Aktion Kinder in Gefahr

Anfangs war ich der festen Überzeugung, es mit einer kongenialen Satire zu tun zu haben. Und ein Teil von mir glaubt das offen gestanden immer noch.

Denn es stimmt einfach alles: Ein Mann mittleren Alters mit messerscharfem Scheitel, altmodischer Brille, schlecht sitzendem Schlips, dem Gesichtsausdruck desjenigen, der in Sportstunden nicht mal als letzter in die Fußballmannschaft gewählt wurde  und einer Rhetorik, die einem Logopäden über mehrere Jahre hinweg ein sicheres Auskommen garantieren würde, werden vor einem Potpourri überquellender Postkisten in einem Büroraum, in dem 1987 die Zeit stehen geblieben ist Sätze verlesen, wie der folgende.

“Wir dürfen nicht zu lassen, dass die Linken eine Stasi im Kopf gegen Christen errichten.”

Schön, oder? Eine Stasi im Kopf. Klingt doch, als hätte sich das jemand an einem sehr geselligen Abend mit der einen Hand auf einen Bierdeckel gekritzelt, während er sich mit der anderen den Bauch hielt. Offenbar war es aber nicht so. Und wie sich nach kurzer Recherche herausstellt, ist dieser schrullige Typ keine grimmepreisverdächtige Parodie sondern bittere, sehr bittere Realität. Die mit bürgerlichem Namen Mathias von Gersdorff heißt.  Kostprobe? Bitte sehr:

 

Schon 8873 Unterschriften für Petition gegen Homo-Adoption

 

Mathias von Gersdorff ist Mitglied der Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur (DVCK) e.V., einem Verein der sich “der sich u.a. für die Förderung der abendländischen christlichen Kultur basierend auf den grundlegenden Prinzipien des christlichen Glaubens, und insbesondere für den Schutz von christlichen Werten einsetzt.” Sagt jedenfalls die Webseite.

Meiner persönlichen Meinung nach hat Mathias von Gersdorff panische Angst vor “Omosexellen” – wie er gleichgeschlechtlich Liebende nennt – und ist der festen Überzeugung, dass sie Ursache allen Übels wenigstens auf diesem Planeten, wenn nicht gar im Universum insgesamt sind.

Nicht umsonst hat sein Verein die Aktion Kinder in Gefahr ins Leben gerufen der er vorsitzt, und auf deren YouTube-Kanal selbst Hartgesottene das Fürchten lernen können.

Ich gebe unumwunden zu, dass die Vermeidung hochgradig beleidigender Schimpfwörter und Flüche ein überaus hartes Selbstbeherrschungstraining für mich darstellt, wenn Herr Hofschulte die “Eindämmung der Einflüsse der Homo-Lobby” mit der Gefährdung von Kindern zusammenbringt. Das liegt daran, dass ich mich dadurch an eine Zeit erinnert fühle, in der zwischen Pädophilie und Homosexualität noch nicht unterschieden wurde, und in der homosexuelle Gedanken oder Sehnsüchte noch als Königsdisziplin des Teufelswerks galten. Selbst nach eingehender Auseinandersetzung kann ich mich aber nicht des Eindruckes erwehren, dass Herr Hofschulte noch genau in dieser Zeit lebt. Möglicherweise befand er sich just in dem Moment in dieser ominösen Poststelle, als dort die Uhren aufhörten zu ticken.

Als Beweis für das bravouröse Absolvieren meiner Selbsbeherrschungs-Herausforderung erlaube ich mir das E-Mail zu veröffentlichen, dass ich Herrn Hofschulte heute schrieb:

Sehr geehrter Herr von Gersdorff,

in Ihren Videos sprechen Sie von „den Homosexuellen und deren Lobby”, nie aber vom einzelnen gleichgeschlechtlich Liebenden. Mir scheint, als hätten Sie sich mit diesem nie persönlich auseinandergesetzt.

Gern möchte ich Sie daher auf eine Tasse Kaffee einladen um Ihnen bereitwillig Auskunft über den oft harten Weg zum Coming Out zu geben und auch über die sehr alltägliche gesellschaftliche Repressionen danach.

Falls Sie sich vor einer solchen Begegnung aber fürchten wovon ich offen gestanden ausgehe empfehle ich Ihnen, sich mit einem beliebigen wissenschaftlichen Text zum Thema zu konfrontieren. Sie werden hier lernen, dass Homosexualität im von Perversion und Verderbtheit freien Tierreich ebenso häufig vorkommt, wie beim Menschen. Vielleicht kann Ihnen das die Augen für den Fakt öffnen, dass Homosexualität keine persönliche Entscheidung sondern eine Spielart der Natur ist.

Sobald mir eine Antwort zugehen sollte, landet sie selbstverständlich hier.

Mich ärgert sehr, dass es in dieser Angelegenheit so schwierig ist sachlich zu bleiben, wie die zahlreichen Kommentare unter den Videos bei YouTube.  Herr von Gersdorff gibt sich dabei große Mühe und weicht sicherheitshalber keinen Millimeter von seine vorgefertigten Reden ab.  In seinem neuesten Video führt er aus, dass wir es mittlerweile keineswegs mehr mit einer Diskriminierung von Homosexuellen zu tun haben, sondern im Gegenteil mit einer Religionsverfolgung. Homosexuelle seien mittlerweise quasi nicht mehr kritisierbar, ohne sich dem Vorwurf der Intoleranz oder gar Diskriminierung auszusetzen. Dies widerspreche den Grundsätzen der freien Meinungsäußerung, die ja auch ihm als konservativem Christen erlaubt sein muss.

Ich würde mich gern argumentativ mit diesem Einwand auseinandersetzen. Aber ich kann nicht, weil sich meine Hände beim Tippen zu Fäusten ballen. Vielleicht morgen. Nachdem ich zwei Stunden über Rosa Luxemburg meditiert habe: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.

4 Gedanken zu „Aktion Kinder in Gefahr“

  1. Ein schon etwas älterer Post, doch ich bin immer noch entsetzt. Gerade ist mir auf Youtube eine Werbeanzeige der Vereinigung aufgefallen. Es ist mir unbeschreiblich, warum Google Werbung solcher Kunden akzeptiert. Meiner Meinung nach steht schon das Ziel dieses Vereins im Widerspruch zum Grundgesetz. Eine „Verchristlichung der deutschen Politik“, wie es auf der Webseite angestrebt wird, entspricht meiner Ansicht nach einer Trennung von Politik und Religion, die in diesem, wie in jedem demokratischen Staat, angestrebt werden muss.
    Sich mit diesen Leuten auseinander zu setzen ist vermutlich einfach zwecklos, da objektive Argumente generell keinen Einfluss auf Fundamentalisten haben.

  2. Man sollte wirklich mal, um die Klerikalfaschisten so richtig durch den Kakao zu ziehen, ein Video für YouTube produzieren:
    dröhnende Orgelmusik, untermalt von knüppelhartem Marschgeknatter, Kamerafahrten durch düstere gotische Kathedralen, und dann in Pegida-Manier zum Marschrhythmus gebrüllte Parolen wie etwa:

    „WIR WOLLEN SCHEITERHAUFEN! WIR WOLLEN SCHEITERHAUFEN!
    SCHEITERHAUFEN! SCHEITERHAUFEN! SCHEITER-SCHEITER-SCHEITERHAUFEN!“

    oder:

    „BRENNE, SÜNDER, BRENNE! BRENNE, SÜNDER, BRENNE!
    BRENNE, SÜNDER! BRENNE, SÜNDER! BRENNE! BRENNE! BRENNE!“

    Zwischendurch dann auch gregorianisch klingende Chöre, die lateinische Losungen singen:

    „Religio est dolores parandum!“
    (Es ist Aufgabe der Religion, Schmerzen zu bereiten!)
    „Mundus Satanis est!“
    (Die Welt ist des Satans!)
    „Cogere Diabolum adorare (est)!“
    (Denken heißt zum Teufel beten!)

    Dann Fotos von klerikalfaschistischen Diktatoren wie Pinochet, Franco oder Ante Pavelic, jeweils mit Heiligenschein und animiertem Strahlenkranz um den Kopf herum, KZ-Leichenberge, über denen madonnenähnliche Lichterscheinungen sichtbar werden…

    Schließlich werden diese Szenen und die Musik ausgeblendet, das Bild wechselt zu einem engen, mit katholischen Devotionalien vollgestopften Sozialbau-Wohnklo, in dem ein pickeliges Dickerchen an einem kleinen Tisch vor einem aufgeschlagenen Buch sitzt und, mit im Halbdunkel gerade erkennbarer heruntergelassener Hose andeutungsweise Onanierbewegungen macht… die Kamera schwenkt auf das aufgeschlagene Buch, es ist ein Kunst-Bildband, man sieht den „David“ von Donatello.

  3. Genau:
    „…lernen, dass Homosexualität im von Perversion und Verderbtheit freien Tierreich ebenso häufig vorkommt, wie beim Menschen. Vielleicht kann Ihnen das die Augen für den Fakt öffnen, dass Homosexualität keine persönliche Entscheidung sondern eine Spielart der Natur ist.“
    Ich höre ihn („kopfkompass“) bereits reden – mit näselnder Dieter-Stimme: „…und mein sexuelles Vorbild ist ein schwuler Schwan.“
    Letztlich ist es ein wenig wie mit den Verrückten: Psychater und andere Berufsgruppen bzw. Menschen, die sich zu viel mit Verrückten abgeben laufen Gefahr, selbst allmählich verrückt zu werden bzw. ihnen fällt die Abgrenzung zunehmend schwierig. Daher, liebes „kopfkompass“ vielleicht nicht darauf warten, daß ein Mensch mit ehrbaren Bestrebungen nicht auf Ihre Anbiederungsversuche antwortet.

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