Nolegida: “Keine Gewalt!” muss auch für Polizisten gelten

Der Fotograf Sebastian Willnow nahm bei der gestrigen Nolegida-Demo ein Foto auf, das zwei meiner Freunde und mich Auge in Auge mit einigen Polizisten zeigt. Das Foto erschien u.a. auf den Internetseiten der Mitteldeutschen Zeitung, der Frankfurter Neuen Presse, beim neuen deutschland und beim MDR. Dort mit einer etwas missverständlichen Bildunterschrift. Es waren nicht die Demonstranten, von denen hier Gewalt ausging.

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Wir standen in einer Gruppe von etwa 400 Personen an der Mündung der Grimmaischen Straße zum Augustusplatz. Es ist richtig, dass in dieser Gruppe zwei Antifa-Fahnen geschwungen wurden, die auf Polizisten möglicherweise wie die sprichwörtlichen roten Tücher auf Stiere wirken. Es ist weiterhin richtig, dass immer wieder laute Sprechchöre unter den Demonstranten aufkamen, darunter “Nazis raus!”, “Say it loud, say it clear: Refugees are welcome here!” und auch das zugegeben wie aggressives Hundegebell klingende “Haut ab!”. Wahr ist allerdings ebenso, dass eine fabelhafte Kapelle – die Brassbanditen – Hava nagila spielte und die Leute dazu tanzten. Ich empfand die Stimmung “normal” für eine Demo, aber vielleicht lasse ich meine persönlichen Empfindungen mal noch ein paar Zeilen beiseite.

Fakt ist: Die Demonstranten dort waren absolut friedlich. Ich weiß das sicher, denn ich stand in der ersten Reihe. Das Foto beweist es (Bommelmütze). Die Polizisten allerdings drängten mehrfach völlig unvermittelt und ohne jegliche Rücksicht in die Menge um eine Gasse zu bilden, durch die einzelne Legida-Demonstranten zu ihrer Demo gehen konnten. Es gab keine Lautsprecher-Durchsagen, keine Megafone, nicht einmal Rufe. Es gab keinerlei Kommunikation der Polizisten mit den Demonstranten, jedenfalls keine verbale. Blitzschnell und ohne ein nach außen wahrnehmbares Startsignal wurden Demonstranten an den Schultern gepackt und nach hinten geschuppt. Demonstranten wurden zur Seite gestoßen und von ihren Standorten gedrängt. Auch vor den  Musikern und ihren Instrumenten wurde kein Halt gemacht. Ein Mann setzte sich zur Wehr und wurde mit der Hand geschlagen. Zwei Männer wurden – weil sie im Weg standen – so heftig von Polizisten gestoßen, dass sie zu Boden gingen. Einer der Männer stieß mit dem Kopf aufs Pflaster und war eine Sekunde lang benommen. Der Tross Polizisten kletterte über ihn hinweg ohne ihm zu helfen oder ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, dabei hätte er ernsthaft verletzt sein können. Gemeinsam mit einem anderen Demonstranten zog ich den Mann aus der Lauflinie der Polizei und richtete ihn wieder auf. Wenn ich die Polizisten zwischen den einzelnen Ausbrüchen (es waren insgesamt vier) ansprach, bekam ich keine Antwort. Auch auf “Keine Gewalt!”-Rufe erfolgte keine spürbare Reaktion. Ich habe gesehen, dass Sebastian Willnow auch diese Szenen fotografiert hat. Merkwürdigerweise tauchen diese Bilder nirgendwo auf.

Ich habe heute auch mit Menschen gesprochen, die die Polizei an anderen Orten der Stadt als sehr besonnen, ruhig und freundlich wahrgenomen haben. Ich kann das allerdings für den Teil der Demonstration auf dem ich war überhaupt nicht bestätigen. Die einzigen, von denen dort Gewalt ausging waren Polizisten.

Und das geht nicht. Mir leuchtet ein, dass Polizisten auch nur Menschen sind und dass sie angespannt waren und dass sie doch schon so lange Dienst schieben mussten und von sonstwoher kamen und dass sie viel lieber zuhause bei ihren Familien gewesen wären. Aber ich verstehe nicht, welchen Unterschied das machen sollte.

Ich erwarte, das Polizisten auch und gerade in solchen Momenten ihren Job machen: Bürger schützen. Und ich darf das erwarten, denn ich bezahle sie dafür. Ich erwarte Professionalität, ich erwarte Besonnenheit und ich erwarte, dass man Demonstranten nicht wie einen dämlichen Mob behandelt. Wir haben Ohren und Gehirne, man kann mit uns sprechen. Wenn man uns gebeten hätte, eine Gasse zu bilden, hätten wir eine verdammte Gasse gebildet. Ein Legida-Demonstrant ist bei den Handgemengen auf die Nolegida-Seite geraten. Dem wurde kein einziges Haar gekrümmt, der hat sich von ganz allein in Grund und Boden geschämt.

Die Agression der Polizei war völlig unangemessen – zumindest hier. Erst dadurch kam eine hitzige Stimmung auf, die zu Kippen droht. Es ist kein Wunder, wenn einige Leute am nächsten Mittwoch lieber zu hause bleiben, denn man kann nicht leugnen: Es war gefährlich. In der Grimmaischen Straße allerdings nicht wegen gewaltbereiter Demonstranten.

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Warum ich befürchte, dass am 21.01. weniger Menschen gegen Legida demonstrieren

Auch wenn der Hintergrund sehr ernst ist, kommt es mir manchmal wie ein Spiel vor: Neonazis und Gefolgschaft melden Demonstrationen für reinrassigere Deutschtümelei an und Tausende Leipziger machen es sich zur Aufgabe, ihre braunen Aufmärsche gar nicht erst vom Fleck kommen zu lassen. Das ist zwar erfreulich, bedeutet aber leider nicht, dass man sich als Schwarze/r in Leipzig wohlfühlen kann, wie u.a. bei Ali Himpenmacher nachzulesen ist. Wir Leipziger achten lediglich sehr auf unsere Außenwirkung. Ein Pegida-PR-Desaster wie es Dresden gerade erlebt, würden wir uns niemals erlauben. Stadt der Wende, Leipziger Freiheit und so.

Deshalb war es zwar beachtlich aber für mich nicht überraschend, dass letzten Montag 35.000 Menschen für die Vielfalt und gegen die irrationalen Ängste der Legida-Anhänger auf die Straße gegangen sind. Ich befürchte allerdings, dass es am kommenden Mittwoch, wenn Legida in die zweite Runde geht, deutlich weniger Menschen sein könnten. Grund ist die schlechte Ordnung der Demonstrationszüge durch die Polizei. Leipzig nimmt Platz ist wichtig und richtig. Meine körperliche Unversehrtheit ist mir allerdings wichtiger.

Meine Freunde und ich sind letzten Montag in der Demo mitgelaufen, die sich vom Nikolaikirchhof über den Ring, die Karl-Tauchnitz-Staße und schließlich die Friedrich-Ebert-Straße zum Waldplatz bewegte. Ich kann nicht sagen, wie viele Menschen diese Route wählten, weiß aber, dass die Friedrich-Ebert-Straße zu Spitzenzeiten über drei Viertel ihrer Länge mit Gegendemonstranten gefüllt war. Das klingt toll, das sah auch toll aus, das fühlte sich nur leider nicht so toll an. Besonders für jene nicht, die sich am Kopf dieses Demonstrationszuges befanden. Der nämlich endete abrupt als er auf den ohnehin schon völlig überfüllten Walplatz traf. Dort ging nichts mehr. Kein Schritt vor, kein Schritt zurück.

Die Menschen auf der Friedrich-Ebert-Straße drängten auf den Waldplatz und niemand sagte ihnen, dass sie da nicht mehr hin passen würden. So erhöhte sich der Druck auf jene, die sich schon auf dem Waldplatz befanden. Das alles kann passieren, wenn ungefähr dreimal so viele Menschen zu einer Demonstration kommen, wie erwartet. Dann aber muss durch die Polizei flexibel reagiert werden. Das Schaffen von Fluchtwegen ist kein Hexenwerk.

Als den ersten Gegendemonstranten kalt wurde, sie pinkeln mussten oder sich in der Enge einfach so unwohl fühtlen, dass sie die Demonstration gern verlassen wollten, stellte sich nämlich heraus, dass dies nicht möglich war. Sowohl der Zugang zur Wilmar-Schwabe-Straße (Westen) als auch der Zugang zur Jahnallee (Osten) war durch Polizeiwagen uns Zäune versperrt, so dass ein Abfluss der Demonstranten nicht möglich war. Lediglich Anwohner, die ihre Anwohnerschaft durch ihre Personalausweise beweisen konnten und Personen, die gesundheitliche Probleme glaubhaft machten, durften den Demonstrationszug nach intensiver Einzelkontrolle durch Polizeikräfte verlassen. Den übrigen eingekeilten Menschen wurde durch die Ordnungskräfte empfohlen, “die Demonstration auf dem gleichen Weg zu verlassen, den sie gekommen waren.” Allen Ernstes.

Mach das mal. Kämpfe dich mal durch drei bis vierhundert Meter in Gegenrichtung drängende Demonstranten, an das Ende einer Demonstration. Man muss weder Klaustrophobiker noch Soziopath sein, um das sehr unangenehm zu finden. Wir haben dafür fast 30 Minuten gebraucht und sind mindestens zwei Dutzend Menschen auf die Füße getreten.

Die Stimmung am Kopf der Friedrich-Ebert-Straße war entsprechend angespannt. Das Gedränge und Geschubse hat die Menschen gestresst und meinem Empfinden nach hätte ein Böller oder ein geworfener Pflasterstein gereicht, um die Demonstranten – verständlicherweise – in Panik zu versetzen. In einer von der Polizei künstlich geschaffenen Sackgasse hätte das leicht in einer Katastrophe enden können. Zumal es gezündete Böller gab. Und fliegende Pflastersteine. Und brennende Autos. Nur eben glücklicherweise etwas später, als außer uns schon einige Tausend andere Demonstranten nach Hause gegangen waren.

Viele mit denen ich spreche, haben das ähnlich brenzlig empfunden. Viele sind sich, auch angesichts des hirnlosen linksextremen Randale-Intermezzos vom Donnerstag, unsicher, ob sie am 21.01. selbst wieder Gesicht zeigen. Zumal es ja inzwischen auch eine Online-Petition gegen Legida gibt, durch die sich viel gemütlicher demonstrieren lässt.

Ich werde da sein. Und meine Freunde auch. Wenn auch sicher nicht mehr in der ersten Reihe. Legida darf nicht laufen.

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Weshalb die Verbrechen um Charlie Hebdo sehr wohl mit dem Islam zu tun haben

Die Verbrechen um Charlie Hebdo haben mit dem Islam nichts zu tun. Imame sagen das, Thomas de Maizière sagt das, sogar Francois Hollande sagt das. Trotzdem ist das leider Unsinn.

Doch, ich kenne den Unterschied zwischen Islam und Islamismus; zwischen Religion, Fundamentalismus und Fanatismus. Ich habe im Koran gelesen wie in der Bibel und ich könnte nicht sagen, welches der beiden Bücher brutaler oder radikaler ist; von Liebe handelt meinem Leseverständnis zufolge jedenfalls keines von beiden. Ich weiß auch, dass es “den Islam” nicht gibt, weil sich Muslime viel dezentraler organisieren als beispielsweise Katholiken. Und mir ist ebenso klar, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime in Frieden leben will.

Fakt ist aber, dass sich die Attentäter von Paris ebenso wie andere vor ihnen, ebenso wie die Monster des IS auf der anderen Seite der Welt, auf genau diesen Islam und die ihm zu Grunde liegende Schrift berufen. “Allah ist groß” wurde gerufen, nach dem die Journalisten James Foley und Steven Sotloff vor laufender Kamera enthauptet wurden. “Allah ist groß” schallte es auch am Mittwoch durch die Straßen von Paris, nach dem Mörder die Redakteure von Charlie Hebdo und anschließend einen am Boden liegenden Polizisten durch Schüsse in den Kopf getötet hatten. Weiterlesen

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Warum die Entscheidung für einen Organspende-Ausweis immer religiös ist

Letzten Freitag – vor mir kniete ein kräftiger Mann auf dem Boden und versuchte mit klappernden Stößen eine Puppe wieder zu beleben, neben mir bettelte ein Kollege um meine Unterstützung bei einem Handy-Quizduell – tätigte ich schwungvoll eine Unterschrift, vor der ich mich jahrelang gedrückt hatte. Die unter meinem Organspende-Ausweis.

Ich bin erleichtert, dass das zermürbende Hin & Her in mir ein Ende hat. Weiterlesen

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Stolz darauf, schwul zu sein?

Jedes Mal, wenn sich eine öffentliche Person als homosexuell outet, bin ich irritiert. Plötzlich steht da  eine Schauspielerin, ein Fußballer, ein Apple CEO und erzählt, in welche Sorte Mensch sie oder er sich verliebt und wie großartig das sei. Eben ging es noch um Filme, Sport oder Telefone — eigentlich immer ums Geschäft — und auf einmal steht da ein Mensch und spricht, meistens sehr ergriffen, über Liebe die im Allgemeinen und seine intimsten Gefühle im ganz Speziellen.

Immer dauert es ein paar Minuten, bevor mir einfällt, was für verdammtes Glück ich habe. Wäre ich ein paar Hundert Kilometer östlich geboren, in Polen oder Russland zum Beispiel oder ein paar Hundert Kilometer südlich, vielleicht in der oberbayrischen Provinz, käme es mir auch besonders vor, schwul zu sein. Und zwar nicht besonders schön. Würde ich von diesen Standpunkten aus auf die Welt blicken, wäre ich sicher auch dankbar für jedes Idol, das mit viel Tamtam “Ich auch!” ruft.

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Social Schwadroneezing

Apple, Facebook und andere amerikanische IT-Konzerne bieten Teilen ihrer weiblichen Belegschaft an, sich an den Kosten für die Entnahme und das Einfrieren von Eizellen zu beteiligen bzw. diese ganz zu übernehmen. Frauen, die sich dafür entscheiden, können sich in den nächsten Jahren ganz auf ihrer Karriere konzentrieren und haben auf der vielfach strapazierten biologischen Uhr gleichsam den Schlummerknopf gedrückt.

Ob man das moralisch richtig oder moralisch falsch oder überhaupt irgendwie moralisch finden muss, wurde in den letzten Wochen in allen Stimmlagen diskutiert, in der populistischsten aller denkbaren gestern Abend bei Günther Jauch. Ich möchte mich eigentlich nur kurz über den Begriff ärgern: Social Freezing. Weiterlesen

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Lese-Empfehlung: Tschick

@borednoww fragt nach meinem aktuellen Lieblingsbuch und gibt mir damit endlich einen Grund, doch noch eine persönliche Empfehlung für einen Roman auszusprechen, der bei seinem Erscheinen vor zwei Jahren schon überall empfohlen wurde: Wolfgang Herrndorfs “Tschick”.

Das Setting ist auf den ersten Blick wenig ansprechend für Menschen jenseits der Pubertät: Zwei Achtklässler knacken in den Sommerferien ein Auto und kurven damit orientierungslos durch Brandenburg. Dabei erleben sie allerlei Abenteuer, treffen auf schrulligste Figuren, werden dicke Freunde usw. usf.  Weiterlesen

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Ice Bucket Challenge: Warum ich weder kreische noch spende

Ich sehe es ein, es war eine naive Hoffnung, dass ich von einer Nominierung zur Ice Bucket Challenge verschont bleiben könnte. Statt jedoch ein Video zu produzieren, in dem ich mir krietschend einen Eimer Eiswasser über den Schädel kippe, schreibe ich diesen Text. Ich bin ein Spielverderber.

Ich möchte geradeheraus schreiben dürfen, dass ich die Ice Bucket Challenge kacke finde. Ich will schreiben dürfen, dass ich sie für die perfideste Kreuzung des nicht tot zu kriegenden esoterischen Prinzips Kettenbrief mit allem halte, was man an sozialen Netzwerken hassen kann. Als da wären Selbstdarstellerei, Möchtegern-Coolness und die Dämlichkeit des Schwarms, der in seiner Verzweiflung keine Chance auslassen darf, ein Fitzelchen Aufregung in sein langweiliges Leben zu bringen. Allerdings geht es bei der Ice Bucket Challenge um einen guten Zweck. Und deshalb darf man das natürlich nicht schreiben. Man darf das nicht einmal denken. Schließlich hilft die Challenge den Patienten die an ALS erkrankt sind, ihren Familien und denjenigen, die nach einer Heilung für die Krankheit suchen. Welche Krankheit?

Wofür steht ALS eigentlich? Okay, ist ja egal, aber: Was ist ALS? Also: Was richtet die Krankheit im Körper an? Wie viele erkranken daran? Was hat die Forschung in den letzten, sagen wir mal, 30 Jahren zu einer Heilung beitragen können? Wieviel Geld hat die Challenge inzwischen zusammengetrommelt? Steht die Forschung vor einem Durchbruch? Keine Ahnung.

Und darum geht es auch irgendwie nicht mehr. Von den jeweils 10 Ice-Bucket-Videos, die ich mir auf YouTube und Facebook heute reingezogen habe, ist in genau zweien davon die Rede, an welche Organisation überhaupt gespendet wurde. In sieben von 20 Videos wird der gute Zweck immerhin erwähnt, in vieren davon allerdings tatsächlich nur als „guter Zweck“. Die restlichen 13 beinhalten auf der Tonspur nur ein mir obskur gebliebenes „Danke für die Nominierung“, danach fürchterliches Gegacker und zum Abschluss drei Namen. Um ALS geht es da kein bisschen. Es geht nicht darum, ein Bewusstsein für irgendwas zu schaffen, Mitgefühl auszudrücken oder andere dafür zu motivieren, Gutes zu tun. Es geht ums Crazysein. Und weil das Crazysein in einen feinen guten Zweck gewickelt ist, darf man nicht darauf spucken. Deshalb erlauben sich auch Promis (Fischers Helene, Pochers Olli und Özdemirs Cem, um nur ein paar der hiesigen Sternchen zu benennen) crazy zu sein. Ich spucke trotzdem darauf. Den einen geht es ums Image und den anderen irgendwie auch, wenn auch auf einer anderen Ebene.

Ich werde nicht für die ALS-Association spenden, weil die unterschiedlichen Quellen zufolge inzwischen mehr als 100 Millionen Dollar mit der Kampagne eingenommen hat und ich finde, dass man in der Erforschung einer einzelnen Krankheit mit diesem Betrag einige Jahre hinkommen sollte. Ich spende jeden Monat einen festen Prozentsatz meines Gehalts. Ich habe mir gut überlegt, wofür ich spende. Ich spende, weil ich es ungerecht finde, dass ich so reich bin, wie andere niemals werden könnten. Und ich spende weil ich dazu beitragen möchte das Verhältnis dieser Gesellschaft gegenüber Tieren zu verändern. Ich tue dies nicht für den Applaus sondern zur Beruhigung meines Gewissens. Und weil es funktioniert, werde ich es weiterhin so handhaben.

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Vergänglichkeit per Design am Beispiel des SICHER Messengers

Die Stuttgarter Shape.AG, die in Wirklichkeit eine GmbH ist, hat neben dem von ihr herausgegeben IM+ einen neuen Instant Messenger für Mobiltelefone veröffentlicht. Er heißt SICHER und soll genau das sein. Nachrichten werden verschlüsselt übertragen und laufen ausschließlich über deutsche Server, auf denen sie nicht gespeichert werden. Der Messenger ist hübsch, schnell, gratis und steht von Beginn an für Android, iOS und Windows Phone zur Verfügung. Auskenner finden die verwendeten Schlüssel zu kurz und warnen generell davor Apps zu vertrauen, deren Quellcode nicht offen liegt. Weiterlesen

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Twitter & ich sind 5 Jahre zusammen. Eine Liebeserklärung.

Ich war erschrocken, als ich den Betreff dieser Mail las: „Happy Twitterversary! Du bist soeben 5 geworden.“ Kann das sein? Ich bin 5 Jahre auf Twitter? Warum nur?

Ich habe mir meine Statistik angesehen und bin schockiert: Ich habe 14.100 Tweets geschrieben. Das sind 8 am Tag. Es belegt, dass Twitter keine Laune ist, sondern ein Bestandteil meines Lebens. Okay, ein Tweet pro Tag wird automatisch gesendet als Reklame für meinen täglichen Blog. Mindestens ein Tweet am Tag dient dazu einen eigenen oder fremden Artikel weiterzuempfehlen. Ein weiterer zum weiterplappern eines fremden Tweets. Die anderen 5 schreibe ich offensichtlich selbst. Aber worüber?

Ich twittere über den Tatort, die Lindenstraße und den Eurovision Song Contest. Ich twittere Fotos von Bäumen und Songs die ich mag. Vor allen Dingen aber twittere ich sehr persönliche Dinge. Meist als Witz verpackt, meist anekdotenhaft verallgemeinert, aber trotz allem: Sehr persönlich. Vieles davon banal, wie mein Leiden unter dem Schlagerfaible meines Mannes, das Selbstverständnis meiner Hündin als Flirtinkubator oder die Momente, in denen ich Anlass zu der Befürchtung habe, mein Arbeitgeber versetze die Raumluft mit psychogenen Substanzen.

Aber ich twittere auch manches, das für mich von großer Bedeutung ist. Ich beackere meine legendäre Zahnarztangst, berichte von meinem ersten Besuch beim Urologen, von schmerzhaftem Verrat, vom Zerbrechen einer Freundschaft, von ernster Krankheit, Selbstzweifeln, Sorgen, Sehnsucht. Warum auf Twitter? Auch nach 5 Jahren habe ich das noch nicht ganz verstanden. Hier ist, was ich bisher weiß:

Twitter ist öffentlich. Ich twittere unter Klarnamen. Meine Tweets sind nicht geschützt. Jeder, der will, kann meine Tweets lesen und weitreichende Einblicke in mein Leben erhalten. Obwohl ich durchaus an meiner Privatsphäre hänge, kümmert mich das nicht. Ich will die Wahrheit nicht verklären: Das ist ziemlich dumm.

Oh doch, ich glaube sehr wohl, dass man aus 14.000 Tweets einer Person ziemlich präzise Rückschlüsse auf deren Ängste, Vorlieben und Lebensumstände schließen kann. Wenn man sich die Mühe macht. Nur: Wer sollte sich die Mühe machen? Ist mein Leben interessanter als irgendein anderes? Könnte man mir einen Strick daraus drehen, zu wissen, dass mich 90er-Jahre Eurodance sentimental macht, weil ich meine Pubertät idealisiere? Macht mich das erpressbar? Man könnte in meine Wohnung einbrechen, während ich lustige Urlaubsfotos twittere, das stimmt. Aber was ich wirklich liebe, hat entweder ein Herz in der Brust oder ist auf Datenträgern gespeichert und zwar immer auch außerhalb meiner Wohnung.

Für mich ist Twitter zum Impulsventil geworden. Mir passiert etwas Lustiges – ich twittere. Ich werde beleidigt – ich twittere. Ich rege mich auf, ich staune, ich bin berührt – ich twittere. Nein, ich bin nicht sozial degeneriert oder vereinsamt. Ich erzähle all das wie Generationen vor mir auch beim Abendbrot, beim Feierabendbier, meiner besten Freundin mitten in der Nacht am Telefon oder am nächsten Morgen den Kollegen im Büro. Aber es auf Twitter zu erzählen geht schneller und bringt sofortige Anteilnahme. Das ist ein schönes Gefühl.

Und auch einer der Hauptgründe, warum ich auf Twitter lese. Ich nehme Anteil am Leben anderer. Es ist nicht zu leugnen, dass diese Anteilnahme oberflächlicher ist und schneller vergeht. Dennoch ist sie echt. Twitter ist eben nicht das unmittelbare Leben, das mir oder meinen Freunden passiert, wenn es ihm passt. Twitter passiert nur, wenn es MIR passt. Dann aber bringt es mich so schnell und direkt zu Menschen und Themen, die mich interessieren, wie nichts sonst.

Ich folge ungefähr 350 Accounts auf Twitter, die allermeisten davon betrieben von echten Menschen, also nicht von Zeitungen, Sendungen, Parteien oder Organisationen. Aber natürlich schaffe ich es nicht, das Leben dieser 350 Menschen wirklich zu verfolgen. Und doch wächst zu vielen von ihnen eine angenehme Verbundenheit, die – und das ist besonders – ohne jegliche Verpflichtung auskommt.

Mir folgen ungefähr 500 Personen. Im Vergleich zu anderen Twitterern sind das sehr wenige. Für sich gesehen sind das total viele, finde ich. Nur 10 von diesen Menschen kenne ich persönlich, und von diesen 10 habe ich wiederum 5 erst auf Twitter kennengelernt. 495 Menschen sind also wie und wann auch immer über Tweets von mir gestolpert, die sie interessant genug fanden um mein Konto zu abonnieren. Interessant sein ist wichtig auf Twitter. Und ja, es stimmt: Beim Versuch interessant zu sein, wird man zu einer Art Sender und womit man sich beschäftigt wird zum Programm. Was mir durch den Kopf geht durchläuft eine innere PR-Abteilung die prüft, warum das öffentlichkeitswert sein könnte und wie es sich öffentlichkeitsverständlich formulieren ließe. Es wird geprüft, ob sich eine Pointe unterbringen lässt und wenn ja, ob die Pointe witzig oder wenigstens gut ist. Es wird auch geprüft wieviel ich von mir preisgeben würde, ob es das wert ist und – selbstverständlich – wie es wirken könnte.

Will man argumentieren, dass wir in einer Gesellschaft der selbstverliebten Selbstdarsteller leben – Twitter taugt prima als Beweis. Dabei glaube ich nicht, dass ich aufregendere Dinge erlebe als andere Menschen, diese Dinge witziger rüberbringen kann oder per Geburt relevanter bin und deshalb dringend twittern muss. Darum ginge es mir auch gar nicht. Anhand von Twitter ließe sich nämlich ebenso belegen, dass wir uns hin zu einer Gesellschaft entwickeln, in der sich Menschen regelmäßig öffentlich äußern. In der Menschen verbreiten, was ihnen wichtig ist und gegen das argumentieren, was sie aufregt – und zwar nicht nur im Freundeskreis. Und in der sich Menschen Diskussionen stellen; denn alles, was man twittert, kann Diskussionen auslösen, mitunter auch solche, die man am Ende nicht mehr selber führt. Dazu gehört Mut, Meinung und Attitüde. Das sind ausnahmslos Tugenden.

Twitter funktioniert nur durch Filtern. Um überhaupt Tweets zu sehen, muss man den Accounts anderer Benutzer folgen oder nach bestimmten Begriffen suchen. Was man auf Twitter entdeckt ist immer und ausschließlich ein Produkt der eigenen Interessen. Wie auch immer man sich auf Twitter einrichtet – man hat es hübsch in seiner Filterblase. Daran ist nichts Falsches, finde ich, denn die Nachrichtenquellen unseres Vertrauens existieren ja weiter. Mir persönlich hat das Umherwabern in meiner Filterblase gut getan. Ich habe Gleichgesinnte getroffen, mit denen ich meine Schrulligkeiten vertiefen konnte und Netzwerke gesponnen mit Menschen, die ähnliche Ziele oder Ansichten haben wie ich. Ich habe Freunde gefunden und Gelegenheiten jene, die niemals meine Freunde würden besser zu verstehen. Ich lese viele fabelhafte, erhellende Artikel, auf die ich ohne Twitter niemals stoßen würde. Ich sehe Fotos von ausgesprochen aufregenden Menschen. Naja und ich flirte ein bisschen ab und zu.

Twitter ist der Dienst, auf dem ich die persönlichsten Inhalte teile, obwohl er ein so loses, fragiles Netzwerk spinnt und extrem schnelllebig ist. Oder gerade weil. Für viele Twitterer ist es ein Albtraum, wenn enge Freunde oder gar Familienangehörige anfangen, ihnen zu folgen. Auf Twitter kann man ungestüm sein oder ungerecht oder verdorben. Bestimmt will man auf Twitter auch gefallen, aber vielleicht anderen Leuten. Außerdem ist Twitter gnädig genug, die allermeisten Tweets schneller zu verschlucken, als sie Schaden anrichten können. Ja, ich weiß schon, das Internet vergisst nichts. Aber manchmal verlegt es Dinge, insbesondere Tweets, vorzugsweise unter Hunderten von neuen Tweets so dass erstere kein Schwein mehr interessieren. Es ist die Kurzlebigkeit, die gefühlte Anonymität und Unverbindlichkeit, die es mir leicht macht auf Twitter ehrlich und persönlich zu sein. Das ist ein Segen.

(Und ein Fluch. Nichts kann mich zuverlässiger, länger und weiter von dem Ablenken, was ich eigentlich tun wollte als Twitter. Auf den Geräten, an denen ich arbeiten will, ist Twitter daher konsequent tabu. Außer natürlich, wenn ich gerade über Twitter schreibe. Sollte ich öfter tun.)

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