Von einer Bronchitis lernen

Soweit ich das beurteilen kann, ist die gemeine Bronchitis und auch ihre dickere Schwester die Tracheobronchitis zumindest in ihren akuten Ausprägungen weder besonders selten noch besonders fürchterlich noch ohne Ende. Eigentlich ist sie nicht der Rede wert. Mich aber bringt sie gerade dazu, ernsthaft über Leben und Tod nachzudenken. Wofür ich mich freilich ein bisschen schäme.

Von früheren Krankheiten weiß ich bereits, dass ich zu den besonders wehleidigen Patienten gehöre. Während andere mit Stolz und Würde abwinken, wenn die Sprache auf ihre, wegen der wie eine auslaufende Duschbadflasche sekretierenden Nase unübersehbare Erkältung fällt, zwingt mich bereits eine leichte Bronchitis dazu, den gesamten Tag im Bett zu verbringen und jede Bewegung (Drehen im Bett, Griff zur Fernbedienung, Gang zur Toilette) mit einem lauten Ächzen in ihrer Beschwerlichkeit zu unterstreichen. Jedes Mal versuche ich mich zusammenzureißen in der festen Überzeugung, dass meine Genesung sehr direkt von meiner psychischen Verfassung abhängt, deren beste Freundin Selbstmitleid und theatralisches Gestöhne nun eben nicht sind. Jedes Mal aber scheitere ich. Meine Glieder täuschen vor, während eines 50 km Cross-Bike-Trials aufs Übelste malträtiert worden zu sein, mein Kopf fährt das beliebte Übungsmanöver “Denken, nach einer Kollision mit einem Linienbus” und Hals und Lunge feiern Barbecue. Ich MUSS ächzen.

Meine Schwester, die sich gestern telefonisch nach meinem Befinden erkundigte, half mir aus der Patsche. Ich bat sie, mir zu erklären, was ich für eines der größten Mysterien der Menschheit halte: Wie um alles in der Welt können Frauen die Schmerzen einer Geburt ertragen? Damit kennt sich meine Schwester aus, erst vor acht Wochen hat sie ein Kind geboren. Ihr drittes. Sie erklärte mir, dass eine Geburt im Prinzip ganz ähnlich wie Erbrechen funktioniere. Nur an anderer Stelle. Wer seinen Körper beim Erbrechen nicht machen lasse, riskiere unschöne geplatzte Äderchen im Auge. Der Trick bei einer Geburt sei, sich ganz und gar hinzugeben. Im festen Vertrauen darauf dass die Natur das schon regele. Und die Hebamme helfe, falls nicht. In diesem Zusammenhang riet sie mir beinahe fürsorglich, zu ächzen und zu stöhnen soviel ich will. Schließlich verschaffe mir das Erleichterung. Ebenso wie eine Geburt deswegen freilich noch lange kein Kindergeburtstag sei – worin ich sie korrigieren musste – werde eine Bronchitis deswegen natürlich kein Spaziergang. Aber sie bekäme die Aufmerksamkeit die sie fordere und würde entsprechend schnell verschwinden.

Von Schnelligkeit weigere ich mich in diesem Zusammenhang allerdings zu sprechen: Ich liege seit Dienstag im Bett und langweile mich. Versuche ich zu lesen oder Radioreportagen zu hören, fühle ich mich überfordert, was mir Angst macht. Sehe ich fern oder surfe ich im Netz, kann ich mich des überwältigenden Eindruckes nicht erwehren, meine Zeit zu verschwenden. Denn eigentlich ist sie doch wertvoll: Die Zeit mit mir. Oder?

Im Grunde meines Herzens war ich bis heute der zugegeben esoterischen Überzeugung erlegen, dass mich eine Krankheit zwingen soll inne zu halten, um das Hamsterrad für zwei, drei Runden zu verlassen, durchzuatmen und zu prüfen, ob ich wirklich zurück will. Und falls ich das nicht will, bietet eine Krankheit den Raum zu prüfen, ob es nicht einen Weg gibt, auf dem ich im Gegensatz zum Hamsterrad tatsächlich vorwärtskomme. Derartige Reflexionen liegen mir, können aber dazu führen, alle zwei, drei Jahre etwas völlig anderes zu tun, und so zu riskieren, es nirgendwo jemals zu etwas zu bringen. Deswegen, und weil ich außerdem der Überzeugung bin, dass jedem Menschen nicht nur ein Weg zum geglückten Leben offensteht, hatte ich mir vorgenommen, allzu voreilige Richtungswechsel künftig zu unterlassen und irgend einen Weg einfach mal für eine Weile zu probieren. Diesen zum Beispiel.

Wie ich heute endlich verstanden habe, kann einer Krankheit wie dieser garstigen Bronchitis, die gerade in mir haust diese bedeutende Funktion aber unmöglich zukommen. Vom vielen Ächzen bin ich so abgelenkt, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann und tunlichst davon absehen sollte, Entscheidungen zu treffen die über “Cornflakes oder Haferflocken zum Frühstück?” hinausgehen.

Einen sehr wertvollen Zweck hat sie dennoch, diese verhasste Keuche. Einen Zweck, der allerdings erfordert alle Scheu vor Kitsch und Binsenweisheiten abzulegen und auch die Furcht davor, einen hoffnungsvollen Text mit dem letzten Satz zu zerstören: Diese Bronchitis erinnert mich an das Wunder der Gesundheit, dass ich allzu oft für eine Selbstverständlichkeit halte.

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