Kurz sortiert: Die Griechenland-Krise

Ich habe es bisher vermieden zur Griechenland-Krise zu bloggen, weil ich dachte, ich verstünde nicht genug von Volkswirtschaft um mich qualifiziert zu äußern. Nachdem was ich andernorts in zeigefingergroßen Lettern lesen muss, scheint mir das jedoch falsche Bescheidenheit gewesen zu sein. Die mit den Lettern können mit 10 Fingern tippen, ich bin wenigstens Bankkaufmann. Einen Masterplan zur Lösung habe ich auch nicht (Ich weiß. Jetzt sind alle enttäuscht.), aber vielleicht hilft es einzusehen, dass wir es nicht mit einem, sondern mindestens mit vier Problemen zu tun haben, die separater Lösungen bedürfen.

1. Humanitärer Notstand

Der Bargeldverkehr ist wegen der Auszahlungsbeschränkungen quasi zusammengebrochen, der Zahlungsverkehr (Überweisungen, Kreditkartenverfügungen) funktioniert nur noch eingeschränkt. Die griechische Bevölkerung kann sich kaum noch mit Lebensmitteln versorgen, da Warenlieferungen nur noch gegen Cash erfolgen und leider kein Cash da ist. Die medizinische Versorgung, der Nahverkehr, die öffentliche Verwaltung und wohl bald auch die Energieversorgung sind gefährdet. Dem muss Abhilfe geschaffen werden, bevor wir bürgerkriegsähnliche Zustände, Plünderungen und Überfälle erleben. Abhilfe schafft man mit Geld. Aus Europa. Sofort und ganz gezielt. Was droht ist eine Katastrophe und Katastrophenschutz können wir uns leisten. Von mir aus kann man diese Zuwendungen als Kredite bezeichnen, auf eine Rückzahlung sollte man sich jedoch nicht verlassen. Wichtig wäre, die Verwaltung und Auszahlung dieser Gelder nicht den griechischen Banken zu übertragen, oder jedenfalls auszuschließen, dass sie damit Löcher in ihren Bilanzen stopfen.

2. Fiskaler Notstand

Griechenland wird die Schulden, die es in den vergangenen Jahrzehnten aufgetürmt hat niemals zurückzahlen können, die Schuldenlast ist dafür zu hoch und die Wirtschaftsleistung zu gering. Meiner Meinung nach folgen daraus drei Dinge: Die Verbindlichkeiten gegenüber privaten Gläubigern (Hedge- und Pensionsfonds zum Beispiel) müssen gekappt werden, sprich: von Hundert eingezahlten Euro kriegen sie nur noch 60 oder 70 zurück. Bestimmt beunruhigt das die Finanzmärkte, bestimmt lehrt es sie aber auch, dass es eine schlechte Idee ist, gegen Länder in Not zu spekulieren. Das Risiko von Griechenland-Investments war jedem bewusst. Manchmal treten Risiken ein – deal with it. Die Verbindlichkeiten gegenüber der öffentlichen Hand (Staaten, EU-Institutionen) sollten umstrukturiert werden, d.h. sie bestehen mit einer wesentlichen längeren Laufzeit und falls nötig auch niedrigeren Zinsen fort. So sinkt sofort die Last für den Schuldendienst und es werden Mittel für Investitionen frei. Vor astronomischen Kreditlaufzeiten von möglicherweise mehr als 100 Jahren sollte man sich dabei weder auf europäischer noch auf griechischer Seite fürchten. Vielleicht kann man sich in 10 oder 20 Jahren auf einen Teilerlass der Schulden einigen. Diesen jedoch jetzt durchzuführen würde die ohnehin arg strapazierte Geduld der übrigen Europäer überreizen und könnte außerdem andere Staaten in ähnlich heiklen haushaltspolitischen Situationen zur Nachahmung animieren.

3. Investitionsnotstand

Vom Sparen alleine wird Griechenland nicht wieder auf die Beine kommen. Wenn Sozialleistungen und Gehälter im öffentlichen Dienst sinken, die Steuern aber im Gegensatz dazu steigen, sinkt die Kaufkraft. Sinkende Kaufkraft führt zu sinkenden Gewinnen führt zu sinkenden Steuereinahmen und sinkenden Gehältern. Ein europäisches Investitionsprogramm ist nötig, das einerseits Arbeitsplätze schafft und andererseits Vorrausetzungen für die Ansiedlung von Unternehmen, bspw. durch Bereitstellung der entsprechenden Infrastruktur (Straßen, Schienen, Internet). Auf den ersten Blick wird dieses Investitionsprogramm freilich wie eine weitere Finanzspritze aussehen, weshalb sie denjenigen Bürgen, die sie mit ihren Steuergeldern bezahlen müssen schwierig zu vermitteln sein dürfte. Auf lange Sicht wird sich ein wirtschaftlich prosperierendes und politisch selbstständiges Griechenland aber für alle auszahlen.

4. Politischer Notstand

Damit der fiskale und der Investitionsnotstand aber gelindert werden können, sind stabile politische Verhältnisse nötig. Das heißt: Es braucht eine Regierung hinter der das Volk steht. Das hätten wir. Es braucht aber weiterhin handlungsfähige staatliche Institutionen wie beispielsweise Steuerbehörden, Grundbuchämter, Stadt- und Bezirksverwaltungen. Und hier hapert es schon. Niemand kann erwarten, dass ein Unternehmen eine Fabrik auf ein Grundstück baut, von dem es sich nicht sicher sein kann, dass es ihm wirklich gehört. Es müssen Reformen beschlossen werden, beispielsweise zur höheren Besteuerung von Erbschaften und größeren Vermögen (auch solchen im Ausland) und es muss sichergestellt sein, dass diese Reformen auch umgesetzt werden. Welche Maßnahmen die griechische Regierung letztlich wählt um ihre Einnahmesituation auf Vordermann zu bringen, ist selbstverständlich ihr überlassen. Dass die Geldgeber aber konkrete, tragfähige und auch umsetzbare Maßnahmen verlangen, bevor sie neues Geld zuschießen darf Ihnen nicht verübelt werden. Wenn ein Gummiboot ein Loch hat, würde man sich ja auch erst um das Flicken des Lecks kümmern, bevor man das Ding weiter aufpumpt. Wenn man nicht gut darin ist Lecks zu flicken, muss man sich Hilfe holen. Gleiches gilt, wenn Griechenland Hilfe beim Aufbau eines funktionierenden Staatsapparates braucht. Arien über Stolz und Würde und Faulheit und Terrorismus sollte man sich bitte verkneifen, sie nützen niemandem.

Es fällt mir schwer zu verstehen, warum wir plötzlich am Ende der europäischen Erzählung stehen sollten. Oder was genau ein Austritt Griechenlands aus dem Euro oder gar der EU an der oben geschilderten Lage ändern sollte. Oder worüber gestern eigentlich abgestimmt wurde. Griechenland ist in (vielfacher Hinsicht in) Not und selbstverständlich müssen seine Verbündeten helfen. Bei der Selbsthilfe.

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Bahnstreik: Von wegen Solidarität

Als Betroffener lese ich viele Artikel zum Streik der Lokführer und in den allermeisten wird zur Solidarität aufgerufen. Ich muss leider gestehen, dass ich immer noch nicht begriffen habe, was diese Solidarität sein soll.

Den Streik gut finden? Von mir aus, aber was würde mein bisschen Meinung ändern? Selbst nicht zur Arbeit gehen, bis die Forderungen der Lokführer ohne Abstriche erfüllt sind? Meine Chefin runzelt die Stirn. Oder ist mit Solidarität am Ende nur die Lust gemeint “das System” mal stolpern zu sehen und sich daran zu freuen, dass “der kleine Mann” doch noch etwas Macht hat? Ich finde das ehrlich albern. Ich finde das auch ein bisschen dumm.

Mein Leben ist nämlich so: Ich pendle zweimal die Woche mit dem Fernzug für 30 Euro pro Fahrt. Ich habe seit 10 Jahren eine Bahncard im Abo, die mich mittlerweile 250 € im Jahr kostet. Dieser ist der 9. Streik in 10 Monaten. Wenn ich bei der Bahn um anteilige Rückerstattung meiner Bahncard-Rechnung bitte, werde ich freundlich darauf hingewiesen, die Verbindungen des Notfahrplans zu nutzen. Als Fahrgast kommt mir das nicht sehr solidarisch vor. Aber weil die Bahn ja sowieso die Böse im Spiel ist, passt das ganz gut.

Mir war schon lange bewusst, dass ich billiger von A nach B kommen könnte. Aber weil ich mit dem Komfort, der Geschwindigkeit und der Pünktlichkeit der Bahn immer zufrieden war, habe ich mich nie mit den Alternativen beschäftigt. Dass musste ich nun zwangsläufig, denn mit Solidarität kann ja wohl nicht gemeint sein, während der Streiks freundlicherweise nicht mehr von A nach B müssen zu müssen.

Ich bin also Fernbus gefahren. Ich war überrascht. Selbst wenn es schlecht läuft, zahle ich dort nur 13 Euro für mein Ticket. Das ist nicht einmal die Hälfte dessen, was ich gewohnt bin. Ich habe garantiert einen Sitzplatz, ich habe funktionierendes WLAN, einen Medienserver mit Filmen und Musik an Bord und eine Auswahl an Snacks die nur ein Drittel dessen kosten, was ich in der Bahn dafür zahlen würde. Das Klo ist sauber, der Sitz ist weich, die Klimaanlage funktioniert. Ich bin eine Stunde länger unterwegs, aber das ist der einzige Nachteil. Und der ist klein, wenn man WLAN hat.

Ich weiß von vier Leuten in meinem Umfeld, die ihre Bahn- oder Abokarten gekündigt haben und jetzt Fernbus fahren, Fahrgemeinschaften bilden oder auf die Mit- und Twitfahrzentrale setzen. Keiner von denen ist unglücklich. Ich bin mir nicht sicher, wie viele von denen wieder Bahn fahren werden, wenn die Bahn wieder fährt. Ich bestimmt. Aber bestimmt nicht mehr für 30 Euro pro Ticket. Oder sollte ich aus Solidarität mit den Lokführern weiterhin das Doppelte bezahlen? Und wer ist eigentlich solidarisch mit mir?

Auch ich habe meine Bahncard gekündigt, weil die Bahn im letzten Jahr kein zuverlässiges Verkehrsmittel für mich war und ich dementsprechend kein zuverlässiger Kunde mehr sein möchte, der sich brav als Schwungmasse in einem Arbeitskampf verwursten lässt, dessen Rechnung er ohnehin zu zahlen hat. Die Bahn gehört dem Staat und der Staat finanziert sich aus Steuermitteln. Ich glaube nicht daran, dass Streiks zu Verhandlungsergebnissen führen. Ich glaube Verhandlungen führen zu Verhandlungsergebnissen.

Oft lese ich auch, dass sich diejenigen, die gegen den Streik sind doch gefälligst mal damit auseinandersetzen sollten, worum es der GDL eigentlich geht – um die Sicherung des Streikrechtes nämlich. Dieses Argument kapiere ich ehrlich gesagt noch weniger als das Solidaritätsgesäusel.

Man könnte gegen das Tarifeinheitsgesetz demonstrieren – die guten Gründe dafür, kann sogar ich einsehen. Man könnte zum Generalstreik aller Gewerkschaften aufrufen. Man könnte dagegen klagen. Aber man verhindert die Einführung des Tarifeinheitsgesetzes am 1. Juli sicher nicht dadurch, dass man bis dahin keine Züge mehr fahren lässt. Im Gegenteil: Für die Befürworter des Gesetzes könnte es keinen stärkeren Aufwind geben als den Frust Abertausender ausgesperrter Bahnreisender.

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Welt-Down-Syndrom-Tag: Von wegen ganz, ganz tolle Menschen

Wie ich bei meiner morgendlichen Presseschau gelernt habe, ist heute Welt-Down-Syndrom-Tag. Ich gestehe, noch nicht ganz begriffen zu haben, wozu genau diese Welt-Haste-Nich-Gesehen-Tage gut sein könnten, wenn nicht dazu, einen Tag (einen Tweet, einen Like, einen Augenblick) lang sehr betroffen oder wütend zu sein und sich nach dieser sehr befriedigenden Gefühlsregung wieder seinem Alltag zuzuwenden. Aufmerksamkeit ist gut und wichtig. Aber Aufmerksamkeit allein ändert gar nichts.

Anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tages sind kämpferische Plädoyers für die Inklusion betroffener Kinder in “normale” Schulklassen zu lesen, aber auch solche für die Separierung in Förderschulklassen. In Tweets ist von “wunderbaren Downies” die Rede, und von “ganz, ganz tollen Menschen”. Facebook gefällt das. Mir jagt das Schauer über den Rücken.
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Nolegida: “Keine Gewalt!” muss auch für Polizisten gelten

Der Fotograf Sebastian Willnow nahm bei der gestrigen Nolegida-Demo ein Foto auf, das zwei meiner Freunde und mich Auge in Auge mit einigen Polizisten zeigt. Das Foto erschien u.a. auf den Internetseiten der Mitteldeutschen Zeitung, der Frankfurter Neuen Presse, beim neuen deutschland und beim MDR. Dort mit einer etwas missverständlichen Bildunterschrift. Es waren nicht die Demonstranten, von denen hier Gewalt ausging.

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Wir standen in einer Gruppe von etwa 400 Personen an der Mündung der Grimmaischen Straße zum Augustusplatz. Es ist richtig, dass in dieser Gruppe zwei Antifa-Fahnen geschwungen wurden, die auf Polizisten möglicherweise wie die sprichwörtlichen roten Tücher auf Stiere wirken. Es ist weiterhin richtig, dass immer wieder laute Sprechchöre unter den Demonstranten aufkamen, darunter “Nazis raus!”, “Say it loud, say it clear: Refugees are welcome here!” und auch das zugegeben wie aggressives Hundegebell klingende “Haut ab!”. Wahr ist allerdings ebenso, dass eine fabelhafte Kapelle – die Brassbanditen – Hava nagila spielte und die Leute dazu tanzten. Ich empfand die Stimmung “normal” für eine Demo, aber vielleicht lasse ich meine persönlichen Empfindungen mal noch ein paar Zeilen beiseite.

Fakt ist: Die Demonstranten dort waren absolut friedlich. Ich weiß das sicher, denn ich stand in der ersten Reihe. Das Foto beweist es (Bommelmütze). Die Polizisten allerdings drängten mehrfach völlig unvermittelt und ohne jegliche Rücksicht in die Menge um eine Gasse zu bilden, durch die einzelne Legida-Demonstranten zu ihrer Demo gehen konnten. Es gab keine Lautsprecher-Durchsagen, keine Megafone, nicht einmal Rufe. Es gab keinerlei Kommunikation der Polizisten mit den Demonstranten, jedenfalls keine verbale. Blitzschnell und ohne ein nach außen wahrnehmbares Startsignal wurden Demonstranten an den Schultern gepackt und nach hinten geschuppt. Demonstranten wurden zur Seite gestoßen und von ihren Standorten gedrängt. Auch vor den  Musikern und ihren Instrumenten wurde kein Halt gemacht. Ein Mann setzte sich zur Wehr und wurde mit der Hand geschlagen. Zwei Männer wurden – weil sie im Weg standen – so heftig von Polizisten gestoßen, dass sie zu Boden gingen. Einer der Männer stieß mit dem Kopf aufs Pflaster und war eine Sekunde lang benommen. Der Tross Polizisten kletterte über ihn hinweg ohne ihm zu helfen oder ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, dabei hätte er ernsthaft verletzt sein können. Gemeinsam mit einem anderen Demonstranten zog ich den Mann aus der Lauflinie der Polizei und richtete ihn wieder auf. Wenn ich die Polizisten zwischen den einzelnen Ausbrüchen (es waren insgesamt vier) ansprach, bekam ich keine Antwort. Auch auf “Keine Gewalt!”-Rufe erfolgte keine spürbare Reaktion. Ich habe gesehen, dass Sebastian Willnow auch diese Szenen fotografiert hat. Merkwürdigerweise tauchen diese Bilder nirgendwo auf.

Ich habe heute auch mit Menschen gesprochen, die die Polizei an anderen Orten der Stadt als sehr besonnen, ruhig und freundlich wahrgenomen haben. Ich kann das allerdings für den Teil der Demonstration auf dem ich war überhaupt nicht bestätigen. Die einzigen, von denen dort Gewalt ausging waren Polizisten.

Und das geht nicht. Mir leuchtet ein, dass Polizisten auch nur Menschen sind und dass sie angespannt waren und dass sie doch schon so lange Dienst schieben mussten und von sonstwoher kamen und dass sie viel lieber zuhause bei ihren Familien gewesen wären. Aber ich verstehe nicht, welchen Unterschied das machen sollte.

Ich erwarte, das Polizisten auch und gerade in solchen Momenten ihren Job machen: Bürger schützen. Und ich darf das erwarten, denn ich bezahle sie dafür. Ich erwarte Professionalität, ich erwarte Besonnenheit und ich erwarte, dass man Demonstranten nicht wie einen dämlichen Mob behandelt. Wir haben Ohren und Gehirne, man kann mit uns sprechen. Wenn man uns gebeten hätte, eine Gasse zu bilden, hätten wir eine verdammte Gasse gebildet. Ein Legida-Demonstrant ist bei den Handgemengen auf die Nolegida-Seite geraten. Dem wurde kein einziges Haar gekrümmt, der hat sich von ganz allein in Grund und Boden geschämt.

Die Agression der Polizei war völlig unangemessen – zumindest hier. Erst dadurch kam eine hitzige Stimmung auf, die zu Kippen droht. Es ist kein Wunder, wenn einige Leute am nächsten Mittwoch lieber zu hause bleiben, denn man kann nicht leugnen: Es war gefährlich. In der Grimmaischen Straße allerdings nicht wegen gewaltbereiter Demonstranten.

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Warum ich befürchte, dass am 21.01. weniger Menschen gegen Legida demonstrieren

Auch wenn der Hintergrund sehr ernst ist, kommt es mir manchmal wie ein Spiel vor: Neonazis und Gefolgschaft melden Demonstrationen für reinrassigere Deutschtümelei an und Tausende Leipziger machen es sich zur Aufgabe, ihre braunen Aufmärsche gar nicht erst vom Fleck kommen zu lassen. Das ist zwar erfreulich, bedeutet aber leider nicht, dass man sich als Schwarze/r in Leipzig wohlfühlen kann, wie u.a. bei Ali Himpenmacher nachzulesen ist. Wir Leipziger achten lediglich sehr auf unsere Außenwirkung. Ein Pegida-PR-Desaster wie es Dresden gerade erlebt, würden wir uns niemals erlauben. Stadt der Wende, Leipziger Freiheit und so.

Deshalb war es zwar beachtlich aber für mich nicht überraschend, dass letzten Montag 35.000 Menschen für die Vielfalt und gegen die irrationalen Ängste der Legida-Anhänger auf die Straße gegangen sind. Ich befürchte allerdings, dass es am kommenden Mittwoch, wenn Legida in die zweite Runde geht, deutlich weniger Menschen sein könnten. Grund ist die schlechte Ordnung der Demonstrationszüge durch die Polizei. Leipzig nimmt Platz ist wichtig und richtig. Meine körperliche Unversehrtheit ist mir allerdings wichtiger.

Meine Freunde und ich sind letzten Montag in der Demo mitgelaufen, die sich vom Nikolaikirchhof über den Ring, die Karl-Tauchnitz-Staße und schließlich die Friedrich-Ebert-Straße zum Waldplatz bewegte. Ich kann nicht sagen, wie viele Menschen diese Route wählten, weiß aber, dass die Friedrich-Ebert-Straße zu Spitzenzeiten über drei Viertel ihrer Länge mit Gegendemonstranten gefüllt war. Das klingt toll, das sah auch toll aus, das fühlte sich nur leider nicht so toll an. Besonders für jene nicht, die sich am Kopf dieses Demonstrationszuges befanden. Der nämlich endete abrupt als er auf den ohnehin schon völlig überfüllten Walplatz traf. Dort ging nichts mehr. Kein Schritt vor, kein Schritt zurück.

Die Menschen auf der Friedrich-Ebert-Straße drängten auf den Waldplatz und niemand sagte ihnen, dass sie da nicht mehr hin passen würden. So erhöhte sich der Druck auf jene, die sich schon auf dem Waldplatz befanden. Das alles kann passieren, wenn ungefähr dreimal so viele Menschen zu einer Demonstration kommen, wie erwartet. Dann aber muss durch die Polizei flexibel reagiert werden. Das Schaffen von Fluchtwegen ist kein Hexenwerk.

Als den ersten Gegendemonstranten kalt wurde, sie pinkeln mussten oder sich in der Enge einfach so unwohl fühtlen, dass sie die Demonstration gern verlassen wollten, stellte sich nämlich heraus, dass dies nicht möglich war. Sowohl der Zugang zur Wilmar-Schwabe-Straße (Westen) als auch der Zugang zur Jahnallee (Osten) war durch Polizeiwagen uns Zäune versperrt, so dass ein Abfluss der Demonstranten nicht möglich war. Lediglich Anwohner, die ihre Anwohnerschaft durch ihre Personalausweise beweisen konnten und Personen, die gesundheitliche Probleme glaubhaft machten, durften den Demonstrationszug nach intensiver Einzelkontrolle durch Polizeikräfte verlassen. Den übrigen eingekeilten Menschen wurde durch die Ordnungskräfte empfohlen, “die Demonstration auf dem gleichen Weg zu verlassen, den sie gekommen waren.” Allen Ernstes.

Mach das mal. Kämpfe dich mal durch drei bis vierhundert Meter in Gegenrichtung drängende Demonstranten, an das Ende einer Demonstration. Man muss weder Klaustrophobiker noch Soziopath sein, um das sehr unangenehm zu finden. Wir haben dafür fast 30 Minuten gebraucht und sind mindestens zwei Dutzend Menschen auf die Füße getreten.

Die Stimmung am Kopf der Friedrich-Ebert-Straße war entsprechend angespannt. Das Gedränge und Geschubse hat die Menschen gestresst und meinem Empfinden nach hätte ein Böller oder ein geworfener Pflasterstein gereicht, um die Demonstranten – verständlicherweise – in Panik zu versetzen. In einer von der Polizei künstlich geschaffenen Sackgasse hätte das leicht in einer Katastrophe enden können. Zumal es gezündete Böller gab. Und fliegende Pflastersteine. Und brennende Autos. Nur eben glücklicherweise etwas später, als außer uns schon einige Tausend andere Demonstranten nach Hause gegangen waren.

Viele mit denen ich spreche, haben das ähnlich brenzlig empfunden. Viele sind sich, auch angesichts des hirnlosen linksextremen Randale-Intermezzos vom Donnerstag, unsicher, ob sie am 21.01. selbst wieder Gesicht zeigen. Zumal es ja inzwischen auch eine Online-Petition gegen Legida gibt, durch die sich viel gemütlicher demonstrieren lässt.

Ich werde da sein. Und meine Freunde auch. Wenn auch sicher nicht mehr in der ersten Reihe. Legida darf nicht laufen.

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Weshalb die Verbrechen um Charlie Hebdo sehr wohl mit dem Islam zu tun haben

Die Verbrechen um Charlie Hebdo haben mit dem Islam nichts zu tun. Imame sagen das, Thomas de Maizière sagt das, sogar Francois Hollande sagt das. Trotzdem ist das leider Unsinn.

Doch, ich kenne den Unterschied zwischen Islam und Islamismus; zwischen Religion, Fundamentalismus und Fanatismus. Ich habe im Koran gelesen wie in der Bibel und ich könnte nicht sagen, welches der beiden Bücher brutaler oder radikaler ist; von Liebe handelt meinem Leseverständnis zufolge jedenfalls keines von beiden. Ich weiß auch, dass es “den Islam” nicht gibt, weil sich Muslime viel dezentraler organisieren als beispielsweise Katholiken. Und mir ist ebenso klar, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime in Frieden leben will.

Fakt ist aber, dass sich die Attentäter von Paris ebenso wie andere vor ihnen, ebenso wie die Monster des IS auf der anderen Seite der Welt, auf genau diesen Islam und die ihm zu Grunde liegende Schrift berufen. “Allah ist groß” wurde gerufen, nach dem die Journalisten James Foley und Steven Sotloff vor laufender Kamera enthauptet wurden. “Allah ist groß” schallte es auch am Mittwoch durch die Straßen von Paris, nach dem Mörder die Redakteure von Charlie Hebdo und anschließend einen am Boden liegenden Polizisten durch Schüsse in den Kopf getötet hatten. Weiterlesen

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Warum die Entscheidung für einen Organspende-Ausweis immer religiös ist

Letzten Freitag – vor mir kniete ein kräftiger Mann auf dem Boden und versuchte mit klappernden Stößen eine Puppe wieder zu beleben, neben mir bettelte ein Kollege um meine Unterstützung bei einem Handy-Quizduell – tätigte ich schwungvoll eine Unterschrift, vor der ich mich jahrelang gedrückt hatte. Die unter meinem Organspende-Ausweis.

Ich bin erleichtert, dass das zermürbende Hin & Her in mir ein Ende hat. Weiterlesen

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Stolz darauf, schwul zu sein?

Jedes Mal, wenn sich eine öffentliche Person als homosexuell outet, bin ich irritiert. Plötzlich steht da  eine Schauspielerin, ein Fußballer, ein Apple CEO und erzählt, in welche Sorte Mensch sie oder er sich verliebt und wie großartig das sei. Eben ging es noch um Filme, Sport oder Telefone — eigentlich immer ums Geschäft — und auf einmal steht da ein Mensch und spricht, meistens sehr ergriffen, über Liebe die im Allgemeinen und seine intimsten Gefühle im ganz Speziellen.

Immer dauert es ein paar Minuten, bevor mir einfällt, was für verdammtes Glück ich habe. Wäre ich ein paar Hundert Kilometer östlich geboren, in Polen oder Russland zum Beispiel oder ein paar Hundert Kilometer südlich, vielleicht in der oberbayrischen Provinz, käme es mir auch besonders vor, schwul zu sein. Und zwar nicht besonders schön. Würde ich von diesen Standpunkten aus auf die Welt blicken, wäre ich sicher auch dankbar für jedes Idol, das mit viel Tamtam “Ich auch!” ruft.

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Social Schwadroneezing

Apple, Facebook und andere amerikanische IT-Konzerne bieten Teilen ihrer weiblichen Belegschaft an, sich an den Kosten für die Entnahme und das Einfrieren von Eizellen zu beteiligen bzw. diese ganz zu übernehmen. Frauen, die sich dafür entscheiden, können sich in den nächsten Jahren ganz auf ihrer Karriere konzentrieren und haben auf der vielfach strapazierten biologischen Uhr gleichsam den Schlummerknopf gedrückt.

Ob man das moralisch richtig oder moralisch falsch oder überhaupt irgendwie moralisch finden muss, wurde in den letzten Wochen in allen Stimmlagen diskutiert, in der populistischsten aller denkbaren gestern Abend bei Günther Jauch. Ich möchte mich eigentlich nur kurz über den Begriff ärgern: Social Freezing. Weiterlesen

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Lese-Empfehlung: Tschick

@borednoww fragt nach meinem aktuellen Lieblingsbuch und gibt mir damit endlich einen Grund, doch noch eine persönliche Empfehlung für einen Roman auszusprechen, der bei seinem Erscheinen vor zwei Jahren schon überall empfohlen wurde: Wolfgang Herrndorfs “Tschick”.

Das Setting ist auf den ersten Blick wenig ansprechend für Menschen jenseits der Pubertät: Zwei Achtklässler knacken in den Sommerferien ein Auto und kurven damit orientierungslos durch Brandenburg. Dabei erleben sie allerlei Abenteuer, treffen auf schrulligste Figuren, werden dicke Freunde usw. usf.  Weiterlesen

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