrationen in Nazi-Deutschland in Verbindung gebracht werden kann, dürfte sehr wohl problematisch sein. Unabhängig davon hat Miroslav Klose polnische Vorfahren. Und die Polen sind eines der Völker Europas die am stärksten unter Nazi-Deutschland gelitten haben, da ist ein zuviel an politischer Korrektheit besser als ein zu wenig! Damit sind wir auch schon beim nächsten Punkt: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat den spezielle Auftrag qualitativ hochwertigen unabhängigen Berichterstattung zu liefern und auch einen Bildungsauftrag (Satzung des ZDF). Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Reporter im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein wenig sensibler mit der deutschen Sprache umgehen. Der letzte Punkt ist das Publikum. Bei einem solchen Großereignis, welches nur vom ZDF übertragen wird, sitzen sehr viele Bundesbürger vor dem Fernseher und ich möchte behaupten wollen, dass nicht jedem diese Redewendung geläufig ist. Durch den Gebrauch solcher Redewendungen im Fernsehen werden diese aber kultiviert und ich empfinde die Redewendung nicht unbedingt als Bereicherung der deutschen Sprache.

Der ZDF-Sportchef hat sich für die sprachliche Entgleisung bereits entschuldigt und versprochen, dass es nicht wieder vorkommt. Reicht das? Ich denke ja. Es war eine Livesendung und ohne Zweifel ist Kathrin Müller-Hohenstein ein Mensch wie wir alle. Und Menschen geraten in Euphorie oder sind nervös und machen Fehler. Sie hat einen Fehler gemacht, es gab eine heftige und sehr notwendige Reaktion auf diesen Fehler, aber eine direkte Sanktion, die über ein Gespräch hinausgeht, wäre wohl etwas übertrieben. Ich glaube, die Redewendung ist ein recht überflüssiges Artefakt, welches wir nicht weiter kultivieren müssen. Ich würde mich freuen, wenn das ZDF-Sportstudio aus der Situation gelernt hat und es tatsächlich nicht wieder vorkommt. Damit ist der Sache aber auch genüge getan.

Ein Gedanke zu „Fußball lehrt uns mehr als nur das Spiel mit dem Ball!“

  1. Mir ist anhand dieses Vorfalls einmal mehr aufgefallen, welche Wirkung Twitter, Blogs und Co. entfalten können. Diese auch in meinen Ohren unbequeme Äußerung sprudelte in einer Live-Sendung aus dem Mund der Moderatorin. Während einer vorbereiteten, geschriebenen Moderation wäre ihr das sicherlich nicht passiert. Unbestritten ist das ein Patzer. Aber eben keiner, aus dem sich der Strick einer politisch gemeinten Äußerung drehen lässt. Die Angelegenheit hätte niemals solche Kreise gezogen, wenn die Meldung nicht bspw. auf Twitter Zehntausende Male verbreitet worden wäre. Ich finde es höchst interessant zu verfolgen, welches Gewicht die neuen Sofortmedien verärgerten Zuschauern verleihen die früher (unter Ausschluss der Öffentlichkeit) Beschwerdebriefe hätten schreiben müssen. Sogar renommierte Medien wie der Spiegel oder die Zeit haben sich Twitter mittlerweile als Recherchemedium erschlossen. Zurecht, wie ich gerade heute wieder während der H&M-Geiselnahme in Leipzig feststellen konnte.

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